Wir haben uns in Goodwood für die neue Rennsaison warm gefahren

Bald geht sie los – die neue Saison des historischen Motorsports. Zum Aufwärmen haben wir in Goodwood eine kleine, aber feine Auswahl klassischer Rennsportler ausprobiert.

Man lehnt sich an den Zaun und verfolgt so fasziniert wie sehnsuchtsvoll, wie furchtlose Fahrer ihre kostbaren Klassiker mit atemberaubender Präzision um die tückische Rennstrecke jagen – so kennen die meisten von uns das Goodwood Revival. Doch wie sich dieses Spektakel wohl auf dem Fahrersitz anfühlt? Im Rahmen der neuen Goodwood Revival Experience hatten wir nun selbst die Gelegenheit, einen ersten Eindruck dieser grandiosen Erfahrung zu erhalten – und eine wunderbare Auswahl agiler Rennwagen-Ikonen um die berühmte Rennstrecke zu jagen. 

Ein verführerischer Vorgeschmack

In der Palette der Incentive-Tage für Unternehmen dürfte das Erlebnis, eine Reihe von klassischen Tourenwagen auf der historischen Rennstrecke von Goodwood im Geist der Rennsportheroen selbst bewegen zu dürfen, einzigartig sein. Der von Lord March neu ausgerufene Event soll einen Eindruck vom besonderen Reiz des Goodwood Revival vermitteln – und zwar von der St. Mary’s Trophy, als Pilot. Und es wäre nicht der Geist von Goodwood, wenn es sich nur um die Rennen drehen würde: Bei der Ankunft wird man von den Glamcabs Girls begrüßt und der berühmte Goodwood-Veteran „Viv the Spiv” ist auch schon da, um mit munteren Sprüchen seine komische Ware anzupreisen. Damit nicht genug, denn ein paar Postboten im Vintage Look auf Motorrädern aus den vierziger Jahren donnern heran, um eine persönliche Einladung in Telegrammform zu übergeben. Es mag surreal wirken, aber dieser Einfall für diese wesentlich intimere Veranstaltung ist typisch für den Zauber Goodwoods. 

250 GTO? Na und!

Das RAC TT-Rennen mit dem Spektakel eines Rudels Ferrari 250 GTO sorgt zwar alljährlich für Schlagzeilen in Goodwood, aber die St. Mary’s Trophy mit den Größen des Motorsports, die in einem atemberaubenden Aufgebot klassischer Tourenwagen gegen einander antreten, gehört zu den Publikumsmagneten schlechthin. Wo sonst als dort könnte man erleben, wie der neunmalige Le Mans-Gewinner Tom Kristensen einen riesenhaften Ford Galaxie bändigt und unerbittlich gegen Barrie „Whizzo” Williams in seinem Mini kämpft. Die Autos, die für das Revival Racing Experience bereit stehen, könnten unterschiedlicher nicht sein, den die Flotte umfasst Mini Cooper, Lotus Cortina, Jaguar MK II, BMW 1800 Ti/Sa, Alfa Romeo 2000 GTV, MGB Roadster, Ford Falcon und ein Porsche 912. Was für diese Aufgaben noch wichtiger ist: Sie sind jeweils mit Käfig, Sicherheitsgurten und den speziellen klebenden Reifen ausgestattet. Zusätzliche Drehzahlbegrenzer und die modifizierten Bremsen gehören bei diesem Event für die Rennnovizen ebenfalls zum Paket. Der Start zur Saison des historischen Rennsports zeichnet sich schon am Horizont ab – höchste Zeit, das ideale Auto für die kommenden Veranstaltungen auszuwählen. Nur gut, dass sich zu dieser Jahreszeit auf den Wiesen und Böschungen rund um die Strecke noch keine erwartungsvollen Zuschauermassen bewegen. 

Verlässlich reaktionsschnell

 

Festgezurrt im niedrigen und anschmiegsamen Cockpit des MGB, umgeben vom Gebell der Rennmotoren und mit Lenkrad, Pedalen und Schalthebel in der idealen Position, fühle ich mich für einen Augenblick wie ein echter Rennfahrer, der sich fürs erste Training beim Revival bereit macht. Als ehemaliger Rennwagen ist der MGB eine wahre Freude – gut ausbalanciert, alert und ungemein spurtstark. Kurzes, knackiges Schalten und die schmale Pedalerie sind ein weiteres Plus, zumal sich hier Herunterschalten mit der Wippbewegung von Fuß und Ferse endlich einmal in die Tat umsetzen lässt. Was man nicht unbedingt von den anderen Autos behaupten kann.

Ein Elefant im Wolfspelz

Allen sportlichen Ambitionen zum Trotz, schwebt der große Jaguar MK II mit majestätischer Grazie. Hinter dem großen Holzlenkrad platziert, Beine ausgewinkelt, um die weiter angesetzten Pedale zu erreichen, muss man sich fast aus dem Sitz wuchten, um das Automobil um die Kurven zu zwingen. Ich bedaure die armen britischen Polizisten, die sich in diesem Schiff in den sechziger Jahren Verfolgungsjagden mit Gangstern liefern mussten. Aber gut zu wissen, dass der Zigarrenzünder, umgeben von feinem Wallnussfurnier, noch intakt ist – vielleicht hat man ja zwischendurch einmal Lust auf blauen Dunst.

Pedal to the Metal

Das Rezept, um die Nase des Mini während einer Goodwoodrunde immer richtig auszurichten, so unser Instruktor, heißt:  Gasfuß am Anschlag. Der Rundkurs ist berühmt-berüchtigt, deswegen klingt dieser Rat zunächst höchst beunruhigend, aber es macht tatsächlich einen Riesenspaß. Das winzige, fast flach montierte Lenkrad zusammen mit dem grundsoliden Fahrwerk verleihen dieses legendäre Gokart-Feeling. Man hüpft und fliegt um den Kurs, hebt bei Madgwick und St. Mary’s kurz ab und tippt nur bei der Einfahrt in Woodcote kurz auf die Bremse.

Jäger und Sammler

Die Dreigangautomatik ist zwar etwas umständlich, aber was ist das schon im Vergleich zum grandiosen 5,0-Liter-V8 des Ford Falcon? Dieser Motor ist für sich genommen das eigentliche Fahrerlebnis und verschenkt großzügige Portionen an Drehmoment. Wie das Maul eines hungrigen Hais nähert sich der gewaltige Kühlergrill dem Heck des Minis. Obwohl es ein großes Auto ist, fühlt es sich gut an. Man muss nur wirklich auf die Bremsen steigen, um das Mammut zu verlangsamen - das macht gerade vor der engen „Woodcote” etwas nervös.

Fein, zierlich, köstlich

Bap-bap-bap hechelt der feuerrote Alfa Romeo 200 GTV im Stillstand und schon damit beschleunigt sich der Puls mehr als bei den anderen Autos während man an der Ampel am Ende der Boxengasse auf grün wartet. Das Handling des Leichtgewichts verlieht von Anfang an Vertrauen in diese kleine Maschine und der sehr willkommene fünfte Gang, den der Alfa als einziger in der Experience-Auswahl besitzt, verleiht ihm auf den langen Gerade Flügel. Auch die Bremsen sind fantastisch. Man kann nur erahnen, wie sich Frank Stippler fühlen mag, wenn er hier mit seiner wuchtigen Giulia GTA herumwirbelt. Selbst am Steuer zu sein, muss noch magischer sein, denn als Zuschauer mitzufiebern.

Hommage an den großen Jim

Für mich heißt der unbestrittene Star dieser vorgezogenen Goodwood-Show Lotus Cortina. Ich habe noch das unvergessliche Bild von Jim Clark im Kopf, als er scharf einlenkte, um in seiner „Tina” durch die Schikane zu brennen - also anschnallen und raus auf den Kurs. Die Vorfreude wird nicht enttäuscht, denn mit dem rauen Sound des Motors mit zwei Nockenwellen wird nicht nur wunderbarer Lärm, sondern auch jede Menge Kraft geliefert. Trotzdem fühlt sich das Auto tänzelnd und leicht an und schießt von Kurve zu Kurve als wollte es noch stärker gefordert werden. Ich habe das Erlebnis so genossen, dass ich mir eine Extrarunde erschlichen habe. Für rund zwei Minuten war ich Jim Clark! Allein für die Erfahrung, für Momente in den Spuren der Großen unterwegs zu sein, sollte man seinen Chef auf Knien anflehen, die Revival Racing Experience zu buchen. Müssen es denn immer Golf oder teambildende Maßnahmen in der Wildnis sein?

Fotos: Robert Cooper für Classic Driver © 2017