Unter diesem Baby Bizzarrini steckt Großserientechnik von Opel

Als Opel Bizzarrini einlud, als Vorschlag für den geplanten „GT“ auf Basis der Rekord-Plattform einen Sportwagen zu bauen, nannten ihn die Italiener „Europa“. Doch Opel wählte einen eigenen Entwurf, und auch eine Fertigung in Eigenregie zerschlug sich.....

Autos mit Legendenstatus gelten oft als nationales Kulturgut. Doch wirft man einen Blick zurück in die Automobilgeschichte, wird deutlich: Viele Ikonen sind fast immer dem Genius von Ingenieuren und Designern aus mindestens zwei Ländern oder Kulturen entsprungen.

Trotz seines aktuell desolaten Zustands ist der Kontinent Europa ein gutes Beispiel für grenzüberschreitende Kreativität. So verfügt der so ur-britisch erscheinende Aston Martin DB4 über eine italienische Superleggera-Karosserie und einen vom genialen polnischen Ingenieur Tadek Marek entwickelten Sechszylinder-Motor. Genauso erinnert uns der von einem Maserati-Motor angetriebene Citroën SM daran, was alles entstehen kann, wenn zwei oder mehrere Genies zusammenkommen, um Großes entstehen zu lassen. 

Einer der Großen seiner Zunft war unbestritten auch Giotto Bizzarrini. Der talentierte italienische Ingenieur spielte eine prominente Rolle bei der Entwicklung des Ferrari 250 Testa Rossa, des fabelhaften 250 GTO, des Original-Lamborghini-V12 und – natürlich – des schönen und zugleich brutalen Iso Grifo AC/3. Der schließlich – wie viele meinen völlig zurecht – später seinen eigenen Namen trug.

Als Bizzarini Mitte der 1960er-Jahre bereits seine eigene Firma betrieb, baute er auf der Bodengruppe eines Opel 1900 den „GT Europa“. Gedacht als Vorschlag für einen möglichen Sportwagen der damals noch zutiefst bürgerlichen Rüsselsheimer. Das hübsche Coupé erinnerte ein wenig an den größeren 5300 GT und sollte – so die Hoffnung – in größeren Stückzahlen bei Bizzarrini gebaut werden. Doch Opel lehnte den Vorschlag, der als konzeptioneller Vorläufer des späteren Opel GT gelten darf, zugunsten eines hauseigenen Entwurfs ab. Woraufhin Giotto den Plan fasste, das Auto in seiner Fabrik in Livorno und parallel zu den anderen dort montierten Modellen selbst zu bauen. Leider vereitelten finanzielle Engpässe und schlussendlich die Insolvenz dieses Vorhaben. Bis heute sind viele Historiker der Überzeugung, dass dies der GT sei, den Opel HÄTTE bauen sollen.... 

Statt des Small Block-V8-Chevy des 5300 GT trieb ein bescheidener, doch robuster 1,9-Liter-Motor von Opel mit 110 PS den GT Europa an. Installiert war er als Frontmittelmotor, gleich hinter den Vorderrädern. Mit einem Gewicht von nur 650 Kilogramm (dank einer zum Großteil aus Glasfaser gefertigten Karosse), Einzelradaufhängung, Sperrdifferential und Scheibenbremsen rundum war der Italo-GT ein verführerisches Paket. Doch hätte man auch etwas Anderes erwartet von einem so stark vom Motorsport inspirierten Konstrukteur wie Bizzarrini? 

Ein helles Orange steht den meisten Sportwagen nicht gut – der Baby Bizza hingegen sieht darin hinreißend aus. Die von Pietro Vanni gezeichnete Karosserie ist wirklich hübsch. Auch wenn das Auge etwas Zeit braucht, um zu verstehen, dass das Design mehr ist als ein geschrumpfter 5300 GT. Die kleinen Glaseinsätze oberhalb der Türen verleihen dem Design eine Zusatzdosis Dramatik UND Praktikabilität, erleichtern sie doch den Ein- und Ausstieg in die eng geschnittene Kabine. Das in Belgien zugelassene und umfangreich restaurierte Exemplar mit Opel-Motor ist angeblich das letzte gebaute Exemplar – wie ein von Giotto persönlich unterzeichnetes Dokument bestätigt. 

Zwar weichen die Produktionszahlen von Quelle zu Quelle ab, doch sollen nur zwischen 15 und 20 1900 GT Europa das Licht der Welt erblickt haben. Zugegeben, damit blieb das Modell ein Exot, doch als Studie eines Ingenieurs, der zu den talentiertesten seiner Zeit gehörte, doch seines vollen Potentials beraubt wurde, ist er ein faszinierendes Sammlerobjekt. Zugleich ist der GT Europa ein weiteres Beispiel für eine transeuropäische Zusammenarbeit und Beleg, dass es sich selbst für die größten Genies manchmal lohnt, den Blick über den Tellerrand der eigenen Ideen zu werfen. Nicht ohne Grund blieb ja auch der Name „Europa“ für einen Sportwagen kein Einzelfall. Doch das ist eine andere Geschichte...

Fotos: Rémi Dargegen für Classic Driver © 2016

Dieser Bizzarrini 1900 GT Europa steht aktuell bei Speed 8 Classics in Belgien zum Verkauf. Sie finden darüber hinaus eine kleine Auswahl weiterer Bizzarrini im Classic Driver Markt.