Möge der Himmel so sein wie das Goodwood Revival – nur ohne Regen!

Nach 19 Jahren meinten wir, das Goodwood Revival Rezept zu kennen. Wie gelingt es Zeremonienmeister Lord March dennoch, uns immer wieder drei Tage im September aus der Realität zu reißen? Die Highlights von der Fahrt in der Zeitmaschine Goodwood 2017....

„Die unverfälschte Feier eines Motorsports, in dem die Autos mit Vollgas und Rad an Rad gegeneinander kämpfen, ausgetragen in einer komplett zeitgenössischen Kulisse.“ Lord Marchs Kurzbeschreibung des Revivals ist sehr prägnant, doch bietet das Event noch so viel mehr. Sogar der freitägliche Starkregen, der den Großteil der Strecke vorübergehend in eine Schlammgrube verwandelte, konnte die einzigartige Atmosphäre für die Besucher aus aller Welt nicht wirklich schmälern. 

Der Wächter am Tor 

„Dieser Ort lässt mich buchstäblich glauben, gestorben und im Himmel angekommen zu sein“, sagt Steve Tarrant, der Marshall am Eingang zum Vorstartbereich des Revivals. „Ich bin umgeben von faszinierenden Autos, schönen Menschen, berauschenden Düften und einer unschlagbaren Atmosphäre.“ Der so genannte „Guardian at the Gate“ war seit 1998 immer dabei – bis auf einen Tag im Jahr 2000, als er dem Meeting wegen eines kleinen Unfalls nur als Zuschauer beiwohnen konnte. Steve geht dieses Jahr in Pension, und wir wissen schon jetzt, dass ihn sehr viele im Fahrerlager vermissen werden. 

Draußen, in den geschwungenen Kurven der historischen Strecke, gab es den üblichen Cocktail an Rennwagen verschiedenster Formen, Größen und Klassen – mit teils legendären Piloten hinterm Volant. Zwar waren die schon im Nassen abgelaufene Kinrara Trophy am Freitagabend und die David-gegen-Goliath-Duelle in der in zwei Läufen ausgetragenen St Mary’s Trophy jede ein Spektakel für sich, doch war für uns die RAC TT Celebration das Rennen des Wochenendes. 

In einer Rauchwolke

Nach einem schlechten Start arbeitete sich Pole-Mann Chris Ward mit seinem Jaguar E-type zügig zurück in die vorderen Ränge. Dort entspann sich ein heißes Duell mit Andrew Smith in einer AC Cobra. Es endete mit einem unbeabsichtigten „Schubser“ Wards, der die Cobra in einen Dreher aufs Gras schickte und ihm eine 30-Sekunden-Zeitstrafe einbrachte. Die Cobra konnte zwar das Rennen fortsetzen, verlor aber durch den Dreher ebenso viel Zeit wie Ward mit seiner Strafe. Und da auch noch der Motor der Cobra von Oliver Hart nach einer sensationellen Fahrt des erst 18-Jährigen seinen Geist aufgab, fiel der Sieg an eine weitere Schlange mit Michael Ganz und Andrew Wolfe. 

Goodwood liebt Jubiläen, und man weiß hier auch, wie man sie stilvoll begeht. Eine Horde von 130 originalen Fiat 500 machte sich in typisch (chaotischer) italienischer Manier auf eine Ehrenrunde zum 60. Geburtstag des „Cinquecento“. Grand Prix Rennwagen der Saison 1957 gingen von Garagen, die der Nürburgring Boxenanlage jenes Jahres nachempfunden waren, auf die Strecke. Sie erinnerten an die Zeit, in der britische Konstrukteure erstmals ernsthaft der alten kontinentaleuropäischen Fraktion Paroli boten.

Seines Vaters Sohn

 In einem emotionalen Moment wurde Tony Brooks (85) mit jenem Vanwall wiedervereint, in dem er und Stirling Moss 1957 in Aintree den GP von England gewannen. Es war das erste Mal, dass ein britischer Hersteller ein Formel 1-Rennen für sich entscheiden konnte. Doch auch noch zwei weitere Autos ragten heraus: Lord Bamfords ohrenbetäubender Lancia-Ferrari D50 und der Maserati 250F, in dem Juan-Manuel Fangio den GP von Deutschland gewann, das Rennen seines Lebens.

Fangios Sohn „Cacho“ kam erstmals seit 1966, als er hier einen Lotus Formel 3 fuhr, nach Goodwood zurück. „Es ist sehr bewegend für mich, den Maserati 250F meines Vaters zu sehen. Er war der Marke sehr verbunden und fuhr seine besten Rennen auf diesem Modell“, sagte er uns. „Ich konnte mich mal reinsetzen und ein bisschen den Sechszylinder hochdrehen – mein Herz ging hoch auf 8000 Umdrehungen, genauso wie die Motordrehzahl!“ Classic Driver Händler Peter Bradfield, der den Lancia-Ferrari D50 seiner Lordschaft auf der Strecke demonstrierte, erfreute sich ebenfalls am herzerwärmenden Sound des Ferrari-V8. 

Altes Schlachtross 

 Von Vorkriegs-Autos der Voiturettes-Klasse bis zu GT-Modellen der 60er-Jahre war wieder für jeden Geschmack etwas dabei. Zu den aus unserer Sicht hervorstechendsten Modellen zählten der faszinierende Buckler DD1, der nach 63 Jahren seine Goodwood-Rückkehr feierte, Shaun Rainfords skurriler (und extrem lärmiger) Nash Metropolitan und Christopher Manns Alfa Romeo 8C 2600 Monza v0n 1928, farblich jetzt angelehnt an den 8C der französischen Vorkriegs-Amazone Hellé Nice. „Ich besitze den Wagen seit 15 Jahren“, erzählte uns Mann, „es ist ein altes Schlachtross, das immer wieder aufs Neuen bei Rennen einsetzt wurde. Es sah ein bisschen abgenutzt und ein bisschen rot aus, also lackierten wir es neu als Hommage an Hellé Nice in französisch Racing Blue.“ 

Unser „Auto des Meetings“ hingegen war ohne Zweifel der sensationelle Lola Mk6 GT von 1963 aus dem Besitz der Shelby-Legende Allen Grant. Allen kam mit Sohn Jeffrey nach Goodwood, der exakt den gleichen Overall wie sein Vater in der Saison 1965 trug, in der die Shelby Coupés Ferrari den Sieg in der internationalen GT Meisterschaft wegschnappten. „Eric Broadley nutzte dieses Modell hier in Goodwood als Testfahrzeug zur Entwicklung des GT40“, erklärt er. „Dad besitzt ihn seit über 50 Jahren, seitdem folgte er uns bei jedem Umzug von Haus zu Haus. Letztes Jahr haben wir ihn komplettiert und ihn dann bei The Quail in Monterey gezeigt. Das ist der Großvater des GT40 und wir sind extrem stolz, ihn in Goodwood zu zeigen.“

Nirvana ruft

Trotz der hochoktanigen Aktion auf der Strecke geht es beim Revival sonst erfrischend entspannt zu. Können doch Teilnehmer wie Zuschauer für eine gewisse Zeit den Alltagsstress ausblenden. Rennfahrer Sam Thomas fasst es so zusammen: „Es geht nichts über Goodwood. Bei jedem anderen Rennen des Jahres herrschen Stress und Druck, doch kommt man hierhin, ist das wie ein großes Wiedersehen mit Deinen Freunden und Helden. Dazu meine Corvette mit 527 PS, die übersteuert, wenn Du im vierten Gang bei 225 km/h voll aufs Gas gehst. Ich liebe jede Minute davon!“ Glauben wir gerne, Sam...

Es scheint, als schuldeten wir alle Lord March, dem designierten 11. Duke of Richmond and Gordon, einen tiefen Dank für das, was er hier auf die Beine gestellt hat. Und fragen uns, was uns wohl der 20. Jahrestag dieses weltweit schönsten Festivals für historische Rennwagen bescheren wird? Sei es bei Regen oder Sonnenschein – Goodwood bleibt ein himmlischer Ort. 

Fotos: Rémi Dargegen für Classic Driver © 2017 

Classic Driver berichtet mit freundlicher Unterstützung von Credit Suisse live vom Goodwood Revival 2017. Sie finden unsere gesammelten Artikel auf unserer regelmäßig aktualisierten Überblicksseite.