Galerien, Geschäfte und Glühwürmchen bei der Art Basel 2015

Milliardenmarkt, Kunstspielplatz, Forschungslabor – auch in diesem Jahr treffen bei der Art Basel die Kunstwelten aufeinander. Wir haben uns während der Preview ins Getümmel gestürzt.

Milliardenmarkt Kunst

Die Art Basel gilt als weltweit größte Messe für Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts und wichtiger Treffpunkt für Künstler, Sammler und Galeristen. Man kann die Art Basel aber auch anders verstehen – als Grundkurs in Volkswirtschaftslehre zum Beispiel. 2014 wurde der weltweite Kunstmarkt auf rund 51 Milliarden Euro geschätzt. Das Plus von sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr verdankt sich zu einem guten Teil der Nullzinspolitik der Notenbanken, die derzeit auch die Preise für Immobilien, klassische Automobile und andere Sachwerte in die Höhe treibt. Nur wenige Kilometer von der Messe entfernt, hängt in der Fondation Beyeler in Riehen derzeit das „teuerste Gemälde der Welt“ – der Gauguin von 1892 soll unlängst für knapp 300 Millionen US-Dollar an ein Museum in Katar verkauft worden sein soll. Auch unter den VIPs, die während der zweitägigen Preview durch die Galerien der Messe spazieren, sind zahlreiche „Supersammler“ wie etwa der Hedgefond-Milliardär Steven A. Cohen, der im Frühjahr bei Christie’s  eine Bronzefigur von Alberto Giacometti für 141,3 Millionen Dollar ersteigert haben soll – ein neuer Allzeit-Rekord für eine Skulptur.

Zurück zu den Klassikern

So steht natürlich auch die Art Basel 2015 wieder ganz im Zeichen der Transaktion: 284 Galerien aus 33 Ländern sind mit mehr als 4.000 Künstlern vertreten, der Gesamtwert der Werke wurde vom Versicherer AXA Art auf 3,4 Milliarden Dollar geschätzt. Und auch wenn sich die Kunsthändler in diesem Jahr diskret geben und noch keine Rekordpreise durchsickern lassen, zeugen doch die kleinen roten Punkte neben zahlreichen Werken von den Verkäufen während der Preview-Tage. Angesichts der teils absurden Preissprünge und zunehmenden Spekulation auf dem Kunstmarkt scheint sich allerdings eine gewissen Vorsicht breitzumachen – von manch einem Galeristen ist zu hören, er erhöhe seine Preise nur noch moderat und verkaufe ausschließlich an Sammler und Museen, die ein Werk nicht sofort wieder auf den Markt werfen würden. Auch Mark Spiegel, Direktor der Art Basel, möchte seine Messe nicht bloß als Bazar für Milliardäre verstanden wissen – und hat für 2015 einen neuen, konservativeren Schwerpunkt gesetzt: Im Erdgeschoss von Halle 2 stehen nun die Klassiker der Moderne seit 1900 sowie die Nachkriegskunst bis 1970 im Fokus, zahlreiche Galerien haben hierfür ihre Plätze gewechselt. Namen wie Picasso, Giacometti, Chagall, Beckmann, Magritte, Kokoschka, Schiele und Bacon versprechen Nachhaltigkeit und Stabilität – kunstgeschichtlich sowie als Investment. Doch natürlich verkaufen sich auch zeitgenössische Künstler wie Cy Twombly, Marlene Dumas oder Takashi Murakami weiterhin blendend und zu Millionenpreisen.

Viel Raum für Ideen

Wer nicht der Rendite wegen, sondern auf der Suche nach einem besonderen Kunsterlebnis nach Basel gekommen ist, wird derweil anderstwo fündig – etwas bei der Art Unlimited, wo traditionell die großformatigen und sperrigen Werke gezeigt werden. Gleich am Eingang der Halle wird der Besucher von einer Installation des chinesischen Künstlers Ai Weiwei begrüsst, der 760 Velos der chinesischen Marke Forever zu einem Fahrrad-Turm gestapelt hat, während sein Berliner Kollege Julius von Bismarck auf einer rotierenden Scheibe samt Schreibtisch und Bett im wahrsten Sinne des Wortes um sein Künstler-Ego kreist. Eindrucksvoll ist auch der von Shilpa Gupta entworfene Monolith aus singenden Mikrofonen, der an Stanley Kubricks „Odyssee im Weltraum“ erinnert. Zum Teil der Inszenierung wird der Besucher schließlich bei David Shrigley, der mit einer etwas eigenwilligen Interpretation von Michelangelos David zum Aktmalkurs einlädt.

Designikonen von der Tankstelle bis zur Armbanduhr

Großformatig geht es in diesem Jahr auch bei der zehnten Ausgabe der Design Miami / Basel in der gegenüberliegenden Halle zu: Gleich im Erdgeschoss hat der amerikanische Hotelkönig Andre Balazs eine Ausstellung mit Beispielen modularer Architektur kuratiert – zu sehen sind neben Jean Prouvés „Filling Station“ auch ein VW Bulli mit Camping-Ausstattung und ein mit Ikea entwickeltes Fertighaus, das von der UNHCR in Krisengebieten eingesetzt wird. Auch im ersten Obergeschoss gibt es einiges zu entdecken: Neben den großen Klassikern des Möbeldesigns, dass immer mehr Sammler an die Stände der Galerien lockt, findet man auch ungewöhnlichere Objekte – etwa die DDR-Spielzeugtiere von Renate Müller oder die Möbel von Wendell Castle, dem Gründungsvater des American Crafts Movements. Selbst für Uhrensammler ist die Designmesse in diesem Jahr interessant: Le Collection’Heure aus Belgien zeigt unter anderem die Heuer von Steve McQueen aus dem Film „Le Mans“ sowie eine Patek Philippe von Andy Warhol und die Rolex-Chronographen von Jackie Stewart und David Brown. 

Matchbox-Ferrari und Holzkohle-Eis

Art Basel – das sind natürlich auch die zahlreichen Satellitenmessen, Events, Parties und Off-Locations. Wer auf der Suche nach junger Kunst ist, sollte die wie immer sehr inspirierende, alternative Kunstmesse Liste in der ehemaligen Warteck-Brauerei besuchen oder einen Rundgang durch die Basler Innenstadt entlang des Art Parcours einplanen – bei Davide Balula kann man dort Eiscreme mit gewöhnungsbedürftigen Geschmäckern wie Fluss, Dreck oder verkohltes Holz probieren, während der auf Originalgröße aufgeblasene Matchbox-Ferrari von Vik Muniz Kinderträume wahr werden lässt.

Reflektieren und verweilen

Dass selbst ein vom täglichen Facebook- und Instagramkonsum gestähltes Auge nach diesem Programm erste Ermüdungserscheinungen zeigt, ist nicht weiter verwunderlich. Dem Malstrom der Eindrücke bei der Art Basel entkommt man nur durch Weglassen, Ignorieren – und überlegtes Selektieren. Interessanterweise sind es in diesem Jahr vor allem die Sponsoren und Marken im Umfeld der Messe, die zum Verweilen und Reflektieren einladen – und die Kunst für einen Moment aus dem Wertschöpfungszyklus befreien. Im Auftrag von Rolls-Royce hat etwa der britische Künstler Isaac Julien die Basler Kirche Elisabethen durch eine Videoinstallation in eine isländische Eishöhle verwandelt, die einem alle vom Kunstkonsum überhitzten Synapsen kühlt. Einige Schritte weiter, im Restaurant Noonh, zeigte BMW derweil das Ergebnis einer kreativen Kooperation mit dem Schweizer Designer Alfredo Häberli und verkündete dazu den Gewinner der BMW Art Journey – Samson Young aus Hongkong wird ab diesem Sommer auf den Spuren von Glocken und Kanonen durch fünf Kontinente reisen.

Glühwürmchen mit Taktgefühl

Den schönsten „Abenteuerspielplatz“ der Art Basel 2015 hat allerdings die Uhrenmarke Audemars Piguet zusammen mit ihrem Gastkurator Marc-Olivier Wahlen organisiert: In einem gewaltigen, tropisch temperierten Zelt im Konzertsall des Basler Volkshauses hatte der Schweizer Künstler und Komponist Robin Meier ein synchron geschaltete Kybernetik-Orchester erschaffen, in dem LED-Lampen und Glühwürmchen in verblüffendem Einklang um die Köpfe der Besucher blinkten. Dass dem Künstler ganz nebenbei eine schönere Analogie auf die Mechanismen des Kunstmarktes gelungen ist, war dabei gar nicht mehr so wichtig.

Fotos: Art Basel / Design Miami / Liste / Audemars Piguet / BMW / Rolls-Royce / Classic Driver