Was fährt ein McLaren-Designer eigentlich am Wochenende?

Man könnte sich gut vorstellen, dass der Mann, der den McLaren P1 entworfen hat, eine Art verrückter Wissenschaftler oder ein Kind sein muss, das seiner Fantasie freien Lauf lasse durfte. Weit gefehlt. Paul Howse ist ein ganz normaler reizender Mann - allerdings mit einer Passion für klassische BMW.

Paul Howse hatte gerade ein halbes Jahr sein Studium am Royal College of Art abgeschlossen, als ihn aus heiterem Himmel Frank Stephenson anrief. Nicht nur, dass er ins noch  junge McLaren-Designteam aufgenommen wurde: dann wurde auch noch sein erster Entwurf für den P1 ausgewählt. Zusammen mit dem heutigen Chefdesigner Rob Melville nahm der außergewöhnliche Sportwagen unter der sorgfältigen Aufsicht von Stephenson langsam Gestalt an. 

Eine einmalige Gelegenheit

„Meine ersten Skizzen waren zwar noch recht grob, aber im Verlauf des Projekts blieb ihre Essenz erhalten”, erläuterte er. „Ich wusste, es müsste der schönste und fortschrittlichste Supersportwagen schlechthin werden. Deswegen wollten wir eine wunderschöne Außenhaut, die aber auch den Blick auf aerodynamische Elemente freigeben sollte”. Das Lastenheft der Designer verlangte aber von den Kreativen mehr, als nur das neue Flaggschiff der Marke zu zeichnen - sie erhielten damit die Chance, die Formensprache der britischen Supersportwagenschmiede festzulegen. „Selbst heute fällt es mir noch schwer zu glauben, dass das alles auch wirklich passiert ist.” 

Es geht auch ohne Heizung und Tempomat

Moderne Sportwagen gehören bei Howse zum täglichen Brot, aber sein Herz hat er an Klassiker und den historischen Motorsport verloren. Durch den berühmten Film von Speed Merchants nimmt der Alfa Romeo Tipo 33, zusammen mit dem Countach und dem Maserati A6GCS von Pininfarina einen ganz wichtigen Platz in seiner Garage der Träume ein. Gut 18 Monate pendelte er mit seinem BMW 2000. „Wenn das Menschen täglich in den Siebzigern konnten, müsste ich das doch auch schaffen”, erinnert er sich an seine Wahl. „Das Auto ist verlässlich jedes Mal angesprungen, ich habe sogar Winterreifen aufgezogen. Ich tausche begeistert den Luxus moderner Autos gegen den Charme und Charakter eines alten Fahrzeugs - sie geben einem das Gefühl,  etwas Besonderes zu sein.”

Als bekennender Geek taucht diese Leidenschaft fürs Detail auch in seiner Arbeit auf: Die unglaublich komplizierten Türverkabelungen des P1 beispielsweise verdanken sie den Porsche 956/962-Gruppe C-Autos. Beim 720S, den Howse als leitender Exteriordesigner verantwortete, standen die bauchigen Frontscheinwerfer des Alfa Romeo Tipo 33 Stradale Pate - diesen McLaren durften wir erst kürzlich in Rom ausführen. 

Besessenheit aus Zufall

BMWs hatten Howse immer gefallen, aber die wahre Leidenschaft entbrannte erst, als er eher zufällig Besitzer wurde. Nach einer Reihe von Autos, die wie der Alfa Romeo GTV6, Peugeot 106 Rallye und ein Porsche 944 angeschafft und dann wieder verkauft wurden, suchte der Designer zusammen mit seiner Frau ein Fun Car  fürs Wochenende. Der Z1 entsprach genau den Vorstellungen. „Der Roadster ist schon jetzt ein Designklassiker - ein Concept Car für die Straße.” Bald sollten der 2002 Touring und der M535i folgen, die uns mit Howse in seiner heimatlichen Grafschaft Surrey bei Ausfahrten begleiten. Der Eindruck täuscht nicht: Die Liebe des Designers wird so schnell nicht erkalten. „Die Motoren sind mega, das Handling ist gut und sie sehen einfach toll aus. Ich war gerade dabei, mich in meinem Beruf zu etablieren, als ich auch BMW entdeckte. So habe ich auch schätzen gelernt, was die Marke geleistet hat. Die Fahrzeuge haben sich immer durch ihre Proportionen und die Klarheit der Linien ausgezeichnet - sogar die Einstiegsmodelle.”

Keine andere Wahl!

Was Autos betrifft, war der Weg von Howse schon vorgezeichnet. Denn als er geboren wurde, baute sein Vater Motoren für Timo Salonens Rallyemeisterschaftswagen von Datsun. Die Rennen in Le Mans zu verfolgen, gehören zu seinen frühesten Erinnerungen: Er versuchte dabei immer seinen Vater in der Boxengasse zu entdecken, als dieser Mechaniker für das Gruppe C-Team von Spice Engineering war. Und als wäre das nicht genug, war sein Vater später Teil eines kleinen Teams, das am von BMW angetriebenen McLaren F1 schraubte - ein Poster des legendären Athleten, erhielt natürlich im Schlafzimmer des Teenagers den Ehrenplatz an der Wand. „Vermutlich deswegen hat McLaren für mich eine ganz spezielle Bedeutung.”

Die drei bayerischen Musketiere

Seine Eltern zeichneten sehr gerne und das führte natürlich dazu, dass Howse selbst die Autos zu Papier brachte, die ihn besonders faszinierten - Alfa Romeos, Lancias, Lamborghinis und so weiter. „Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich Konstrukteur oder Designer werden wollte”, lachte er, „aber meine wirklich entsetzlichen Mathenoten gaben den Ausschlag.” Und es kam, wie es kommen musste.

Natürlich sorgte der Vater dafür, dass die sich immer wieder wandelnde Flotte des Sohnes fahrbereit blieb. Aber eine Frage liegt auf der Hand: Welcher BMW ist der Liebling von Howse? „Am liebsten fahre ich den 2002, weil er eine gute Fahrereinstellung bietet und mit jeder Menge Drehmoment für viel Fahrspaß sorgt”, erzählte er. „Zum Verdruss meiner Frau verschlingt der Unterhalt aber Unsummen. Also fällt die Wahl eigentlich auf den Z1.” Als wir in der milden Frühlingssonne zurück zum Haus von Howse fahren und die Türen des Z1 absenken, ist der Roadster auch unser Favorit aus dem Trio.

Kreativ und innovativ

Es ist ausgesprochen erfrischend, auf einen modernen Supersportwagen-Designer zu treffen, der so stark für die Autos der Vergangenheit brennt, aber dennoch nicht wiederholen, sondern etwas ganz neues schaffen will. „Während des Studiums wurde immer wieder gefordert, innovativ zu sein”, sagte Howse. „Ich schätze modernes Design, zumal es auch immer schwieriger wird, etwas völlig anderes auf die Straße zu stellen. Aber ich denke, es gibt auch zuviel Design um des Designs willen. Wenn man meinen M535i betrachtet, sieht man, dass die Proportionen und die einfachen Linien genau auf den Punkt sind.” Wir hätten es nicht besser formulieren können.

Fotos: Alex Lawrence für Classic Driver © 2017 

Sie finden eine Reihe von Modellen von BMW und McLaren zum Verkauf im Classic Driver Markt.