Art Basel 2014: Wenn der Kunstmarkt zum Kunstwerk wird

Die Höhepunkte der Art Basel 2014? Alles eine Frage des Standpunkts! Während sich die Galeristen in den Messehallen schon am ersten Tag über Millionen-Verkäufe freuten, zog es die Trendscouts der Kunstszene eher zu den kleinen Events im Rahmenprogramm.

Man fragt sich, ob der Kunstmarkt nicht längst selbst zum Kunstwerk geworden ist.

Was, wenn Marc Spiegler nicht der Direktor der Art Basel ist –sondern vielmehr ein größenwahnsinniger Künstler, der Jahr für Jahr die größte Massenperformance der Welt inszeniert, ohne das nur einer der Teilnehmer das Spiel als solches erkennt? Tatsächlich scheinen die Grenzen bei der wahrscheinlich größten und bedeutendsten Messe für Gegenwartskunst fließend – und man fragt sich, ob der Kunstmarkt in seinem Beschleunigungsrausch nicht längst selbst zum Kunstwerk geworden ist. Schon während der ersten VIP-Previews mischen sich in den Basler Messehallen millionenschwere Sammler, sendungsbewusste Galeristen, mehr oder weniger bekannte Künstler und (so ist zu vermuten) zahlreiche gut gekleidete Hochstapler. Es duftet nach den Seifen der angesagten australischen Kosmetikmarke Aesop, man trägt bunte Anzüge, zu kurzen Hosen und – ganz wichtig – neonbunte Freerun-Laufschuhe aus dem 3D-Drucker.

32 Millionen nach 15 Minuten

Schwer zu sagen, wer in diesem Meer der englisch, koreanisch und russisch parlierenden Individualisten die Milliarden auf dem Konto hat. Doch es gibt sie weiterhin, die großen Sammler und Dekorateure: Schon am ersten Preview-Tag werden mehr als zehn Werke für über eine Million US-Dollar verkauft. Das Bild „Fright Wig“ von Andy Warhol bringt der Galerie Skarstedt in den ersten 15 Minuten ganze 32 Millionen US-Dollar ein, die Skulptur eines aufblasbaren Delfins von Jeff Koons wechselt für fünf Millionen US-Dollar den Besitzer. Kunst für vier Milliarden US-Dollar, so schätzt es der Versicherer AXA Art, ist in diesem Jahr auf der Art Basel zu sehen. Und die Nachfrage ist gewaltig. Neben europäischen und amerikanischen Sammlern mischen sich immer mehr Kunden aus Südamerika, Asien, Russland und dem Mittleren Osten. Das Spektrum der Kunstwerke reicht von der klassischen Moderne bis hin zur Gegenwartskunst, neben Malerei und Skulptur werden auch Drucke, Fotografien und Videoarbeiten angeboten.

Die Regeln der Aufmerksamkeit

Mehr als 1.700 Künstler sind vertreten – doch verkaufen lassen sich einmal mehr die großen Namen und plakativen, lauten und bunten Werke. Bei Jay Joplings Londoner Galerie White Cube stehen die Besucher noch immer gebannt vor einem der berühmten Apothekenschränke von Damien Hirst, am Stand der Gagosian Gallery schiebt Jeff Koons’ Hulk zur Freude der VIPs einen Blumenwagen, wenige Schritte weiter steht man vor Ai Weiweis Fahrradpyramide. Mit kleinformatigen Buntstiftzeichnungen kann man in Basel keine Aufmerksamkeit generieren – außer auf der Hinweistafel wird Sigmar Polke als Künstler genannt. 

Tannenbäume, Kuschelschlangen

Übersichtlicher (und für Nicht-Millionäre befriedigender) als der bunte Multi-Millionen-Supermarkt der Messehallen ist seit jeher die Sektion „Art Unlimited“, in der die besonders sperrigen und überdimensionierten Werke zu sehen sind, die nur schlecht ins Junggesellen-Penthouse in London, Moskau oder Shanghai passen. Da ist etwa eine gewaltige orangefarbene Stoffbahn des Künstlers Sam Falls, die sich quer durch die Halle spannt. Ebenso beeindruckend Giuseppe Penones gespaltener Tannenbaum, 46 Meter lang und mit Harz gefüllt. Oder die riesigen Kuschelschlangen aus Sterling Rubys raumfüllender Installation „Soft Work“, die kindliche Erinnerungen wecken. Ein großer Künstler auf der Klaviatur der Emotionalisierungsstrategien übrigens, wer bei dieser blendend bunten Leistungsschau noch echte Emotionen wecken kann. 

Schockierend menschlich

Schockierender als etwa die apokalyptischen Leichenberge der Chapman-Brüder, die seit Jahren zur Standardausstattung der großen britischen Galerien gehören, scheint für viele Besucher der Anblick eines normalen menschlichen Körpers: Im grellen Licht eines Scheinwerfers sitzt eine nackte Frau auf einem Fahrradsattel und versucht unter sichtlicher Anstrengung, die Arme nach oben ausgestreckt zu halten. Das „Lebendige Kunstwerk“ von Marina Abramovic ist eine von 14 Performances in der von den MoMA-Masterminds Hans-Ulrich Obrist und Klaus Biesenbach kuratierten Ausstellung „14 Rooms“, der sicherlich eindrucksvollsten Sektion der Art Basel 2014. Denn wo man sonst als bloßer Betrachter die Kunst konsumiert, wird man hier zum Teil der Inszenierung – man beobachtet die Zwillinge in der „Live Art“ von Damien Hirst, wartet in der unbehaglichen Dunkelheit des Raumes von Yoko Ono auf eine Berührung oder muss beim Handeln mit Roman Ondáks Protagonisten die Taschen leeren. Als Wohnzimmerdekoration eignen sich diese flüchtigen Menschenkunstwerke freilich nicht – vielleicht macht es gerade das so interessant.

Invasion der Raumstationen

Einen festen Platz im Fahrwasser der Art Basel hat mittlerweile auch die Design Miami: 51 Galerien aus 13 Ländern zeigen hier klassische sowie moderne Möbel und Objekte. Angesagt sind weiterhin die skandinavischen Designklassiker, Mid-Century-Ausstattungen im Mad-Men-Look und Industriemöbel von Jean Prouvé –  die Galerie Laffanour aus Paris bietet einen seiner Arbeitstische zum Kauf, der Preis liegt bei 500.000 Euro. Interessant ist allerdings die Rückkehr der experimentellen Architektur ins Bewusstsein der Sammler: Das leicht demontierbare Fertighaus „F 8x8 BCC“ von Jean Prouvé und Pierre Jeanneret, 1942 entworfen und konstruiert, dient der Galerie Patrick Seguin als Ausstellungsraum. Die Galerie Jousse Entreprise hat derweil mit „Maison Bulle 6 Coques“ ein modulares Kugelhaus aus Kunststoff im Raumstation-Look nach Basel transportiert und Konstantin Grcic hat für Audi einen modularen „TT Pavilion“ entwickelt, der ebenfalls einer Mondbasis gleicht, jedoch im urbanen Dschungel zum Einsatz kommen könnte. Falls Ihnen die Luken des Pavillons bekannt vorkommen – sie waren zuvor als Heckklappen des Audi TT im Einsatz.

Recht auf Rutschen

Dass Architektur nicht immer bierernst sein muss, zeigte schließlich auch der Möbelproduzent Vitra im nahe gelegenen Weil am Rhein. Im Rahmen des alljährlichen Sommerfests zur Art Basel wurde der von Carsten Höller entworfene Slide Tower eingeweiht – ein Aussichtsturm mit Blick über die architektonischen Perlen des Fabrikgeländes mit eingebauter „Personenrutsche“.  Carsten Höller propagierte bei der Eröffnung nochmals das „Recht auf Rutschen“ und die Rutschbahn als freudvollere Alternative zu Treppe und Aufzug, bevor sich das Premierenpublikum kollektiv in die Röhre fallen ließ. Marc Spiegler hätte keinen besseren Abschluss für seine Monumental-Performance namens Art Basel finden können.

Fotos: Jan Baedeker / 14 Rooms

Die Art Basel 2014 ist noch bis zum 22. Juni 2014 geöffnet. Weitere Informationen unter artbasel.com