

"Jede Kurve hier ist anders, man muss also genau wissen, was man tut", sagt Fritz Burkard aus St. Moritz mit dem Helm in der Hand, während er sich darauf vorbereitet, seinen Alfa Romeo 8C 2300 Monza aus den 1930er Jahren für eine weitere Runde über den Berninapass zu starten. "Manchmal kann man sogar für den Bruchteil einer Sekunde die Landschaft genießen." Der agile rote Vorkriegssportwagen aus dem Stall der legendären Scuderia Ferrari wurde 1933 von Tazio Nuvolari beim Großen Preis von Monaco pilotiert und gewann im selben Jahr den Großen Preis von Schweden. Fast ein Jahrhundert später setzt sein aktueller Besitzer diese rasante Tradition in den Schweizer Alpen fort und geht mit dem achtzylindrigen Motorsport-Veteranen in der Wettbewerbsklasse der Bernina Gran Turismo an den Start. Dieses Bergrennen auf dem Berninapass zwischen dem Engadin und dem Puschlav wurde erstmals 1929 ausgetragen.



Die Schweizer Alpen beheimaten unzählige atemberaubende Bergstraßen, aber für ambitionierte Fahrer spielt der Berninapass in einer ganz eigenen Liga. Er erstreckt sich über 5,4 Kilometer vom historischen Weiler La Rösa im abgelegenen Puschlav bis zur Passhöhe auf 2300 Metern über dem Meeresspiegel. Dabei bezwingt der Bernina das alpine Terrain mit 52 Kurven, die durch steile Geraden verbunden sind und geradezu für eine flotte Gangart gemacht scheinen. Die Strecke klettert 450 Höhenmeter durch Schotter, Felsen und dichte Kiefernwälder hinauf. Legendäre Piloten wie Hans Stuck und Louis Chiron traten in den 1930er Jahren auf dieser anspruchsvollen Straße an, als Bergrennen in ganz Europa ihre Blütezeit erlebten. Im Jahr 2015 rief der lokale Enthusiast Kurt Engelhorn das ikonische Rennen wieder ins Leben. Heute wird es von seiner Tochter Ana Engelhorn zusammen mit einem Team aus Schweizer und italienischen Rennsportspezialisten geleitet.


"Der Bernina ist eine sehr technische Strecke. Das Layout ist einzigartig und genau das gefällt diesem Auto", sagt Fritz, bevor er sich mit aufheulendem Motor und quietschenden Reifen für eine weitere Abfahrt den Pass hinab macht. "Keine Kurve gleicht der anderen und es geht ziemlich steil bergauf. Aber wenn man die Strecke gut kennt, kann man die Kurven sogar im Drift nehmen, richtig Spaß haben und den Lärm genießen." Fritz besitzt eine Vielzahl fantastischer Autos aus allen Epochen und ist mit nichts geringerem als seinem Bugatti Divo Hypercar zum Pass angereist. Dennoch zieht er den alten Wagen für das Rennen vor: "Das Fahren von Vorkriegsautos aktiviert wirklich alle Sinne. Man hört, man fühlt, man riecht, man kann sogar das Methanol auf der Zunge schmecken. Es ist eine absolute Reizüberflutung, die man von modernen Autos einfach nicht bekommt."



Der Alfa 8C ist jedoch nicht der einzige hochkarätige historische Rennwagen auf der Strecke. Das Mercedes-Benz Museum hat zwei unschätzbar wertvolle Autos aus seiner Sammlung mitgebracht: einen weißen SSK von 1928 und einen silbernen 300 SLR aus dem Jahr 1955. Währenddessen treten der deutsche Sammler Klaus Dold und seine Tochter Victoria am Bernina in ihren Familienautos an: einem Alfa 8C 2300 Zagato Spider und einem Bugatti Type 35A. Franco Gansser steuert einen Riley Sprite TT mit einem erstaunlichen Tempo, während Heinz Stamm in einem Aston Martin DB2/4 Bertone Spyder teilnimmt. Beide jagen vom Start bis ins Ziel nach Ruhm, ungeachtet des Alters ihrer Rennmaschinen. Enthusiasten mit einem Faible für Sportwagen der 1960er und 70er Jahre hatten die Qual der Wahl: ein Rudel donnernder Alfa Romeo GTA, ein eleganter Alfa TZ1 und ein Aston Martin DB4 Lightweight, der mithilfe einer Leichtbau-Diät auf unter 1000 Kilogramm abgemagert wurde und damit das perfekte Werkzeug für die Eroberung des Passes darstellt.


Was die Bernina Gran Turismo so besonders macht, ist die Vielfalt der Autos und Fahrer. Weltbekannte Sammler und Concours-Gewinner treten in unbezahlbaren Klassikern neben lokalen Fahrern aus den umliegenden Tälern an, die in bescheideneren, aber ebenso faszinierenden Wagen Rennen fahren. Patrick Koller, der am Fuß des Berges aufgewachsen ist und jede Kurve der Straße in- und auswendig kennt, fuhr seinen Mitsubishi Lancer Evo IV in bester Gesellschaft von Rallye-Legenden wie einem Audi Sport Quattro S1 und zwei Lancia Stratos der Gruppe 4. Karl Fazer brachte seinen Toyota Celica GT-Four aus Finnland mit, während Filip Larson, der Organisator des wunderbaren Aurora Concours in Schweden, am Steuer seines erstaunlich kurzen, lauten und schnellen TVR Griffith in den Alpen ankam. Das lauteste Auto von allen dürfte wohl Marc Gassmanns Ford Mustang Foxbody aus den 1990er Jahren gewesen sein, der wie eine Kette von Feuerwerkskörpern durch die Kurven knallte.


Auch für die Zuschauer ist die Bernina Gran Turismo ein Hochgenuss. Ganz wie in alten Zeiten kann man seinen Campingstuhl mit einem Kaffee in der Hand an einer der Spitzkehren aufstellen und den vorbeirauschenden Autos zuschauen. Oder man pendelt zwischen der Startaufstellung am Ospizio Bernina hoch oben auf dem Pass, wo Michael Bornhäuser und J.P. Rathgen von Classic Driver das Rennen für den Livestream kommentierten, und La Rösa. Dort reihten sich die Autos fein säuberlich auf, mit offenen Türen und laufenden Motoren, neugierig beäugt vom lokalen Weidevieh, während sie darauf warteten, dass die Startflagge fiel. Man kann auch einfach zwischen den Autos umherschlendern, mit den Fahrern plaudern und sich bei Rivella und Bratwurst unter die Einheimischen mischen. Natürlich kann das Wetter die Bedingungen schnell verändern. Während frühere Ausgaben von Regen, Nebel und sogar plötzlichem Schneefall abgekühlt wurden, bot die Bernina GT am vergangenen Wochenende die perfekte Kombination aus goldener Septembersonne und strahlend blauem Himmel.


Was wäre ein Bergrennen ohne ein paar Porsche? Der lokale Fahrer Alex Boller trat in seinem frisch restaurierten Porsche 356 Speedster an, während der US-Industriedesigner Carl Gustav Magnusson den Berg in seinem leichten und sorgfältig modifizierten Porsche 912 in Angriff nahm. Genau diesen Wagen durften wir vor einigen Jahren bereits auf dem Splügenpass erleben. Das dramatischste Auto von allen war jedoch zweifellos der Ferrari 365 GTB/4 Daytona Competizione N.A.R.T., gemeldet vom einheimischen Fahrer, Werkstattbesitzer und Restaurator Niko Camenisch. "Das Auto wurde in den 1980er Jahren vom North American Racing Team neu aufgebaut und wir hatten das große Vergnügen, den Wagen für dieses wunderschöne Event vorzubereiten", sagt Niko, während er in La Rösa auf seinen nächsten Lauf den Berg hinauf wartet. "Der Wagen ist extrem schnell und wirklich sehr laut. Er verfügt über einen V12-Rennmotor, ein Renngetriebe, ein Rennfahrwerk, Motorsport-Felgen und entsprechende Reifen. Es ist eine riesige Ehre, ihn heute hier fahren zu dürfen!"

Als Medienpartner hatte Classic Driver das Vergnügen, das gesamte Wochenende über von der Bernina Gran Turismo zu berichten. Unser Dokumentarfilm über das Event, der viele der Autos und Fahrer in Aktion zeigt, befindet sich derzeit in der Nachbearbeitung und wird in Kürze verföffentlicht. Falls Sie Classic Driver noch nicht auf YouTube abonniert haben, sollten Sie dies nachholen, um direkt benachrichtigt zu werden, sobald der Film in den kommenden Tagen erscheint.
Fotos: Andrea Klainguti, Alberto Chimenti Dezani










































































































