

Nur wenige Unternehmen schaffen es, mit ihren Kreationen den schmalen Grad zwischen Nostalgie und Kitsch zu treffen. Oilstainlab aus Signal Hill, Kalifornien, gehört definitiv dazu. In diesem Sommer wird ihr Half-11 wieder diesseits des Atlantiks zu bestaunen sein – dieses Mal nicht auf der großen Insel, sondern auf dem europäischen Festland. Und die ohnehin schon spektakuläre Optik des Boliden wird für die sogenannte „Euro-Vision“ Sommer-Tournee nochmals auf eine neue Stufe gehoben.
Dabei hat sich Oilstainlab mit dem Zulieferer Delphi zusammengetan, um ein Art Car auf die Räder zu stellen, das bei den jeweiligen Veranstaltungen so einige Blicke auf sich ziehen dürfte. Inspiriert von Art Cars aus vorherigen Jahrzehnten, soll dieser „neo-digitale Remix“ eine Hommage an Pioniere auf den Feldern der Kunst, des Designs und des Motorsports darstellen.


Die Farbgebung wirkt betont psychedelisch, weshalb einem sofort ein mögliches historisches Vorbild in den Sinn kommt – der Porsche 917-043, für dessen legendäre „Hippie“-Lackierung bei den 1970er 24 Stunden von Le Mans niemand anderes als Anatole Lapine, der damalige Chefdesigner in Zuffenhausen, verantwortlich war. Auf dem Dach des Half-11 findet sich zudem das charakteristische Tutto Bene-Logo.
Bei letzterem Event hatte Delphi im vergangenen Jahr bereits ein Art Car präsentiert – eine Alpine A110 Rallye GT+, die extra für das dazugehörige Bergrennen eine auffällige Folierung bekommen hatte.

Auf dem Plan der „Euro-Vision"-Tour stehen das Custom Car-Festival Ultrace, das am 27. und 28. Juni im polnischen Gdańsk stattfindet, sowie der „HEIZR Racing Dept“ Track Day am 4. Juli auf dem Hockenheimring. Den Abschluss bildet das exklusive „Tutto Bene"-Event am Mottarone im italienischen Piemont am 12. und 13. September, das den berühmten Hillclimb beinhaltet. Pilotiert wird der Half-11 dabei von seinen Schöpfern selbst – Nikita und Iliya Bridan werden das Geschoss persönlich quer durch Europa fahren. Die Kommunikation rund um die Tournee übernehmen die Kuratoren des „One Off House“, einem neu gegründeten und in Polen ansässigen Unternehmen, das sich auf einzigartige Projekte an der Schnittstelle zwischen der Automobil- und Luxusindustrie spezialisiert hat.
Doch was steckt eigentlich hinter dem Half-11 – und hinter dem Studio, das ihn erschaffen hat? Das 2018 von den Zwillingen Nikita und Iliya Bridan gegründete Oilstainlab hat seine Wurzeln in einer ungewöhnlichen Biographie: Geboren in der Ukraine, aufgewachsen in Kanada, zog es die Brüder bereits mit 14 Jahren nach Europa, wo sie sich im Automobildesign ihre Sporen verdienten, bevor sie am renommierten ArtCenter College of Design in Pasadena, Kalifornien, studierten. Nach Stationen bei namhaften Automobilmarken gründeten sie schließlich ihr eigenes Studio.

Den Half-11 führten sie auf denkbar unkonventionelle Weise in die Welt ein: mit einer viralen Kampagne, die als „historischer Vandalismus" beschrieben wurde. Oilstainlab streute das Internet mit penibel retuschierten, zeitgenössisch wirkenden Fotografien, die den fiktiven Rennwagen in echten Rennenszenen der Sechzigerjahre platzierten und die Szene rätseln ließ. Das Auto wandelt nämlich tatsächlich zwischen den Zeiten: Der offene Bolide weckt beste Erinnerungen an die Rennwagen der Sechzigerjahre, ist dabei aber betont modern – wobei Nikita und Iliya Bridan Modernität gänzlich anders definieren als ein Großteil der Autoindustrie. Statt auf digitalen Overkill und Touch-Displays setzen die beiden Tüftler bei ihrem Erstling konsequent auf faszinierende und absolut zeitlose Mechanik.
Das spiegelt sich auch in den technischen Details wider: Hinter dem Fahrer werkelt ein großvolumiger LS-V8 mit rund 650 PS, dessen Kraft über eine knackige Sechsgang-Handschaltung an die Hinterräder übertragen wird und der über eine aufwendige Auspuffanlage aus dem 3D-Drucker ausatmet. Auch die Karosserie ist handgefertigt.


Oilstainlab schafft diesen Spagat auch optisch. Obwohl die Front mit ihren sanften Rundungen und den typischen Rundscheinwerfern direkt Assoziationen an den frühen Porsche 911 weckt, wirkt das Auto in Gänze ausgesprochen modern – und das, ohne in die LED- oder Tagfahrlicht-Trickkiste zu greifen. Unter dem Strich lässt es sich kaum einer Epoche zuordnen, was selbst in der Liga der Showcars ein echtes Alleinstellungsmerkmal darstellt. Nikita Bridan bringt es so auf den Punkt: „Mit dem Half-11 wollten wir einen Mythos erschaffen, der gleichzeitig in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft lebt.“
Seit seiner Enthüllung hat der spartanische Prototyp auf dem nordamerikanischen Kontinent bereits über 19.000 Kilometer abgespult und konnte bei den prestigeträchtigsten Events der USA bestaunt werden – unter anderem zeigte er beim FAT ICE Race in Aspen sein Drift-Talent und staubte bei dem renommierten Event „The Quail – A Motorsport Gathering“, das im Rahmen der Monterey Car Week stattfindet, eine Trophäe ab. Zudem feierte der Half-11 beim Goodwood Festival of Speed 2024 seinen ersten Auftritt auf europäischem Boden.
Die Europa-Tour ist dabei mehr als ein Triumphzug – sie ist ein Entwicklungsprogramm. Denn die gewonnenen Erkenntnisse aus dem Einsatz des Half-11 auf den anspruchsvollsten Strecken Europas sollen direkt in das kommende Serienfahrzeug von Oilstainlab einfließen: den HF-11. Konzipiert als ultraleichtes, rund 900 Kilogramm schweres Kraftpaket, soll der HF-11 ein durch und durch analoges, rohes und kompromissloses Fahrerlebnis liefern – ganz im Sinne des Oilstainlab-Mottos: „Where the past overtakes the future.“
Fotos: Oilstainlab, One Off House, Remi Dargegen für Classic Driver
































