

Es ist eine ganz eigene Kunst, in St. Moritz anzukommen. Man lenkt den Wagen durch enge Bergkurven, wechselt präzise die Gänge und gleitet schließlich in dieses goldene, alpine Sonnenlicht, das es so nur im Engadin gibt – während die Hektik des Alltags im Rückspiegel verblasst. Einmal im Jahr erreicht diese Kunst ihren Höhepunkt: Dann bringt die Sommersonne den makellosen Rasen des Suvretta House zum Leuchten, und die klare Alpenluft füllt sich mit dem tiefen, mechanischen Klang klassischer Reihensechszylinder aus Großbrittanien.


Nach dem glanzvollen und opulenten High-Society-Flair der Billionaire Edition im Vorjahr richtete die 32. Ausgabe des British Classic Car Meeting St. Moritz am vergangenen Wochenende ihren Blick auf eine ebenso stilprägende Welt, nämlich auf die zeitlose, ganz in Weiß gehaltene Eleganz des traditionellen Rasentennis. Nur wenige kulturelle Motive harmonieren so nahtlos mit dem Ethos klassischer britischer Wagen wie die Traditionen des Tennisrasens: die mühelose Raffinesse, die absolute Disziplin der Form und das Feiern eines saisonalen Rituals. Während die besten Spieler der Welt in Wimbledon kämpften, traf in St. Moritz automobiler Schmuck auf die Lässigkeit des Spielfeldrands. Das wandelte die Veranstaltung von einem reinen PS-Wettbewerb zu einer Meisterklasse in der Kunst des guten Lebens.


Bereits am Donnerstag stimmte sich J.P. Rathgen von Classic Driver im St. Moritz Tennis Club auf das Wochenende ein. Dort tauschte er Ballwechsel mit dem kuwaitischen Tennismeister Mohammad Al Ghareeb aus, bevor er auf dem Schiedsrichterstuhl im großen Restaurant des Suvretta House Platz nahm. Dieses war extra für das wohl extravaganteste Turnier in der Geschichte des Sports in einen Tennisplatz verwandelt worden.


Am Freitag hatten die Zuschauer in St. Moritz zum ersten Mal die Gelegenheit, die angereisten Wagen zu inspizieren. Darunter befanden sich zahlreiche ikonische Austin-Healeys, Jaguar XK150 und E-Types, Triumph Spitfires sowie Aston Martin DB5 und V8. Es gab aber auch seltenere Raritäten zu sehen, wie einen Bristol 405, einen Mini Pickup oder einen von nur drei noch existierenden Aston Martin DB3 aus dem ehemaligen Werksteam. Ein besonderes Highlight war der Austin Mini Cooper 1275 S Works Rallyewagen von 1969, der von keinem Geringeren als dem Rallye-Professor selbst, Rauno Aaltonen, gesteuert wurde. Der Tag klang mit einem glanzvollen Abendessen im Badrutt’s Palace Hotel mit Blick auf den Ort und den St. Moritzersee aus.


Das eigentliche Herzstück des Samstags begann am Badrutt’s Palace Hotel: eine anspruchsvolle, aber optisch spektakuläre Gleichmäßigkeitsrallye über 200 Kilometer. Sie forderte die Ausdauer von Vorkriegslegenden ebenso heraus wie die schnellen Reflexe von Klassikern aus dem späten 20. Jahrhundert. Die Route überquerte zweimal die Grenze zum benachbarten Italien, sodass die Teams enorme Höhenunterschiede mit einer gesunden Dosis Italianità bewältigen mussten. Die erste Etappe führte das Feld über die Serpentinen des legendären Malojapasses hinunter in den tiefen Schatten des Val Bregaglia bis in die historischen Straßen von Chiavenna. Nach diesem kurzen Abstecher nach Italien kehrten die Teilnehmer den Berg hinauf zu den gepflegten Außenanlagen des Suvretta House zurück, um ein typisch britisches Picknick aus Weidenkörben zu genießen. Die zweite Etappe verlief nicht weniger dramatisch. Sie führte die Kolonne der Wagen über den Berninapass mit seinen atemberaubenden Ausblicken hinunter in den sonnenverwöhnten Ort Tirano, bevor der letzte Aufstieg zurück nach St. Moritz anstand.


In einem extrem knappen Kampf um Präzision und Timing sicherten sich Tiziano Nessi und Hirad Houshmand den Gesamtsieg in der hart umkämpften Kategorie Sports Classic. Sie steuerten einen Jaguar E-Type von 1963 mit nur 337,41 Strafpunkten ins Ziel und gewannen beim Gala-Dinner im Suvretta House eine speziell gravierte Fliegeruhr von IWC. Die Zweitplatzierten Ferruccio und Tamara Nessi machten ihnen im MG TB von 1939 mit 436,46 Strafpunkten das Leben schwer, dicht gefolgt von Nello und Carolin Wiesendanger in einem Jaguar XK140 DHC von 1956, die das Podium komplettierten. Die restlichen Plätze unter den Top Ten zeigten eindrucksvoll, wie breit das Feld aufgestellt war und wie gut sich die unterschiedlichen Altersklassen bei dieser anspruchsvollen Alpenrallye schlugen.


War der Samstag noch ein Test für mechanische Ausdauer und navigatorische Disziplin, stand der Sonntag ganz im Zeichen der Ästhetik. Die smaragdgrünen Gärten des Suvretta House verwandelten sich in eine sonnendurchflutete Gartenparty im Stil des Rasentennis. Untermalt wurde das Ganze von den traditionellen Melodien der Swiss Highland Pipers, während Pimm's Cups, frische Erdbeeren und flüssige Sahne für das leibliche Wohl sorgten. Die für das Wochenende empfohlene Kleiderordnung namens White Wimbledon Style wurde von Teilnehmern und Zuschauern gleichermaßen begeistert angenommen. Der Rasen glich einem Meer aus Panamahüten, leichten Leinenblazern, Plissee-Röcken im Vintage-Stil und makelloser weißer Tennisbekleidung. Es bot sich ein wunderschönes Panorama zeitloser Mode, das die klassischen Linien der daneben geparkten Wagen perfekt widerspiegelte.



Die Fachjury unter der Leitung von Präsident Marco Makaus und in Begleitung des britischen Botschafters James Squire bewertete die angemeldeten Autos nicht nur nach der Optik, sondern auch nach Authentizität, mechanischer Korrektheit und Provenienz. In einem seltenen und beeindruckenden Durchmarsch räumte ein einziger Wagen die höchsten Auszeichnungen des Wochenendes ab: Die begehrte Best of Show Trophy ging an den Aston Martin DB3/5, einen von nur drei überlebenden Rennwagen des ehemaligen Werksteams aus den 1950er-Jahren. Er blickt auf eine bedeutende Renngeschichte zurück, zu der auch Siege beim ersten 9-Stunden-Rennen von Goodwood und in Sebring gehören. Bei den Vorkriegsautos gewann ein Rolls-Royce New Phantom von 1926 seine Klasse, während die Auszeichnung bei den Young Classics an eine von weltweit nur 100 produzierten Aston Martin Rapide S Centenary Editions ging. Die Kinder beim Concours wählten unterdessen einen Rolls-Royce Silver Wraith aus den 1950er-Jahren zu ihrem Favoriten für den Kids Choice Award.


Als die Wagen am Sonntagnachmittag langsam aus den Toren des Suvretta House rollten und der hallende Klang ihrer Auspuffanlagen von den Granitgipfeln des Engadins zurückgeworfen wurde, hatte die Veranstaltung bei allen Anwesenden einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Sie bewies zweifellos, dass eine großartige Tradition und ein tadelloser Stil niemals aus der Mode kommen, ganz egal, ob man einen perfekten Slice die Linie entlang schlägt oder eine unübersichtliche Kurve in den Bergen erwischt. Bis zum Juli 2027 kehrt das Hochtal nun in seinen ruhigen alpinen Schlummer zurück, aber das Echo des Wimbledon-Stils in den Bergen wird noch lange nachklingen.
Fotos: Pietro Martelletti, Davide De Martis, Fabrizio D’Aloisio
























































































