Dieses verlockende Automuseum in Brüssel ist unbedingt eine Reise wert

Belgien mag vielleicht nicht mit einer eigenen Automobiltradition aufwarten, aber auch dort ist man nicht minder vom Auto fasziniert. Autoworld Brussels ist ein erstaunliches Museum, das diese Geschichte von den Anfängen bis zum Blick in eine kühne Zukunft erzählt. Rémi Dargegen hat es besucht.

Allein die schiere Größe und Grandezza der palastähnlichen Architektur, die sich im Brüsseler Palais Mondial im Parc du Cinquantenaire befindet und Autoworld eine Bühne bereitet, lässt noch nicht erahnen, welche automobilen Schätze im Inneren verborgen sind.

Das prachtvolle Gebäude im neoklassizistischen Stil wurde im späten 19. Jahrhundert zum 50. Jubiläum des Königreich Belgiens errichtet. Obwohl bereits vor dem Zeiten Weltkrieg einige Automobil- und Motorradausstellungen stattfanden, dauerte es bis 1986, ehe Autoworld offiziell eröffnet wurde. 

Betritt man das Museum, offenbart sich ein Raum von der Größe eines Flugzeughangars dessen Größe umwerfend ist. Das majestätisch hohe Glasdach wirkt fast wie die Kuppel eines Doms und taucht diese außergewöhnliche Sammlung in ein würdiges Licht. Rund 300 Fahrzeuge sind hier versammelt, die aus der Kollektion von Ghislain Mahy stammen, einem belgischen Automobilpionier und enthusiastischen Sammler.

Diese Ausstellung ist lange nicht so hoch poliert und modern präsentiert wie das Petersen Automotive Museum in Los Angeles. Autoworld erinnert eher an die Rétromobile mit dem Charme der leicht angestaubten Patina.

Die Auswahl der Fahrzeuge ist durchaus überzeugend, denn die Schau umfasst Veteranen, die erstmals 1896 über die Straßen rollten, Art Déco-Meisterwerke aus den wilden Zwanziger Jahren, Großserien-Ikonen der Nachkriegszeit wie den VW Käfer und den Fiat 500 und moderne Konzeptfahrzeuge als Zukunftsvisionen. 

Einige spezielle Ausstellungsbereiche sind belgischen Nischenmarken wie Excelsior und Minerva gewidmet wie auch Automobile, die über die Jahre von der belgischen Königsfamilie genutzt worden sind. Für mich persönlich war die Abteilung der prunkvoll ausgestatteten Autos aus den zwanziger und dreißiger Jahren besonders faszinierend, denn da bereitete dieser grandiose Raum die perfekte Bühne für Legenden wie Hispano-Suiza, Delage, Voisin, Isotta-Fraschini, Rolls-Royce und last not least  Bugatti. Man kann sogar einige wunderliche historische Camper und Cyclecars bestaunen, die ich in dieser Art noch nie gesehen hatte. 

Schlendert man durch die für die USA reservierte Abteilung, die im bunten Licht von Neonreklamen badet und vom Rock´n´Roll der fünfziger Jahre untermalt wird, fühlt man sich nach Los Angeles versetzt. Wenn nur der Diner hier tatsächlich Cheeseburger und Pommes Frites servieren würde! Jetzt hätte man Lust darauf. Und die Auswahl an Autos kann sich auch sehen lassen - ich habe mich ernsthaft in einen kupferfarbenen Chevrolet Nomad verliebt.

Jüngere Enthusiasten zieht es vermutlich eher in den oberen Stock von Autoworld. Hier locken die jüngeren Maschinen. Es ist schon begeisternd, Sportwagen der siebziger Jahre wie den Alfa Romeo Mondial Seite an Seite mit UFO-ähnlichen Concept Cars wie dem Italdesign Aztec und Le Mans-Legenden von Alpine bis Porsche zu sehen. Ich würde unheimlich gerne ein Fotoshooting mit dem Aztec machten - er ist so herrlich verrückt, gerade so, als wäre er ein Stück Science Fiction!

Vor der künstlichen Kulisse von Le Mans-Boxen waren ein Jaguar D-Type und ein Porsche 550 Spyder ausgestellt, die allerdings wie Repliken wirkten. Aber das Aufgebot an Porsche an der anderen Seite des Gebäudes war hingegen fantastisch. Unser Liebling wäre entweder der weiße 906 Carrera 6 oder der 934 in Vaillant-Stallfarben. Natürlich gab es einen individuellen Bereich, der dem auch in Belgien verehrten klassischen französischen Comic-Rennfahrer Michel Vaillant vorbehalten ist. 

Autoworld Brussels ist ein Museum, das selbst immer in Bewegung ist. Es gibt viele Wechselausstellungen, die sich mit aktuellen Marken, Genres oder Epochen beschäftigen. Bei meinem Besuch präsentierte das Museum gerade die größte Ansammlung an Autos, die von der vergessenen spanischen Marke Pegaso gebaut worden waren, die von 1946 bis 1994 bestand. 

Mit dieser fesselnden und überraschenden Mischung aus Alltagsfahrzeugen und hinreißenden Grand Tourer war diese wunderbar konzipierte Ausstellung tatsächlich für mich auch ein Bildungserlebnis, denn ich entwickelte eine Faszination für eine Marke, von der ich bislang kaum etwas wusste. Mir hat besonders gut gefallen, dass die Lkw von Pegaso dasselbe Kühlergrilldesign wie die Sportwagen aufwiesen. Letztere gehören zu den schönsten Automobilen ihrer Zeit - allein schon der Anblick des Z-102 BS Competion Touring Spyder war die Reise wert. Leider beträgt die Dauer dieser speziellen Schauen jeweils nur vier bis sechs Wochen: Eigentlich schade, wenn man im Ausland wohnt und extra dafür einen Trip nach Brüssel einplanen muss. Trotzdem bin ich natürlich sehr gespannt zu sehen, wie man bei Autoworld später im Jahr die 100-jährigen Jubiläen von Citroën und Zagato begehen wird.

Um mehr als nur ein Schaufenster für die Kunst der Automobile zu sein, nimmt Autoworld stattdessen Besucher mit auf eine Zeitreise und erzählt, wie Fortschritte bei der individuellen Mobilität im Lauf von über hundert Jahren auch ihre Spuren in der Kultur und im Alltagsleben nicht nur der Belgier hinterlassen haben.

Ob Autos für die Masse oder opulente Limousinen der zwanziger Jahre, die nur den Superreichen vorbehalten waren, bot Autoworld eine aufregende Chronik, die mich persönlich auch bewegt hat. Denken Sie nicht, dass man sich in Belgien anders als etwa in Italien oder Deutschland nicht für Autos begeistern kann. Man muss nur wissen, wo das Herz dieser Faszination schlägt. Wenn Sie wieder einmal in Brüssel sind: Diesen Besuch dürfen Sie sich keines Falls entgehen lassen!

Fotos: Rémi Dargegen für Classic Driver © 2019 

Für weitere Informationen über Autoworld Brussels oder wenn Sie vorab Eintrittskarten bestellen wollen, besuchen Sie die offizielle Website des Museums.