

Seitdem AMG offiziell Teil des Imperiums von Mercedes-Benz geworden ist, hat sich der Charakter der Performance-Schmiede aus Affalterbach deutlich verändert. Die Verbrenner-Modelle sind heute vor allem für ihre brachialere Optik und ihren aufdringlichen Motorsound bekannt. Und selbst der vollelektrische Erstling, das neue GT-4-Türer-Coupé, hat mit seinem massiven „Kühlerschlund" und wenig Mercedes-typischer Optik jüngst die angestammte Zielgruppe verschreckt. Dabei standen die drei Buchstaben in den Achtziger- und Neunzigerjahren für mühelose und dezent elegant verpackte Leistung.
Vor allem der in Kooperation mit Porsche entwickelte und gefertigte 500 E (ab 1993 E500) repräsentierte diese Charakterzüge perfekt – die zeitlos elegante und ausgesprochen unaufdringliche W124 Limousine aus der Feder des Großmeisters Bruno Sacco nur geringfügig modifiziert, unter der Haube aber ein 5,0 Liter großer und 326 PS starker Achtzylinder verpflanzt. So wurde die Oberklasse ab 1990 zu einem echten Wolf im Schafspelz und zum absoluten König der Autobahn.


Das Ende der Fahnenstange war damit aber noch lange nicht erreicht – für noch anspruchsvollere Kunden bot AMG ab 1994 das AMG-Technikpaket mit dem Kürzel 957 an. Die Aufwertung der leistungsstärksten E-Klasse umfasste eine auf 6,0 Liter aufgebohrte Version des V8s, mit der die Sportlimousine offiziell um 55 Pferde auf 381 PS erstarkte. Dabei handelt es sich aber um eine sehr zurückhaltende Angabe, da der Antrieb ordentlich nach oben streut – auf dem Prüfstand wurden dem E60 mitunter Werte oberhalb der 400-PS-Marke attestiert. Enthusiasten vermuten, dass sich der Stuttgarter Autobauer bei der Leistungsangabe so bescheiden gab, weil man intern einen gewissen Respektabstand zu den höher positionierten 600er-Zwölfzylindern des W140 und des SL wahren wollte.
Dank dieses kraftvollen Antriebs sprintete die stattliche Limousine rund eine halbe Sekunde schneller von Null auf Hundert als der E500 und erreichte das allgemeingültige Landstraßentempo nach 5,6 Sekunden. Bei 250 km/h griff auch beim E60 die Bordelektronik ein, auch wenn der Antriebsstrang theoretisch noch deutlich mehr hergeben würde.

Das Technik-Paket umfasste auch ein nachgeschärftes AMG-Fahrwerk, damit der W124 die Mehrleistung auch sicher auf die Straße bringt, eine andere Hinterachsübersetzung und eine verstärkte Bremsanlage. An der Hinterachse griff man dabei auf vom SL 600 übernommene Komponenten zurück. Optisch war der E60 an neuen 17 Zoll-Felgen und einem dezenten Bodykit zu erkennen, der nicht nur dynamisch ausah, sondern auch die Kühlung des großvolumigen Achtzylinders und der Bremsen optimierte. In Sachen Aerodynamik spielte der W124 mit seinem cW-Wert von 0,29 ohnehin ganz vorne mit. Die Kotflügelverbreiterungen des E500 und E60 machten sich in dieser Disziplin zwar etwas negativ bemerkbar, in der Topversion war er aber immer noch minimal besser als der damalige BMW M5 (E34).


Der 6,0 Liter-V8 atmete durch eine eigenständige zweiflutige Auspuffanlage aus, die den Klang des drehmomentstarken und laufruhigen Aggregats perfekt zur Geltung brachte. Bis heute sind die eckigen Endrohre eines der auffälligsten Merkmale des ausgesprochen seltenen E60. Insgesamt wurden zwischen September 1993 und Anfang 1995 ab Werk nur 100 bis 140 E500 mit dem „957“-Paket ausgestattet, die genaue Zahl kommunizierte der schwäbische Autobauer nie. Dazu kommen noch ein paar Dutzend E500, die von ihren Eigentümern nach Affalterbach gebracht und dort nachträglich mit AMGs Technik-Paket aufgewertet wurden. Zum Vergleich: Vom „Basismodell“ E500 liefen inklusive des E60 10.479 Stück vom Band. Dass nur so wenige Kunden bei der Bestellung AMGs umfassendes Technik-Paket ankreuzten, dürfte vor allem daran gelegen haben, dass dafür ein Aufpreis von rund 34.000 Mark fällig wurde – für diese Summe bekam man damals auch einen 190 Diesel.
Preislich lag der E60 damit im Bereich zeitgenössischer Supercars, wie beispielsweise dem 911 Turbo (964). Glücklicherweise konnte er diesen Status auch mit seinen exzellenten Fahrleistungen untermauern. Im Gegensatz zu den zweisitzigen Sportgeräten aus dem Hause Porsche, Ferrari oder Lamborghini war er aber kaum zum Posen geeignet, da er mit seinen gedeckten Farben und den im Vergleich zum W124 nur dezent ausgefallenen Änderungen dem damaligen Stammklientel entsprechend zurückhaltend blieb.

Dass der von Asphalt Classics angebotene E60 im November 1994 ausgerechnet von der Hamburger Mercedes-Benz-Niederlassung ausgeliefert wurde, ist wenig überraschend. Das konsequente Understatement passt bestens zur zurückhaltenden Art der Hanseaten. Dass sich der Erstbesitzer für eine elegante schwarze Lackierung und eine anthrazitfarbene Lederausstattung entschieden hat, unterstreicht diese Herangehensweise.
Bei den Extras ist der Erstbesitzer, ein Hamburger Geschäftsmann und Politiker, keine Kompromisse eingegangen. Der Wagen wurde beispielsweise mit einem elektrischen Schiebedach, beheizten Memory-Sitzen, einem CD-Wechsler von Alpine und einer automatischen Blende für die Heckscheibe ausgerüstet. Das Flaggschiff der W124-Baureihe verfügt über eine nachvollziehbare Historie und verbrachte sein bisheriges Leben zwischen der norddeutschen Metropole und Köln. Gewartet wurde die V8-Limousine ausschließlich bei Markenspezialisten oder bei AMG direkt.


In den vergangenen zehn Jahren wurde sie von Mercedes' Performance-Tochter einer Teilrestauration unterzogen und in Sachen Antrieb komplett revidiert. „Echte" E60 tauchen nur selten auf dem Markt auf – vor allem europäische Exemplare sind rar, während Reimporte aus Japan öfter zu finden sind – was dies zu einer echten Chance macht, in den Genuss des Höhepunkts der legendären W124-Baureihe zu kommen. Dass sich das von einem gebürtigen Hamburger gegründete Unternehmen Asphalt Classics, welches sowohl in der Hansestadt als auch in der Provence ansässig und international aktiv ist, mit dem Modell auskennt, zeigt der im Rahmen des Fotoshootings neben dem angebotenen E60 platzierte E60 Limited. Dieses an seiner gemusterten Lederausstattung erkennbare Sondermodell wurde weniger als fünfzig Mal gebaut, gilt daher als der Heilige Gral für W124-Enthusiasten und befindet sich bereits seit einem Jahrzehnt in der Privatsammlung des Asphalt-Classics-Eigentümers Tobias Scheffler.













































































