Jaguar XJ6 2.7 D Sovereign

Von Berlin nach Cannes. 1.500 Kilometer und eine Frage: „Ist das Reisen mit dem Auto quer durch Europa überhaupt noch zeitgemäß?“ Die Antwort fällt juristisch präzise aus: „Es kommt darauf an!“ Darauf, mit welchem Fahrzeug man unterwegs ist. Darauf, welche Strecke man wählt und darauf, wieviel Zeit man für die Tour durch fünf Länder zur Verfügung hat. Wir haben uns für den aktuellen Jaguar XJ6 2.7 D mit langem Radstand entschieden, Nebenstrecken angesteuert und uns drei Tage für die Route gegönnt. Das Ergebnis ist eine zeitlos schöne Tour mit Erinnerungswert.

Kontrastprogramm! Was es mit dem eiligen Kontinentalexpress auf sich hat, erläuterte mein Kollege Jan Baedeker anschaulich: „Frühstück in Berlin, Lunch in Brüssel, Café in Paris, Dinner in London.“ Striktes „Bentley-Business“. Darf ich Ihnen einen anderen Vorschlag unterbreiten? Gut, dann erlauben Sie folgende Fragen: „Sie haben die Monaco Yacht Show verpasst? Und zuvor den Monte Carlo Oldtimer Grand-Prix, auch das Formel 1 Rennen?“ Weniger gut – geradezu bedauerlich, dann sollten Sie sich wenigstens die zwölfte Rallye Monte-Carlo Historique notieren. Das Revival des Rallye-Klassikers findet Anfang 2009 vom 29. Januar bis zum 4. Februar statt. Ein schöner Anlass, besser noch, ein wirklich guter Grund, um dem Alltag zu entfliehen und sich auf den Weg zu machen. Raus. Weg. Neues entdecken.

Jaguar XJ6 2.7 D Sovereign Jaguar XJ6 2.7 D Sovereign

Wir sind schon einmal vorgefahren. Nicht mit dem brandneuen Jaguar XF, sondern mit dessen großem Bruder, dem Jaguar XJ. Der feiert in diesem Jahr sein 40-jähriges Jubiläum und präsentiert sich derweil in der siebten Generation. Unser „Ex-Jay“ in apartem Winter Gold Finish ist ganz nach meinem Geschmack: neben Mercedes-Benz S-Klasse und BMW 7er ein absoluter Limousinen-Klassiker. Zumal der Jaguar als „Souvereign“ vorfährt. Kenner wissen: dieser Zusatz proklamiert den Herrschaftsanspruch und steht mithin für die Langversion des Briten. Ein Plus von 125 Millimeter im Fond bei einer Gesamtlänge von knapp 5,22 Meter; das ist messbarer Luxus. Moment: Luxus? Kann man sich den heute überhaupt noch leisten? In Zeiten von „Bubble-Finance“, dem bösen R-Wort und überhaupt? Aber ja, man kann! Denn trotz Großzügigkeit beim Platz geizt der Jaguar unter der Haube und beim Verbrauch. Zum Einsatz kommt nämlich der sparsame XJ 2,7-Liter-Bi-Turbo-V6-Diesel mit 207 PS. Die Zeiten als Jaguar die trinkfesten V12er noch mit zwei Tankstutzen vom Band ließ, sind endgültig vorbei. „Aber muss es denn gleich ein Diesel sein?“ werden Jaguar Puristen nun schmerzlich aufbegehren. „Sicher, meine Herren, der Super-V8 täte es auch, aber spätestens seit dem neuen Eigentümer bei Jaguar wissen wir, dass „shocking news at first glance“ durchaus heilsam sein können.“ Der Marke geht es derzeit so gut wie nie.

Und ich fühle mich wohl wie selten zuvor in einer Diesel-Limousine. Längst habe ich den Berliner Großstadttrubel hinter mir gelassen, bin auf der A9 an Nürnberg vorbei und gleite bereits auf der Sieben Richtung Bodensee. Bei exakt 195 km/h rufe ich den Tempomat zum Dienst. Der kann auf freier Strecke stoisch regieren. An weniger als einem halben Tag ist beinahe ganz Deutschland durchquert. Der XJ liegt dabei straff auf der Bahn. Zugegeben, der Federungskomfort der S-Klasse ist schwer zu übertreffen. Dafür aber liegt der nur rund 1,7 Tonnen schwere Jaguar sportlicher und direkter in der Fahrerhand. Das ultrasteife Alumnium-Monocoque hat kein Kilo zuviel auf den Rippen. Auch eine Tugend! Kurz vor der schweizer Landesgrenze mahnt nicht die Tankanzeige, sondern der Chronometer am Handgelenk: „Erst Fünf. Wir sind viel zu schnell. Entschleunigung bitte!“ Nur zu gerne.

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Nach einer Nacht in Rielasingen, dem äußersten Zipfel im Südwesten Deutschlands, geht es rüber zu den Eidgenossen. Dem schweizer Zöllner springt der Jaguar etwas zu forsch am Schlagbaum vorbei. Ernste Blicke, die sich nach Prüfen von Fahrzeug und Papieren in Wohlgefallen auflösen. „Auch wenn Sie ein rasantes Auto fahren - das nächste Mal piano bitte!“ Na, immerhin, der Grenzer hat das Wesentliche erkannt. Schaffhausen ist schnell erreicht. Leise gleitet der XJ am rauschenden Rheinfall entlang und stromert bei der Uhrenmanufaktur IWC ums Eck. Von hier aus geht es auf Landstraßen weiter. Catwalk en Suisse: Erst einmal Station in Winterthur, durch Pfäffikon zum Zürichsee. Von Rapperswil aus führt unsere Route über den See nach Einsiedeln. Der Jaguar fühlt sich in diesen Gestaden ausgesprochen wohl. Schwyz und Sisikon verschwinden im Rückspiegel. Die Alpen rücken näher.

Obwohl der XJ groß ist, gibt er sich auch leichtfüßig; und das selbst auf engen Straßen. Wirken hier etwa dominante XK-Gene Es fühlt sich ganz so an. Nicht von ungefähr vertrauten schon frühere XJ auf die potente Veranlagung der rassigen Coupés. Am Ostufer des Vierwaldstätter Sees zieht der XJ mit Drehmomenten von bis zu 435 Newtonmeter bei unter 2.000 Motortouren behende die Berge hinauf. Der Sechsgang-Automat reguliert die Fahrstufen ohne Fehl. Beim Oberalppass liegt der Schnee noch mannshoch. Fräsen und Sonne haben das kurvenreiche Asphaltband über den Bergrücken freigelegt. Der Jaguar spurtet zum Gipfel. Und auf der anderen Seite wieder hinunter ins Tal. Plötzlich die Nachricht des Tages – amtlich übermittelt auf Hinweistafeln der Bergwacht: „Der Gotthard ist dicht!“ Zwangspause.

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Zwischen Schneebergen schießt bei Andermatt kristallklares Wasser den Berg herunter. Stahlblaues Berglicht blendet. Ein doppelter Espresso aus einem zerkratzten Emaille-Becher spendet Wärme. Zeit, den Jag einem prüfenden Blick zu unterziehen. Klar sind in seiner Formensprache noch die früheren Serien I bis III erkennbar. Gegenüber der fünften Generation, dem X300, wirkt der aktuelle XJ Jaguar des Modelljahrgangs 2008 deutlich markanter. Grund hierfür sind auch die überarbeiteten Stoßfänger, vorne versehen mit markant und groß geformten Lufteinlässen. Diese lassen den gesamten Wagen eine satte Spur sportlicher denn eleganter erscheinen. Das kann man mögen, wobei mir der kultivierte Look des Vorgängers auch immer gut gefiel. Genug sinniert. Die Entscheidung steht: „Serpentinen hin oder her - wir nehmen den Furka nach Brig!“ Der wintergoldene XJ scheint sich auf die stundenlange Kurvenhatz zu freuen. Am späten Nachmittag geht es über den Simplon zum Lago Maggiore. Schlagartig Italien. Die Luft ist milde, das Licht sanft. Der Wind wärmer als zuvor. Genauso habe ich mir den Abend am Seeufer vorgestellt.

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Über Varese, Novara und Turin geht es am nächsten Nachmittag quer durch Norditalien weiter Richtung Mittelmeer. Nach einigen Stunden Fahrt türmen sich neue Bergmassive auf. Die Nordseite der Seealpen. Das Revier der Rallye Monte-Carlo Historique. Ich peile Cúneo an – weiter südlich liegt unser Felsendurchstich nach Frankreich. Es ist bereits dunkel, als der Jaguar bei Tenda und 1.279 Meter über Normal Null die Staatsgrenze überspringt. Ein einsamer Fiat Panda kauert im Schatten der Grenzbaracke. Regen platzt aus den Wolken. Der Jaguar fällt unbemerkt in Frankreich ein. Nach einer kalten Nacht in den Bergen weckt zaghaftes Sonnenlicht den neuen Tag. Der Diesel Jaguar ist prompt hellwach. Auf kurvenreichen Straßen eilen wir im Sportmodus nach Monaco ans Mittelmeer.

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Monte-Carlo – die nächste Station ist der hiesige Yacht Club. Frühstückspause. Spätestens ab jetzt heißt: Genießen – den Café au Lait und jeden Kilometer. Auf der Küstenstraße geht es nach Villefranche-sur-Mer und über die Promenade des Anglais durch Nizza. Wenig später: Cannes, die Croisette. Wir sind am Ziel! Der Schauspieler Heino Ferch fuhr die Strecke mit dem gleichen Jaguar im Sommer 2007 auf direktem Weg und schaffte die 1.400 Streckenkilometer laut Hersteller mit nur einer Tankfüllung und einem Durchschnittsverbrauch von nur 5,1 Liter. Ich errechne nach unserer Fahrt rund acht Liter Durchschnittsverbrauch. Deutlich mehr, aber immer noch ein sehr anständiger Wert. Denn auf Sparflamme haben wir nicht gedieselt. Die Katze ist gelaufen - ein Catwalk mit Luxus und Vernunft.

Mehr Informationen über den aktuellen Jaguar XJ erhalten Sie direkt bei Jaguar oder auch bei den auf Jaguar spezialisierten Classic Driver Händlern. Alle Informationen rund um die zwölfte Rallye Monte-Carlo Historique finden Sie auf den Internetseiten des Automobile Club de Monaco, kurz ACM. Noch mehr Jaguar gefällig? Lesen Sie unsere ungewöhnliche Coventry-Reportage Jaguar Schatzsuche: Britische Chromjuwelen mit einzigartigen Motiven aus dem historischen Bestand der Marke.

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Text & Fotos: Mathias Paulokat


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