Echte Männer – hust, hust – fahren ihren McLaren auch im Winter offen

Nacktbaden im Eismeer, Yoga in der Kältekammer – es gibt viele Arten, das Immunsystem winterfest zu machen. Ich habe es mit einer spätherbstlichen Frischluftfahrt in McLarens neuem 570S Spider versucht – und mich dabei zünftig erkältet.

Es gibt kein falsches Wetter, nur falsche Kleidung – so sagt man zumindest in meiner einstigen Hamburger Heimat. Und auch in der Schweiz, wo ich mittlerweile mein Biwak aufgeschlagen habe, hat die protestantische Härte gegen sich selbst Tradition: Auf dem Monte Vérita hüpften die Aussteiger und Ausdruckstänzer vor einem Jahrhundert barfuß durch den Schnee, heute stürzen sich die Zürcher Sportskanonen beim „Samichlausschwimmen“ mit Adventskränzen auf dem Kopf in die eiskalte Limmat. Von den ironmangestälten Expats, die einem auch bei Schneetreiben rund um den Zürichsee in Shirt und Shorts entgegengesprintet kommen, einmal ganz zu schweigen. Und so entschied ich mich, diesen Winter einmal nicht in der Tradition des großen Maladen Hans Castorp in Wolldecken gewickelt mit Liegekuren auf der Couch zu verbringen, sondern meinem Immunsystem gleich zu Beginn der Kalten Jahreszeit eindrücklich zu vermitteln, wo Bartel den Most holt. Und bei meiner nächsten Testfahrt in Tod und Teufel verachtender Weise das Verdeck offen stehen zu lassen – trotz Novemberwetter und den jahrelangen, eindringlichen Empfehlungen meiner Mutter zum Trotz!

Das Schöne an einem modernen Sportwagen wie dem neuen McLaren 570S Spider ist ja, dass man darin von außen zwar aussieht wie der Pilot eines Star Fighters, es dank der sanft schaltenden Komfort-Automatik und angenehmen Federung, einer mehrstufig regelbaren Sitzheizung und der per Bluetooth vom Smartphone eingespielten, im Hintergrund leise dudelnden Spotify-Playlist aber doch recht gemütlich hat. Auch der 570 PS starke V8 gibt sich dank Turbo-Manieren zunächst ebenfalls recht zahm. Die Zeiten, in denen einem schon vom Einsteigen in einen Mittelmotorsportwagen der Rücken schmerzte und beim Starten das Adrenalin in den Fingerkuppen pochte, sind endgültig vorbei. Tatsächlich lässt sich das Geschoss im gemächlichen Schweizerischen Autobahnverkehr zwischen Zürich und Luzern so zivilisiert bewegen, dass man mitunter vergisst, warum einen die Kinder im Auto nebenan mit offenem Mund bestaunen. Hab’ ich irgendetwas an der Nase? Ach nee, ich sitze in einem badewannenblauen McLaren.

Wenn man möchte, ist der Spider jedoch ein Sportgerät von geradezu olympischer Perfektion. Den Ingenieuren im englischen Woking ist das Kunststück gelungen, Motor, Getriebe, Fahrwerk und Lenkung so abzustimmen, dass man den Punch eines Lamborghini, das Handling eines Ferrari und die Präzision eines Porsche in einem einzigen Sportwagen erleben kann. Das „Einsteigermodell“ steht seinen größeren und schnelleren Modellgeschwistern dabei in Nichts nach. Das Gewicht des Spider liegt knapp unter 1,5 Tonnen – nur 50 Kilo über dem Coupé, das Chassis aus dem Carbon-Backofen ist so steif wie das eines veritablen Rennwagens aus dem gleichnamigen Rennstall und mit dem knochenharten Lenkrad lässt sich der McLaren so passgenau durch jede Serpentinenkombination fädeln, dass es eine wahre Freude ist. Tritt man das Gaspedal im Stand beherzt durch, ist man nach 3,2 Sekunden schon bei Tempo 100 angelangt.

Was sich dieser Wagen wüscht, das sind freie und trockene Passstraßen, auf denen sich die Agilität wirklich erleben lässt. Doch wir schreiben November, die meisten Pässe sind bereits tief verschneit, und auf’s Dach des McLaren prasselt der Regen. Aus den Wäldern rund um den Vierwaldstättersee wabert der Nebel – und auf dem nassen Asphalt sorgt das Herbstlaub als zweite Schicht für bedenklich eingeschränkte Traktion. Also konzentriere ich mich auf mein zweites Tagesziel – die Abwehrkörper meines Immunsystems in Schwung zu bringen – und fahre zunächst das kleine Heckfenster herunter. Mit einem Schlag erfüllt das Dröhnen des Achtzylinders das Cockpit, es duftet nach Wald und Schnee. 15 Sekunden später ist auch das Hardtop im Heck verschwunden. Ich ziehe den Reisverschluss meiner Weste hoch, ziehe die Mütze tiefer ins Gesicht, die Heizung pustet nach allen Kräften gegen die Kälte an. Noch zwei Kurven den Berg hinauf, dann liegt auf den Wiesen bereits der erste Schnee.

Mit diesem McLaren an einem milden Sommertag die Mittelmeerküste entlang zu brausen, muss ein wundervolles Erlebnis sein – doch auch in der nasskalten Übergangszeit zwischen Herbst und Winter hat das Offenfahren seinen ganz eigenen Reiz. Scharf bläst einem beim Beschleunigen der eisige Fahrtwind ins Gesicht, aus den Fingern weicht das Blut, doch der Sauerstoff macht einen wach wie ein dreifacher Espresso, so dass man auch dann die Kontrolle behält, wenn die breiten Reifen auf dem Rauhreif langsam an Grip verlieren. Zwischenstopp mit Blick über den See, zwischen den Wolkenfetzen zeigt sich hier und dort eine Bergspitze. Bald wird die Landschaft ganz im Weiß des Winters versinken. Die Tür schwenkt nach oben, ich steige aus, wärme meine Hände in der Hitze, die über dem Motor die Luft flimmern lässt.

Es sind Tage wie dieser, die einem auch dann noch in Erinnerung bleiben, wenn sich die mediterranen Bilderbuch-Szenen längst in Wohlgefallen azfgelöst haben – automobile Erlebnisse mit Ecken und Kanten. Dass man diese Erlebnisse in Wolldecken gewickelt, mit einer Kanne Ingwertee und einer Packung Taschentüchern griffbereit, auf der Intensivstation für erkältete Männer niederschreibt, macht sie schlussendlich nur noch heroischer.

Fotos: Alexander Schlosser für Classic © 2017

Zahlreiche offene und geschlossene McLaren stehen auch im Classic Driver Markt zum Verkauf.