Dieser Lamborghini 350 GT war Ferruccios persönliches Spielzeug

Dieser Lamborghini 350 GT wurde 1965 persönlich für Firmengründer Ferruccio Lamborghini aufgebaut. Nach langen Jahren der Vernachlässigung erstrahlt er nun dank der Expertise der Carrozzeria Touring wieder in altem Glanz – und inklusive aller werksseitigen Modifikationen.

Schon Enzo Ferrari, Colin Chapman und David Brown nutzten ihren Status als Chef einer Sportwagenmarke, um für den täglichen Weg zur Arbeit aufregende Prototypen zu benutzen. Und damit das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Warum also sollte es Ferruccio Lamborghini anders gehandhabt haben, als im Jahr 1965 mit dem Lamborghini 350 GT sein erstes Serienmodell von den Bändern rollte? 

Dienstwagen und rollendes Prüflabor

Quasi als „Chefsache“ wählte Ferruccio Lamborghini den Wagen mit Chassisnummer 0265 temporär zu seinem persönlichen Dienstwagen. Der GT war gerade von Mailand nach Sant'Agata zurückgekommen, nachdem ihm die Carrozzeria Touring dort eine Supperleggera-Aluminium-Karosserie verpasst hatte. In der Folge kamen nun im Werk weitere mechanische Upgrades hinzu. Nicht nur aus Statusgründen, sondern auch um in diesem rollenden Prüflabor Teile zu testen, die dann später im Lamborghini 400 GT 2+2 zur Anwendung kommen sollten. Der Gran Turismo sollte 1966 auf dem Genfer Salon debütieren.
Neben einer modifizierten Version des ZF-Getriebes und einem Salisbury-Differential erhielt diese macchina speciale anstelle des serienmäßigen 3,5 Liter-Motors einen auf vier Liter aufgebohrten V12. Vielleicht erfolgte die Modifikation schon in dem Wissen, dass dem dank Stahlkarosse schwereren 400 GT 2+2 ein paar PS mehr gut bekommen würden. Ferruccio hat die Kombination aus der Leichtbau-Karosserie und dem potenteren V12 bei seinen Fahrten durch die Hügellandschaft südlich von Sant’Agata Bolognese sicherlich genossen, zumal die lokale Polizei beide Augen zudrückte, wenn er wieder einmal viel zu schnell an ihr vorbeibrauste.

Ein schicksalhafter Trip

Am Ende seiner „Dienstzeit“ fand dieser einzigartige Lamborghini 350 GT dann einen neuen Besitzer in den USA. Vielleicht in Unkenntnis der Herkunft und Bedeutung des Fahrzeugs hatte der Amerikaner den kruden Plan, das Auto mit Hilfe von Teilen anderer Modelle in eine Art Pseudo-Miura zu verwandeln. Zum Glück kam es aber nie zu diesem Sakrileg. Stattdessen wurde das Auto in seinem halbfertigen Zustand belassen und für längere Zeit dem Vergessen anheimgestellt. Bald war klar: Nur erfahrene Hände würden den Lambo wieder zu neuem Leben erwecken können. 

Interessanterweise entdeckte der jetzige Besitzer erst nach Erwerb des Fahrzeugs dessen besondere Bedeutung – und gab daraufhin bei Touring eine komplette Restaurierung in Auftrag. Das lag nahe, hat der Mailänder Karosseriebauer ja schon 1965 Hand angelegt und den damaligen Fertigungsprozess bis heute beibehalten. Touring war die logische Adresse, denn dank der großen Erfahrung der dortigen Spezialisten wurden selbst stark angegriffene Originalteile wiederaufbereitet, anstatt sie voreilig gegen neue Teile zu ersetzen. Nach zwei Jahren Arbeit lässt die auf eine 90-Jährige Geschichte zurückblickende Carrozzeria den Lamborghini nun wieder in altem Glanz erstrahlen. Genauso, wie ihn Ferruccio damals jeden Morgen vor Augen hatte und noch rechtzeitig für die Feierlichkeiten zur 100. Wiederkehr seines Geburtsjahrs.

Wieder bereit für die Kurven von Sant’Agata

„Der Besitzer betraute uns mit dem Auto, weil es einen außergewöhnlich hohen historischen Wert besitzt“, sagt Andrea Dragoni, Leiter sowohl dieses Projekts als auch der Klassiker-Abteilung von Touring. „Anfangs schien es unmöglich, ein so stark beschädigtes Auto wieder aufzubauen. Es war seit Jahren stillgelegt und es fehlten nicht wenige Teile. Dank unserer Kenntnisse über das Modell und die großen Fähigkeiten unserer Mannschaft gelang der Wiederaufbau trotzdem. Wir sind sehr stolz, ein Auto vor uns zu haben, dass wie damals mit Ferruccio am Steuer wieder die kurvigen Straßen von Sant’Agata Bolognese durcheilen kann.“ Die Classic Driver Redaktion ist sich sicher: Gäbe es ein Auto, mit dem Lamborghini am liebsten genüsslich seine himmlischen Weingüter inspizieren würde – dieser nur einmal gebaute 350 GT hätte einen Platz auf der Short List sicher.

Fotos: Rémi Dargegen for Classic Driver © 2016

Ferruccios Lamborghini 350 GT wird erstmals am Wochenende des 20.- 23. Oktober 2016 auf dem Stand der Carrozzeria Touring in Halle 1 der Auto e Moto d’Epoca in Padua öffentlich zu sehen sein. Sie finden eine Handvoll weiterer zum Verkauf stehender 350 GTs neben einer breiten Auswahl moderner und klassischer Lamborghini im Classic Driver Markt.