Ennstal Classic 2011: Ferrari vor Ferrari

Am vergangenen Samstag ging die Ennstal Classic mit einem großartigen Finale, dem Stadt-Grand-Prix von Gröbming und dem letzten Wertungslauf der 225 Teilnehmer, zu Ende. Facettenreich war die 19. Ausgabe praktisch in jeder Hinsicht. Nur das Podium präsentierte sich auffallend einheitlich, rangen gleich zwei Ferrari Dino dicht an dicht um den Gesamtsieg bei der Gleichmäßigkeitsrallye. Am Ende blieb der Ferrari 246 Dino GT vom Team Heidenbauer/Heidenbauer vorn.

Die Ennstal Classic ist so etwas wie die Mille Miglia Österreichs. Bei keiner anderen Veranstaltung trifft sich derart hochrangige Prominenz, um in entspannter Atmosphäre alte motorsportliche Zeiten – als Piloten noch Gentleman Driver waren – wieder aufleben zu lassen. Allen voran ehemalige Grand-Prix-Helden wie Sir Stirling Moss, der gemeinsam mit Ehefrau Lady Susie an der Ennstal Classic teilnahm, oder Nigel Mansell, der beim Chopard-Stadt-Grand-Prix von Gröbming im atemberaubenden Porsche 908 Le-Mans-Rennwagen die Zuschauer begeisterte. Nanni Galli, Jochen Mass, Maria Teresa de Filippis, Rauno Aaltonen, Marc Surer, Jutta Kleinschmidt, Dieter Quester und Roland Asch, keiner ließ sich die Ennstal Classic entgehen, auch wenn nicht alle am eigentlichen Wertungslauf teilnahmen.

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Doch Fahrer wie Moss, Aaltonen, Kleinschmidt und Surer stehen am Donnerstagmorgen zur traditionellen Bergwertung am Stoderzinken in den Startlöchern. Der Zinken zeigt sich wolkenverhangen und mit unter zehn Grad ist es geradezu bitterlich kalt. Trotzdem geben sich die Teilnehmer gelassen, ist man doch hier in der Alpenregion ganz andere Wetterkapriolen gewohnt. Nach der ersten Zeitmessung treffen wir Dr. Wolfgang Porsche, der standesgemäß im klassischen Porsche unterwegs ist, und fragen ihn, warum er alljährlich an dieser Veranstaltung teilnimmt. „Mich begeistert einfach die Gegend, sie ist unheimlich schön. Zudem ist die Ennstal Classic einfach toll organisiert und macht viel Spaß. Auch weil man hier viele nette Menschen trifft“, kommentiert der 68-jährige. Nach einem kurzen Lunch geht es streckenmäßig erst richtig los, denn schon am ersten Rallyetag wartet auf die Teilnehmer eine 381 Kilometer lange Tour mit einem Abstecher auf den modernisierten Red-Bull-Ring, ehemals A1-Ring.

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Wir begleiten in diesem Jahr das Mini-Team im Austin Mini Cooper S, Baujahr 1963. Am Steuer das charismatische Fahrerduett Cypselus von Frankenberg und Marcus Görig. Mini-Pressesprecher Frankenberg wurde das Fahrtalent praktisch in die Wiege gelegt und auch Auto-Mann Görig weiß als Initiator der B2B-Klassikerrallye Zeitreise, wo man bei einer Wertungsprüfung noch einige Sekunden herausfahren kann. Apropos Wertung: Bei der Ennstal Classic kommt es auf die exakte Durchschnittsgeschwindigkeit an, die innerhalb einer abgesteckten Distanz gefahren wird. Wer einen Tripmaster an Board hat, ist in dem Fall klar im Vorteil, denn die teilweise sehr betagten Tachometer weisen oft enorme Abweichungen auf.


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Nach einem langen und wechselhaften ersten Rallyetag geht es am Freitagmorgen genauso grau und nass auf die zweite Tour, dem über 500 Kilometer langen Ennstal-Classic-Marathon, der von Göbming aus über Bad Ischl und Steyr nach Schladming führt. Bereits morgens um sieben setzen sich die ersten Vorkriegsfahrzeuge der Reihe nach in Bewegung. Wie keine andere Generation repräsentieren sie den Mythos der frühen Straßenrennen. Es donnert, knattert und surrt, wenn sich die Maschinen in Bewegung setzten. Hinter dem Bentley Speed 6 von Dr. Harald Neumaerker und Robert Engstler, Chef vom Autohaus Bentley, Lamborghini und Bugatti Wien, schwebt eine dunkle Wolke aus Rußpartikeln, Benzinnebel und Materialabrieb, die einem im Cabrio ungefiltert die erste Dröhnung des Tages verpasst. Auf den folgenden Kilometern gibt es viel zu sehen, vor allem landschaftlich. Auf schmalen Bergpassagen erklimmen die Teilnehmer die grünen Hänge der Postalm oder der Kaiserau. Zwischenzeitlich gibt es belebte Stadtdurchfahrten, wie etwa in Steyr, wo gewöhnliche Menschen plötzlich das Oldtimer-Fieber packt.

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Mittlerweile spielt mehr und mehr auch das Wetter mit und sorgt für Heiterkeit unter den Rallyeteilnehmern. Jutta Kleinschmidt, Rallye-Dakar-Siegerin des Jahres 2001, scheint am zweiten Rallyetag jedoch noch aus einem ganz anderen Grund überaus glücklich. Nach dem gestrigen Prolog hat die erfolgreichste Frau im Motorsport das Steuer des BMW 1800 übernommen und lässt sich, wie auch im richtigen Leben, navigieren. Unter diesen Umständen hätten es auf der langen Strecke ruhig noch einige weitere Wertungsprüfungen sein können, gibt sich die Offroad-Pilotin gewohnt sportlich. Die lange Tagestour lässt keine Zeit für Pausen und fordert nicht nur die Fahrer zu beachtlichen Leistungen – auch die Technik der automobilen Preziosen wird gefordert. Ausfälle sind an der Tagesordnung, und leider erwischt es auch unser Mini-Team Frankenberg/Görig nur 80 Kilometer vor dem feierlichen Zieleinlauf in Schladming. Die Wertung führt der vergleichsweise moderne Ferrari Dino (Heidenbauer/Heidenbauer) mit der Startnummer 206 an, gefolgt von einem noch jüngeren Dino (Huemer/Huemer) und einem Mercedes-Benz 230 SL, Baujahr 1964 (Wohlenberg/Wohlenberg). An dieser Sortierung soll sich bis zum Schluss nichts ändern.

Samstag, blauer Himmel, Sonne. Zum großen Finale zeigt sich das Wetter wieder von seiner sonnigen Seite. Alles erwartet den legendären Chopard-Grand-Prix, ein Schaulauf der Rennfahrerlegenden in automobilen Rennsportikonen. Rund um das VIP-Zelt und Fahrerlager nahe dem Stadtkern von Gröbming tummelt sich bereits das Who-is-Who der Automobil-Branche oder wird gerade per Helikopter eingeflogen. Wo Aston Martin stehen, ist auch Dr. Ulrich Bez nicht weit, der zur Rallye gemeinsam mit seiner Frau Martina im Aston Martin DB2/4 MK II angetreten war. Nach und nach werden die Rennboliden startklar gemacht. Als der Iso-Bizzarini A3C, Baujahr 1965, zündet, erstarrt das Publikum vor Ehrfurcht. Während der elegante Klassiker Heavy-Metal spielt, klingen die optisch so spektakulären Porsche GT1 eher nach Softrock.

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Anders der schneeweiße Porsche 908/3 Rennprototyp, mit dem Ex-Formel-1-Pilot Nigel Mansell den großen Stadt-Grand-Prix anführt. Mit gezielten Burnouts weiß der sympathische Brite die rund 20.000 Zuschauer zu begeistern, die das beschauliche Gröbming alljährlich für dieses Spektakel aufsuchen. Zuvor hat Mansell noch im Interview seinem großen Vorbild und Freund, Sir Stirling Moss, liebevoll und mit einem gewissen britischen Humor über das Haupt gestreichelt. Sir Moss wiederum steuert das wertvollste Auto des Tages durch die Stadt, einen Ferrari 750 Monza, Baujahr 1955. Die Kette an prominenten Fahrern in großartigen Rennboliden scheint an diesem Tag nicht abzureißen. Auch die 84-jährige Grande-Dame des Motorsports, Maria Teresa de Filippis, ist im wunderschönen Maserati 200SI von 1956 dabei. Nanni Galli erschüttert die Häuserwände in seinem einmaligen und höllisch krachenden Tecno-F1-Rennwagen von 1972.

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Für den amüsanten Part des Schaulaufs sorgen Stammgast Jochen Mass, der in einem Mercedes Simplex von 1902, dem mit Abstand ältesten Fahrzeug der Ennstal Classic mit dem größten Wendekreis, gerade noch die „engen“ Kurven des Parcours kratzt, und Österreichs beliebteste Comedy-Stars Robert Palfrader als Kaiser Robert Heinrich I. und Rudi Roubinek als Chauffeur Seyffenstein im Rolls-Royce mit weiblicher Unterstützung von der schönen Co-Moderatorin Patricia Kaiser. Selbst am Himmel wird während der Show Sehenswertes geboten: Die Blanix-Fliegerstaffel begeistert ebenso mit romantischen Segelflugformationen, wie auch mit spektakulären 1.000-km/h-Flügen. Beim finalen Wertungslauf in Gröbming lassen sich Alois Heidenbauer und Birgit Heidenbauer im gelben Ferrari 246 Dino GT, Baujahr 1971, den Gesamtsieg nicht mehr nehmen – und wir uns nicht den Eindruck, dass die Ennstal Classic eine der schönsten und schillerndsten Rallye-Veranstaltungen Europas ist.

Weitere Bilder, Interviews und Infos unter www.ennstal-classic.at.

Text: Jan Richter
Fotos: Nanette Schärf