Petrolhead Hing Yeung lebt den kalifornischen Traum

Mächtig Staub aufwirbeln in der Wüste am Steuer eines imposanten schwarzen Jensen Interceptor: Ein ganz normaler Tag im Leben des Designers und Creative Directors Hing Yeung in Long Beach. Wir besuchten ihn in Kalifornien, um seinen Traum selbst zu erleben.

Hing Yeungs Geschichte ist ganz typisch für die Neubürger von Los Angeles: Der in Hongkong geborene und in den Niederlanden aufgewachsene Designer machte vor 20 Jahren Urlaub in Kalifornien und verliebte sich in den Sonnenstaat. Kurzerhand brach er in Europa die Zelte ab und startete ein neues, erfolgreiches Leben am Pazifik. „Ich war damals ziemlich naiv”, erzählt Hing Yeung beim herzhaften Frühstück in einem Diner nicht weit von seinem Studio im Zentrum von Santa Ana. „Ich kündigte, packte eine Reisetasche und kaufte mir ein Flugticket. Ich hatte zwar ein paar Tausend Dollar dabei, aber keine Ahnung, dass man ein Visum benötigte, um in den USA zu arbeiten und sich länger aufzuhalten. Aber irgendwie habe ich das alles in den Griff bekommen und nie wieder auf mein altes Leben in Europa zurückgeblickt.”

Yeung ist in erster Linie Schuhdesigner  schon vor seinem Umzug nach Kalifornien hatte er sich seinen Kindheitstraum erfüllt und sogar Aufträge von Adidas bekommen. Als frischgebackener Angeleno kurvte er zunächst auf seinem Skateboard durch Hollywood und zog immer wieder Aufträge von den früheren Kunden in Europa an Land. Dann erhielt er endlich sein Arbeitsvisum und entwickelte Entwürfe für Marken wie Puma, Reebok und vor allem für Vision Street Wear, die Kultmarke der Skater. Disruption, jene in der digitalen Welt so wichtig gewordene Strategie der Neugestaltung, beschreibt auch Yeungs Designphilosophie. So heißt sein Studio auch augenzwinkernd Hong Kong Stunt Team. Er hat es 2004 gegründet, nachdem er genug von der Zusammenarbeit mit Konzernen hatte. „Es gibt eine Regel: Wenn es allen gefällt, musst du etwas ändern, weil es zu vertraut geworden ist. Meine Firma heißt so, weil Stuntmen mit ihren Kunststücken verblüffen und Menschen somit zum Nachdenken bringen. Und wie man aus Filmen weiß, sind die Stuntmen aus Hongkong die krassesten Typen der Welt!”

Inzwischen zählen Volkswagen, Lego, Hot Wheels und Piloti zu Yeungs Kunden. Für Piloti hat er sogar ein umfassendes Redesign entwickelt und ließ sich bei der Neuausrichtung von den verschiedenen Facetten der modernen Autokultur inspirieren. „Als Piloti auf mich zukam, war ich von ihrem Konzept begeistert, weil sie echte Fahrerschuhe herstellten, die aussahen und sich so bequem tragen ließen wie Sneaker. Diese Grundidee habe ich sofort übernommen. Zunächst habe ich mich gefragt: Weshalb lieben Menschen Autos? Man liebt keine Waschmaschine, dafür aber Automobile und Schuhe. Also habe ich die beiden Welten kombiniert.”

Und das ist der perfekte Übergang zu dem bedrohlich wirkenden, schwarzen Jensen Interceptor III, der in Yeungs Studiogarage lauert. Dieser Raum ist eine typische Man Cave – ein Männerhöhle gespickt mit Schuhen und Grafiken and den Wänden, mit modernen und alten Möbeln, die in dem großen und luftigen Raum verteilt sind. Im Eingang des Studios nimmt eine BMW R 80 G/S als Yeungs Lieblingsmotorrad einen Ehrenplatz ein. „Bevor ich nach London zog, wusste ich gar nicht, dass es den Jensen Interceptor gibt. Ich war 25 Jahre alt und arbeitete in Soho. Eines Tages, während der Mittagspause, spazierte ich auf der Old Compton Street und hörte etwas, das wie ein Dinosaurier tönte. Ich blickte mich um und sah einen schwarzen Interceptor.” Yeung schwor sich, einen zu kaufen, sollte er je genug Geld verdienen. Und Jahre später tat er das auch. „Er erinnert mich an meine Londoner Zeit. Der Interceptor ist wie die dortigen Türsteher: Scharfer Anzug und freundliche Ansprache  aber wehe, du willst dich mit so einem anlegen.”

Gesagt, getan. Denn als nächstes versuchen wir mit Yeung mitzuhalten, während er die kurvigen Canyonstraßen vorausprescht in Richtung seiner geliebten, wahren Heimat  der Wüste. Zu behaupten, dass die Angelenos gerne ihre Zeit draußen verbringen, ist ein müdes Klischee. Aber Hing wirkt wirklich nie glücklicher, als in den Momenten auf einem seiner zwölf Motorräder beim Erkunden der Wildnis. Sei es Baja oder eines der mittlerweile über 25 Länder, die er auf zwei Rädern durchquert hat. Eigentlich kein Wunder, dass es ihm auch Offroader alter Schule angetan haben. Aktuell ist der Toyota Land Cruiser sein erklärter Liebling. „Vom Gesichtspunkt des Designs her mag ich zweck-orientierte Fahrzeuge sehr. Erst habe gedacht, sie sind nur funktional, aber jetzt sind sie für mich badass – richtig wüst und böse.”

Aber zurück zum eigentlichen Grund für den Ausflug: Ein Tanz auf dem Sand mit dem ultimativen Gentlemen's Express. Natürlich waren jene, die in ihren geradezu lächerlich großen SUVs und Pick-Ups vorbeifuhren, ziemlich verblüfft beim Anblick eines alten englischen Autos, das über die Wüste tobte und wirbelte. Aber letztlich ist das hier Los Angeles, wo alles möglich und das Verrückte zuhause ist. Längst hat sich Yeung an die Eigenheiten gewöhnt, die dazu gehören, wenn man einen Klassiker besitzt. Dabei ist sein Interceptor eine Augenweide  vor allem das cognacfarbene Interieur. Und der Jensen sieht tatsächlich richtig böse aus, wenn er versucht, seiner Staubschleppe zu entkommen. Nachdem er von einem örtlichen Wichtigtuer zurechtgewiesen worden war, konnte Yeung nicht anders, als sein Meisterwerk zu signieren. Er schreibt „No Dust - No Glory” auf das eingestaubte Heck des schwarzen Dämons. Wenn so der amerikanische Traum aussieht, dann sind wir dabei!

Fotos: Alex Lawrence / The Whitewall für Classic Driver © 2018

Folgen Sie Hing Yeungs Abenteuern auf zwei oder vier Rädern auf dem Instagram-Account des Hong Kong Stunt Team. Sie finden außerdem eine breite Auswahl an klassischen Jensen - für Ihre eigenen Abenteuer in der Wüste oder anderswo - zum Verkauf im Classic Driver Markt.