Wie ein Autodesigner diesen Ferrari 308 nach 17 Jahren entdeckt und restauriert hat

Viele von uns träumen davon, einen einmaligen, tief im Wald vergessenen Scheunenfund zu machen und zu restaurieren. Julien Famchon entdeckte hingegen seinen Ferrari 308 GTB ganz profan in der Tiefgarage seines Apartments. Aber den Besitzer zu finden, war schon eine Herausforderung.

Julien, danke, dass Sie sich für uns Zeit nehmen. Erzählen Sie uns zunächst etwas von sich...

“Ich bin ein 42 Jahre alter französischer Autodesigner. Ich begann meine Karriere als Praktikant bei Pininfarina während ich noch studierte. So war ich auch am Design einiger Ferrari-Modelle beteiligt – eine unglaubliche Erfahrung. Anschließend arbeitete ich für Peugeot und Citroën und vor sieben oder acht Jahren zog ich nach Deutschland, um für Kia zu arbeiten. Mir haben schon viele Autos gehört, darunter einige aus England, meistens waren es Sportwagen, darunter auch Alfas.”

 

Was hat Sie am 308 fasziniert? War er Ihr Posterauto im Schlafzimmer oder haben Sie ihn schon als Kind begeistert auf der Straße entdeckt?

“Als Teenager hatte ich nur ein Modellauto und das war der Ferrari 308, aber als roter Targa und nicht als schwarzes Coupé. Seit ich bei Pininfarina anfing, wollte ich einen. Aber in den letzten Jahren sind die Preise durch die Decke gegangen. Hätte ich mit meiner Recherche zehn Jahre früher angefangen, hätte ich mir auch einen leisten können, aber das war leider nicht der Fall.”

 

Warum wollten Sie genau dieses Auto?

“Ich habe dieses Auto erstmals 2016 in Turin, wo ich wohnte,  gesehen. In meinem Wohnblock gab es eine Tiefgarage, wo ich meinen Mini parkte – und daneben stand dieser 308. Es sah aus, als wäre er dort schon eine längere Zeit abgestellt gewesen. Er war zwar abgedeckt, aber ich habe die Form des 308 trotzdem sofort erkannt. Ich wusste auch, dass ich mir keinen in vernünftigem Zustand leisten konnte. Aber ich dachte mir, wenn dieses Auto sich nicht in Showroom-Qualität befindet, dann wäre es vielleicht die Chance, meinen Traum zu verwirklichen.”

 

Wie schwierig war es, mehr über dieses Auto zu erfahren?

“Damals hatte ich noch andere Autos wie einen Alfa Romeo 2000 GTV, den ich komplett restauriert habe, sowie einen Ferrari 360 Modena. Mein Ziel war auch nicht, sofort einen 308 zu kaufen. Ich hätte dafür alle anderen verkaufen müssen und war noch nicht zu dem Schritt bereit. Ich habe allerdings ein wenig recherchiert und erfahren, dass das Auto Gian Piero Albanese gehört, dem Vater von Satya Albanese, Besitzer meiner Wohnung und meines Stellplatzes.

“Mein Ziel in 2016 war zunächst Kontakt zu dem Sohn herzustellen. Ich wusste auch, dass das Auto technisch in bestem Zustand war. Natürlich hatte es geruht, aber es bot trotzdem eine solide Basis, auf die man aufbauen konnte. Alle paar Wochen habe ich meine Suche wieder aufgenommen, aber es würden noch drei Jahre vergehen, ehe ich endlich den Kontakt zu Satya hergestellt hatte. Ich entdeckte ihn zunächst auf Facebook unter einem anderen Namen und schickte ihm Mitte 2017 eine Nachricht. Aber er antwortete erst 2019 – wir waren nicht auf Facebook befreundet und er sah meine Nachricht durch reinen Zufall.

“Satya sagte, dass er sich nur ungern von dem Auto trennen möchte, denn es war eine Erinnerung an seinen Vater, der verstorben war. Dieses Gefühl konnte ich gut nachempfinden, weil ich eine Uhr habe, die meinem Vater gehörte und die mich mein ganzes Leben begleiten wird. Er erzählte mir von seinem Vater, der acht Jahre lang in der Formel 1 gearbeitet hatte, unter anderem als Manager von Gilles Villeneuve. Gilles war es auch, der ihn 1980 bewog, das Auto zu kaufen. Sie haben manchmal zusammen Fahrten unternommen.

“Es stellte sich heraus, dass Gilles auch einige Modifikationen vorschlug, um die Leistung zu verbessern. Eine Entdeckung, die wir machten, als ich mit dem Auto in der Werkstatt war. Eines der wichtigsten Merkmale war ein Schalter, um den Bremsdruck bei harter Fahrweise zu erhöhen. Mein Mechaniker wollte das zunächst nicht glauben, weil er diesen technischen Eingriff davor noch nie gesehen hatte. Wir haben uns entschlossen, dieses Upgrade zu behalten, weil es Teil der Historie des Fahrzeugs ist und heute lasse ich diese Einstellung permanent eingeschaltet.”

 

Wie haben Sie den Besitzer davon überzeugen können, sich von seinem Auto zu trennen? 

“Ich wollte ihn nicht unter Druck setzen, schließlich wusste ich, dass er emotional mit dem Auto verbunden war. Als wir allerdings anfingen, uns immer häufiger über Autos und unsere gemeinsame Leidenschaft zu unterhalten, gab er dann doch nach. Es lagen vermutlich fünf Monate zwischen unseren ersten Gesprächen und seiner Entscheidung. Ich denke, er scheute sich anfangs vor Händlern, die den 308 einfach nur rasch weiterverkaufen wollten, aber ich erzählte ihm, weshalb ich dieses Auto liebte. Und ihm wurde klar, dass ich keinen Profit herausschlagen wollte.”

 


In welchem Zustand war der Ferrari, als Sie ihn entdeckten?

“Das Auto hatte 17 Jahre auf diesem Stellplatz verbracht, somit gab es einige Dellen, die sich aber, ohne den Originallack zu beschädigen, beheben ließen. Der Innenraum befand sich in perfektem Zustand: Wir mussten nur das Leder und einige der Kunststoffteile wieder befeuchten. Als die Arbeiten abgeschlossen waren, sagte mir der Restaurator, dass der 308 absolut perfekt ist, er müsse nur neu gespritzt werden. Aber für mich war gerade diese Patina wirklich wunderschön. Ich wollte nicht diesen Aspekt der Geschichte dadurch entfernen. Außerdem sollte das Auto nicht zu perfekt sein, sonst hätte mich das vielleicht vom unbeschwerten Fahren abgehalten.

“Ich hatte einen Alfa GTV 2000, den ich in der Vergangenheit komplett restauriert hatte, aber er hatte dadurch seinen Charakter verloren. Ein Fehler, den ich mit meinem 308 nicht wiederholen wollte. Als ich das Auto ausgehändigt bekam, fand ich im Innenraum noch Papiere aus den achtziger Jahren, weil alles so Besitzer belassen hatte. Es war wie eine Zeitreise. Es war mir sehr wichtig, den ersten Besitzer ausfindig zu machen, um noch mehr über die Historie des Autos zu erfahren. Ich fand diesen Erstbesitzer, Lubin Palmer III, auf LinkedIn – ich hatte ja das Serviceheft und fand seinen Namen auf den Unterlagen. Ich habe ihn gefunden und so traf er nach 40 Jahren wieder auf sein Auto. Übrigens, er war auch Autodesigner!”

 

Hat der 308 nach der Restaurierung Ihre Erwartungen erfüllt? 

“Als ich mir dieses Projekt vornahm, hatte ich eigentlich nicht mit dieser hochwertigen Restaurierung gerechnet. Ich hatte ein Budget von rund 45.000 Euro, das für die technische Überholung und nicht für Kosmetik vorgesehen war. Letztlich wurde es ziemlich kostspielig – ich bin also nicht mehr so weit vom Marktwert entfernt. Außerdem musste ich zwei Autos verkaufen, um dieses Unterfangen zu finanzieren. Ich verkaufte meinen Lotus Exige S1, um den Ferrari überhaupt erwerben zu können. Meinen Alfa Romeo 2000 GTV habe ich verkauft und den Erlös in die Instandsetzung des 308 investiert. Es fiel mi schwer, mich vom Alfa zu trennen, denn ich hatte ihn restauriert und Giorgetto Giugiaro hatte ihn auch noch signiert. 

“Der Mann, der meinen Ferrari restaurierte heißt Jochen Frick, der die Sportwagen Spezialisten in Frankfurt leitet. Sie sind sehr bekannt und haben sich auf die Instandsetzung klassischer Ferrari spezialisiert. Ich war alle paar Tage in der Werkstatt, um Aspekte des Prozesses zu besprechen. Es gab eine intensive Kommunikation zwischen mir und den Mechanikern, was mich sehr ermutigt hat. Das Polieren der Teile war nicht im Preis inbegriffen, aber der Mechaniker wollte, dass ich auch selbst am Auto arbeitete. Über Weihnachten lieh er mir das Werkzeug und ich polierte selbst alle Motorkomponenten. Am Ende waren meine Hände fix und fertig: Ich konnte nicht schreiben, ich konnte absolut nichts. Jochen hat mich wie einen seiner Mitarbeiter behandelt – Während ich gerade dabei war, etwas unermüdlich auf Hochglanz zu polieren, spornte er mich an, weiterzumachen. Aber er schritt auch ein, wenn ich drohte, verrückt zu werden.

“Jetzt sind wir eng befreundet und ich komme oft auf einen Kaffee vorbei, um zu sehen, woran er gerade arbeitet. Die Werkstatt befindet sich an einem sehr schönen Ort in Frankfurt. Es ist dort wie in einem Museum, himmlisch für einen Petrolhead. Dieses Auto bedeutet mir so viel. Ich habe Jahre damit verbracht, erst den Besitzer ausfindig zu machen, dann es aufwändig zu restaurieren. Und dann habe ich zwei geliebte Autos verkauft, um den 308 zu bekommen: Diesen Ferrari verkaufe ich nie. Ich werde ihn weiter an jedem Wochenende fahren, so lange ich das vermag!”

 

Fotos: Nook 2_M and Mark Reinert