Zeitreise durch Berlin mit Lodown-Verleger Thomas Marecki und seinem Dino

Es ist genau 25 Jahre her, dass Thomas „Marok“ Marecki mit Lodown eines der einflussreichsten europäischen Street Culture-Magazine gründete. Błażej Żuławski bat anlässlich des Jubiläums um eine Zeitreise zu jenen Berliner Orten, an denen 1995 alles begann.

Der Hauptsitz von Lodown befindet sich in einem dieser typischen Berliner Lofts. Während ich zu Fuß dort ankomme, werde ich von einer Gruppe langhaariger Teenager überholt, die mit ihren Skateboards die Straße entlang surfen. Beanie-Mützen auf dem Kopf, XXL-Vintage-T-Shirts um den Oberkörper schlabbernd, und Vans an den Füßen. Während sie lärmend vorbeirollen und um die nächste Ecke verschwinden, sage ich mir, dass dies ein gutes Omen sein sollte: Ein Zeichen, das Mode und Kultur nach rund 25 Jahren wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren. 

Es ist der perfekte Zeitpunkt, in jene Zeit zurückzureisen, in der ich selbst ein rebellischer Jugendlicher war. Vor allem deshalb, weil damals erstmals in der europäischen Geschichte Skateboarding, Surfing, Street Art und Rapmusik an vorderster Front dessen rangierten, was man als „cool“ betrachtete. Und Magazine wie Lodown zumindest in unserer Generation den Status von Bibeln genossen. 

Auf Anhieb zieht mich das eklektische, kreative Chaos in den Räumen von Lodown in seinen Bann. Es zeugt von der grenzenlosen Kreativität und Passion von „Marok“, wie Thomas Marecki sich als Künstler nennt. Ich entdecke Stapel von Special-Edition-Magazinen, die der Verlag über die Jahre herausgebracht hat, darunter ein wundervoll gestaltetes Auto-Magazin namens Vehikel. Daneben die obligatorischen Skateboards – viele davon noch in ihrer Folienverpackung – und BMX-Räder, die Marecki für seine Freunde baut. 

Oh, und natürlich Kunst, massig davon. Von Postern und Gemälden bis zu Siebdrucken und Bildschirm-Prints. Besonders beeindruckt bin ich vom riesigen Gemälde eines Formel 1-Unfalls, das mich daran erinnert, dass mein Gastgeber ja auch ein großer Petrolhead ist. 

Während mir Marecki einen Kaffee braut, entdecke ich noch weitere Details, die das Büro so einzigartig machen. Da finden sich alte Spielekonsolen, Flaschen ukrainischen Wodkas, japanische Spielzeuge, eine Postkarte vom Besuch des Papstes in Fatima, Porträts berühmter Rapper, Schuhe und einzigartige Designstücke – wie  etwa einen Hoverboard-Deckenventilator, der an heißen Tagen die fehlende Klimaanlage ersetzt. Ich bin wirklich überwältigt und es kommen mir polnische Magazine wie DiosdadoŚlizg und Fluid in den Sinn, die Ende der 1990er-Jahre erschienen und alle von Lodown beeinflusst waren. 

Marecki ist ein Mann weniger Worte. Er zieht es vor, mir seine Designs zu zeigen und dann im Detail über sie zu reden. Eine gute halbe Stunde lang öffnet er auf der Suche nach diversen Sonderheften, Büchern und Postern endlose Schubladen. Er ist ein stolzer Vater seiner Kreationen. Wir schaffen es sogar, eine gerahmte Kopie der allerersten Ausgabe von Lodown aufzuspüren. Genau 25 Jahre danach und untypisch veröffentlicht in einem Querformat. 

Heutzutage erscheint Lodown viermal im Jahr, mit unregelmäßig dazwischen gestreuten Sondereditionen wie das Paradise by Lo(ck)down Magazine. Erstaunlicherweise scheint sich Marecki bislang nicht allzu sehr um den Einstieg ins Online-Publishing zu kümmern. Er zieht atomare, analoge und kondensierte Dinge vor – was vielleicht auch erklärt, warum er klassische Automobile so sehr liebt. 

Wir gehen nach unten. Der Porsche ist nicht da – Marecki teilt ihn sich mit seinem Vater, der ihn fürs Wochenende ausgeliehen hat. Doch unter einer Plane parkt in einer Ecke sein Ferrari 360 Modena in Rosso Corsa mit dem passenden Nummernschild „BMX 360“. Daneben ruht das Fragment eines Lotus Esprit, den Marecki – wie eines der BMX Bikes von oben – auf Elektroantrieb umbaut. 

„Ich muss noch das Fahrwerk mit der Karosserie verheiraten“, sagt er, ehe er sich für den Zustand des Autos, mit dem gleich losfahren wollen – sein Dino 308 GT4 in Azzurro California – entschuldigt. „Ich hatte leider keine Zeit, ihn noch einmal zu waschen.“ Der Wagen ist in der Tat nicht sehr sauber. Doch was wichtiger ist: er ist mechanisch topfit und springt mit einem angenehmen Grollen seines 2,9-Liter-V8 sofort an. 

Unser Ziel ist es, jene Plätze aufzusuchen, die Marecki und seine Lodown-Freunde und Kollegen vor 25 Jahren regelmäßig aufgesucht haben. Ich bin scharf darauf, in diese Energie des Jahres 1995 einzutauchen – die Berliner Mauer war noch nicht lange gefallen, der Osten öffnete sich gegenüber neuen Einflüssen und die jungen Leuten suchten nach frischen Ausdrucksformen. Neue Moden kamen auf, urbane Räume wurden für bisher unbekannte Aktivitäten genutzt.

Leider muss ich zur Kenntnis nehmen, dass unser geplanter Stopp am ersten Redaktionsbüro leider ausfallen muss: Das Gebäude lag im neu entdeckten Zentrum West-Berlins nahe des Kurfürstendamms – und es ist im heutigen dichten Verkehr schlicht zu weit entfernt. Und es gibt eine weitere schlechte Nachricht: Als Folge der Gentrifizierung von Mitte und der Beliebtheit bei Touristen sind die originalen Clubs und Bars von einst allesamt verschwunden. 

Wir fahren weiter und ich entdecke, dass in der Ziegelstraße – wo mit der WMF Loungebar einst eine Kult-Location der 1990er-Jahre lag – nun ein großes Loch für den Bau eines Bürogebäudes klafft. Marecki schickt mir später ein Foto von DJ Highfish ­– aka Marcin Kozłowski, aka Marcin Öz, Bassist der Band The Whitest Boy Alive – wie er damals dort auflegte. Der bekannte WMF Club in der Johannisstraße 20 erlitt dasselbe Schicksal, auch dort wird gerade gebaut. 

Ich tröste mich damit, dass es noch schlimmer sein könnte. Denn es ist ein wunderschöner Tag und Marecki, der sich ganz offenbar ein wenig mitschuldig fühlt, will den Mangel an spannenden Locations wettmachen, indem er weitere nicht mehr existierende Locations aufzählt. Ich habe keine Zeit, sie alle zu notieren. Doch eines scheint klar: Eine Passage, ein Schlupfloch durch die Zeit, zurück ins Berlin des Jahres 1995, werden wir heute nicht finden. Als einzige veritable Zeitmaschine in diese Epoche des Aufbruchs taugen bloß noch die alten Lodown-Hefte. 

Plötzlich wird der Verkehr flüssiger, und ein Tunnel taucht vor uns auf. Marecki öffnet die Fenster des Dino. Innerhalb von fünf Sekunden vergesse ich die Enttäuschungen des Tages, die sich jetzt in einer Symphonie aus Geschwindigkeit und Motorsound auflösen. Es ist eine Plattitüde, dass nichts im Leben perfekt ist. Alles entwickelt und verändert sich, und das hat in der Tat auch etwas Gutes. Ich jedenfalls schätze mich glücklich, diese Stadt vom Beifahrersitz eines klassischen Ferrari anstatt von einem Skateboard zu erleben. Schließlich bin ich nicht mehr 14 – ebenso wie die Lodown

Fotos: Błażej Żuławski für Classic Driver © 2020

Die Website des Lodown Magazins finden Sie hier.