Direkt zum Inhalt

Magazin

Das waren die Gipfelmomente des Bergrennsports beim Bernina Gran Turismo

Der Bernina Gran Turismo ist zurück! Am letzten Wochenende erstürmten bei strahlender Alpensonne die besten Bergrennfahrer mit ihren dröhnenden Maschinen den Schweizerischen Berninapass. Das Starterfeld reichte vom kostbaren Pebble-Beach-Gewinner bis zum 1600 PS starken Bugatti Bolide.

Es ist der Moment, auf den wir alle gewartet haben. Ein Anblick von fast übersinnlicher Schönheit, der sich uns in die Erinnerung einbrennen und noch Tage später nachhallen wird. Die Sonne taucht die Wolken und schneebedeckten Alpengipfel an diesem Samstagmorgen um kurz vor sieben Uhr in der Früh bereits in leuchtendes Orange. Doch hier oben, am alten Ospizio Bernina, unweit der Passhöhe auf 2.235 Metern, liegt noch der blaue Dunst der Nacht. Normalerweise würde man jetzt bloß den Wind hören, der einem eisig um die Ohren pfeifft. Doch an diesem Morgen ist alles anders: Die Luft ist erfüllt vom Donnern dutzender Rennmotoren, die von ihren Fahrern auf Touren gebracht werden. Es ist eine Synphonie für Autos und Motorräder aus mehr als 100 Jahren Motorsportgeschichte, die hier von den Bergwänden zurückgeworfen wird.

Ein flammenspuckender Gulf-Porsche 908, der schon bei der Targa Florio in Sizilien antrat, und ein 911 Carrera RSR dröhnen um die Wette. Einige Schritte weiter bollert der mächtige V8 eines Ford Galaxie. Daneben startet ein Lancia 037 Safari-Renner in Martini-Lackierung samt Ersatzrad auf dem Dach seinen Rennmotor. Bei einem Mercedes-Benz 300SL schließen sich gerade die Flügeltüren. Und ist das geduckte rote Getüm dort vorne nicht ein Alfa Romeo TZ2? Benzinkanister werden in Vorkriegsrennwagen geleert, Menschen in Rennanzügen sprinten durch die Reihen der Autos, ziehen Helme über ihre Köpfe, treten Zigaretten aus dem Asphalt aus, johlen und lachen. Dann bricht die Sonne hinter den Bergen hervor und taucht die Szenerie in goldenes Licht, Spoiler werfen meterlange Schatten. Die Startflagge fällt, und das Pulk dröhnt mit infernalischem Sound hinab ins Valposchiavo, aus dem in weißen Wolken der Nebel hinaufsteigt. Man hört sie noch lange, nachdem sie verschwunden sind. Dann kehrt wieder Stille ein vor dem Berninahospiz. Und man fragt sich, ob man das gerade wirklich erlebt hat. Oder vielleicht noch träumend unter Engadiner Daunendecken liegt.

Der Berninapass verbindet das Engadin und das Valposchiavo und zählt zu den schönsten Alpenpässen Graubündens und der Schweiz. Mit seinen Kurven, Kehren und Serpentinen ist er ein Wunder der Topografie, ein Meisterwerk der Ingenieurskunst. Und wer die Passhöhe am Steuer eines Sportwagens erklommen hat, wünscht sich fortan, die Reisebusse und Touristen für einen Tag zu verbannen und diese "Alpenrennstrecke" einmal ganz ungestört zu erstürmen. So ging es auch Kurt Engelhorn — der Autosammler und Rennfahrer hat den Bernina Gran Turismo im Jahr 2014 ins Leben gerufen. In diesem Jahr feierte das Bergrennen seine zehnte Ausgabe, die mit viel Feingefühl von Ana Engelhorn und Luca Moiso orchestriert wurde.

Schon einmal, in den Jahren 1929 und 1930 — kurz nachdem Graubünden sein strenges Automobilverbot aufgehoben hatte — traf sich am Berninapass eine illustre Schar tollkühner Rennfahrer, um ihr Talent am Steuer ihrer dröhnenden Maschinen zu messen. Das erste Bernina-Bergrennen war Teil der „Internationalen Automobilwoche St. Moritz“ und legendäre Fahrer wie Hans Stuck mit seinem Austro-Daimler und Louis Chiron mit einem Bugatti nahmen an diesem 16,5 km langen Alpen-Showdown teil. Ihren Reifenspuren folgten die Fahrer in ihren fantastischen historischen Rennwagen wie Martin Halusa im Bugatti Type 35 B von 1927, Klaus Dold im Alfa Romeo 8C von 1932 und natürlich auch Fritz Burkard, der seinen Bugatti Type 59 ohne Rücksicht auf Verluste durch die Kurven trieb. Es dürfte das erste Mal sein, dass ein Pebble-Beach-Gewinner an einem Bergrennen teilnahm — und ein Anblick, den man so wohl nur beim Bernina Gran Turismo erleben kann.

Alle Autos starten in La Rösa, einem historischen Weiler im Valposchiavo. Von hier aus windet sich die Strecke über 5,4 Kilometer hinauf zum Ziel auf der Passhöhe. Umgeben von der dramatischen Bergwelt Graubündens und topografisch anspruchsvoll, ist die Passstraße selbst für gestandene Rennfahrer ein echtes Erlebnis. Was den Bernina Gran Turismo auch für die Zuschauer so besonders macht, ist die Tatsache, dass man sich die besten Aussichtspunkte an der Strecke selbst erwandern — und mitunter auch einmal mehrere Stunden bei Regen, Hagel oder Schnee am Berg ausharren muss. Dafür kommt man den Autos so nahe wie sonst bei kaum einem Rennen.

Vor allem in der Competition Class gehen die Fahrer aufs Ganze: Susanne Halusa im eleganten Ferrari 250 SWB Competizione, Ronnie Kessel und Francesco Siccardi in ihren herrlich agilen Alfa Romeo 1750 GTAm und vor allem Daniele Perfetti im dröhnenden Porsche 911 Carrera RSR, der letzlich zum Rennsieger gekürt wurde, boten Rennsport vom Feinsten. Eine fahrerische Ausnahmeleistung boten auch Franco Gansser, der am Steuer des brachial-störrischen Porsche 908 die engen Kurven bezwang, dicht gefolgt von Hans Meeder im knallroten Porsche 911 Carrera RSR.

Doch auch in der Regularity-Klasse, wo die Zeiten durch die FIA vorgegeben werden, und bei den Demonstration Runs konnte man die Fahrer mit reichlich Können und quietschenden Reifen durch die Kurven driften sehen: Vom monströsen Bentley 4 1/2 Litre mit Katharina Kyvalova am Steuer bis zum Lamborghini Diablo konnte man die Ikonen der Automobilgeschichte durch die Spitzkehren sprinten sehen, während Geländelegenden wie der Audi Quattro Gruppe B S1, Lancia 037, Mitsubishi Lancer Evo 6 und Subaru Impreza WRX ST1 Prodrive (mit der gerade erst 19 Jahre alten Victoria Dold hinterm Volant) die Höhepunkte des Rallyesports erinnerten.

Am meisten Lärm machten derweil Alexander Boller in seinem Ford Galaxie 500, einem roten Flugzeugträger auf Rädern, und Marc Gassman im fuchsteufelswilden Ford Mustang Foxbody. Dabei darf man beim Bernina Gran Turismo auch mit weniger brachialem Gerät antreten: Kurt Engelhorn im Lotus Elite S2, Christian Klainguti im Riley Cope Special oder Fabian Bartlome im Austin Cooper S erinnerten uns daran, dass ein geringes Gewicht im Bergrennsport manchmal mehr Wert sein kann als Hubraum und Pferdestärken. Aufs Podest fuhr in der Regularity-Klasse letztlich Vic Jacob im Austin Healey 100S.

Doch nicht nur die Automobilgeschichte wurde beim Bernina Gran Turismo wieder lebendig, auch einen Blick auf die Zukunft des Rennsports konnte man erhaschen: Fritz Burkard hatte neben dem Bugatti Type 59 auch seinen neuen Bugatti Bolide mitgebracht — ein mattschwarzes UFO mit mehr als 1600 PS, der zwischen den Renneinsätzen mit Heizdecken und Mechaniker-Crew wie ein Formel-1-Rennwagen gewartet wurde. Es war der erste Einsatz des brachialen Bolide auf offener Straße, und so gaben sich am Steuer mit Wechsel mit Burkard der legendäre Test- und Rennfahrer Andy Wallace sowie Bugatti-CEO Mate Rimac die Ehre. Bedrohlich wie ein Stealthbomber schoss der Rennwagen zwischen Felsen und Arvenwäldern den Berg hinauf, um nach jedem Stint wieder im Hangar unter dem Bernina-Hospiz zu verschwinden.

Es ist diese Mischung aus ungläubigem Staunen und authentisch-lockerer Rennatmosphäre mit Bratwurst und Kaffee aus dem Pappbecher, die den Bernina GT so besonders macht. Hier oben, jenseits der Baumgrenze, geht es vor allem um die gute Stimmung, den gemeinsamen Spass am sportlichen Fahren, die Liebe zu Autos und Bergen — und nicht so sehr um Selbstinszenierung und Likes auf Instagram. Als am Sonntag auf dem Dorfplatz von Poschiavo die Gewinner gekürt wurden, fühlte man sich bereits als Teil einer automobilen Familie, die jedes Jahr an einem Samstagmorgen im September zusammenkommt, um gemeinsam in der Morgensonne die Motoren dröhnen zu lassen. Wir freuen uns schon jetzt aufs nächste Mal!

Fotos: Andrea Klainguti und Keno Zache

Watch our latest YouTube videos