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Magazin

Momo Mirage

Coupé Courage

Text: Mathias Paulokat
Fotos: Boris Adolf www.autofotografie.ch

Neues aus dem rollenden Raritätenkabinett: der Momo Mirage ist ein nur fünfmal gebauter amerikanischer Sportwagen mit italienischer Inspiration. Der 2+2-Sitzer geht auf den leidenschaftlichen Automobil-Aficionado Peter Kalikow zurück, der gemeinsam mit Alfredo Momo seine Vision eines eigenen Sportcoupés auf die Räder stellte. Der Gran Turismo vertraut auf ein V8-Aggregat von GM und kontinentale Fahrwerkstechnik. Ein europäisches Antlitz verleiht ihm die Karosserie aus dem Hause von Pietro Frua. Classic Driver beleuchtet Fahrzeug und Konzept in der Klassikerrubrik.

So wird es gewesen sein. Damals, im Jahre 1957. Die New Yorker Automobil-Messe öffnete ihre Tore und der in Immobilien machende Geschäftsmann Peter Kalikow stattete den Herstellern und ihren Neuheiten einen Besuch ab. Besonders zeigte sich Kalikow von den europäischen Sportwagenschmieden begeistert. Ob nun Aston Martin, Jaguar, Maserati oder Ferrari – hier zeigte sich damals schon automobile Klasse in ihrer elegantesten und auch sportlichsten Form. Peter Kalikow kam mit Alfredo Momo ins Gespräch, der zuvor im Motorsport für Briggs Cunningham tätig war und nun seinerseits mit der New Yorker Jaguar Garage als Statthalter der Marke fungierte.

Aus Gesprächen entwickelte sich schon bald eine gemeinsame Passion und Freundschaft. Ihr automobiler Enthusiasmus führte Kalikow und Momo auf gemeinsamen Reisen in höchste europäische Automobilkreise. Kalikow entwickelte sich mehr und mehr zum Aficionado für edle Fahrzeuge. Doch nachdem im Jahr 1967 der Aston Martin DBS mit radikal neuer Formgebung seine Premiere feierte, zeigte sich Kalikow von dessen Fahrverhalten enttäuscht. Und fasste prompt den Entschluss, sein eigenes Fahrzeug zu bauen. Die Idee zum Momo Mirage war geboren.

Ein Aston gab den Anstoß

Besser als der neue Aston Martin DBS; das war nur eine Maxime des Projekts „Momo Mirage“. Peter Kalikow hegte große Pläne. Geplant war nicht etwa ein Unikat, sondern eine elitäre Kleinserie von rund 25 Fahrzeugen pro Jahr, welche er mit Hilfe von Alfredo Momo einer solventen Klientel mit ausgefallenem Geschmack zuführen wollte. Kunden etwa, die sich zuvor beispielsweise für Facel Vega oder Maserati Sebring begeistern konnten und Ende der Sechzigerjahre ihren Individualismus etwa mit einem Jensen Interceptor oder FF dokumentierten. Kalikow und Momo konzipierten den Mirage genannten Wagen dann auch als echten Gran Turismo. Der 2+2-Sitzer sollte im Premium-Segment eine identifzierte Lücke zwischen Ferrari (Synonym für Leistung und Sportlichkeit) und Rolls-Royce (Synonym für Eleganz und Luxus) schließen, indem er die Tugenden beider Marken in sich vereinigte. Höher hätte man den Anspruch kaum formulieren können. Insbesondere, wenn man bedenkt, auf welche Traditionen, Entwicklungen, Modelle und Erfolge die beiden Marken in jener Zeit bereits zurückblicken konnten.

Aufgrund des hohen Kostendrucks für ein solches Projekt war schnell klar, dass amerikanische Großserientechnik zum Einsatz kommen sollte. Unter der Haube des Prototyps fand sich somit zunächst ein 350er V8 mit nicht gerade zuverlässigem „Quadrajet“-Vergaser, danach kam ein bewährter und 5,73 Liter Hubraum messender V8-Motor von GM mit vier einzelnen Weber Vergasern zum Einsatz. Dieses Aggregat leistete knapp 300 PS, auskömmlich für den rund 1,6 Tonnen schweren GT. Der Wagen erhielt einen Heckantrieb und ein manuelles Fünfgang-Getriebe aus dem Hause ZF. Das Fahrzeug baute auf einem Stahl-Chassis, auf welchem eine Karosse sattelte, die ebenfalls aus Stahl gefertigt wurde. Bemerkenswert ist zudem, dass beim Fahrwerk Teile des Jaguar Mk II zum Einsatz kamen.

Den besonderen Pfiff des Momo Mirage sollte jedoch das italienische Designbüro von Pietro Frua beisteuern. Gewünscht war eine durch und durch europäische moderne Anmutung. Und die gelang: Im September kündigte das Road & Track Magazin das neue Auto auf dem Titel an und bewertete das Fahrzeug treffend als „europäisiertes Ponycar“. Im nächsten Jahr schloss sich nach insgesamt rund vier Jahren Entwicklungszeit für Kalikow der Kreis: Sein Momo Mirage feierte auf der New York Auto Show die Publikumspremiere und wurde von seinen Machern vollmundig als „internationaler Vollblüter“ angepriesen.

Design von Pietro Frua

Der Momo Mirage erregte tatsächlich Aufsehen. Grund hierfür war die moderne, geradlinige Formensprache mit erkennbar europäischen Zügen, die nicht von ungefähr an Modeneser Sportwagen der Marke Maserati erinnerte. Tatsächlich lieferte Giulio Alfieri den Entwurf des Chassis, dessen Konstruktion Vittorio Stranguelli übernahm. Das Blechkleid schneiderte nicht etwa Sergio Pininfarina oder Michelotti, sondern eben das Büro von Pietro Frua. Der wiederum beschäftigte den jungen amerikanischen Designer Gene Garfinkle, welcher laut Kalikow die Linien des Mirage zu Papier gebracht haben soll. Im Sommer des Jahres 1970 entstand so das erste Modell des Fahrzeugs.

Doch obwohl die Premiere in New York durchaus glückte, fuhr der Momo Mirage fortan unter keinem guten Stern. Die Ölkrise, eine unglückliche Dollar-Parität und Preiserhöhungen der italienischen Zulieferer machten die Gesamtrechnung innerhalb kürzester Zeit zunichte. Die Erstellungskosten eines einzelnen Fahrzeugs lagen weit über dem von Kalikow projektierten Verkaufspreis. Bitter für den Vater des Momo Mirage, denn der hatte bis dahin rund eine halbe Million Dollar in das Projekt investiert. Doch anstatt sich zu grämen, stellte Kalikow insgesamt fünf Fahrzeuge fertig, von denen sich bis heute drei in seiner Sammlung befinden. In 2009 konnten die Besucher des Concorso d'Eleganza Villa d'Este die Nummer Zwei der Kleinstserie in Augenschein nehmen. Und sich von seinem Exotenstatus hautnah überzeugen. Heute liefert der Momo Mirage ein überzeugendes Statement über die Courage seiner Macher. Chapeaux!

Wir danken dem Fotografen Boris Adolf, der uns seine Fotografien des Momo Mirage zur Verfügung gestellt hat. Im schweizerischen Fällanden, nahe Zürich, betreibt Boris Adolf ein Fotostudio für Automobilfotografie, in dem bereits zahlreiche Klassiker portraitiert wurden. Einen Vorgeschmack auf seine Arbeiten erhält man unter www.autofotografie.ch.

Momo memorized – die Fakten

Herkunftsland: USA

Produktionsjahr: 1972

Stückzahlen: fünf komplette Fahrzeuge

Fahrzeugkonzept: Gran Turismo, 2+2-Sitzer

Karosserie: Stahl auf Stahl-Chassis

Motor: V8-Motor von GM, vier Weber Doppelvergaser

Hubraum: 5,73 Liter

Leistung: rund 300 PS

Bremsen: Girling-Scheibenbremsen

Kraftübertragung: 5-Gang manuelles Schaltgetriebe, Hinterradantrieb

Radaufhängung: Einzelradaufhängung rundum

V-Max: ca. 220 km/h