BMW 1er M Coupé: Kleines Gewitter

Im BMW 1er M Coupé treffen 340 PS auf lediglich 1.570 Kilogramm Lebendgewicht. Und weil diese Mischung von der BMW M GmbH angrührt wurde, verspricht sie Fahrspass pur.

München Garching, 23 Grad, leichte Bewölkung, Nachmittagszeit. Seit der Landung des Fliegers spür ich es kribbeln in mir drin. Lampenfieber vor einer Begegnung der besonderen Art. Denn das Auto, das ich gleich aus den Hallen der bayrischen Motorenwerke ins regennasse Hamburg entführe, trifft man in freier Wildbahn eher selten. Der BMW 1er M Coupé ist angetreten, die auslaufende Baureihe ein letztes Mal würdig zu vertreten. Mit seiner aufwändig verbreiterten Stummelheck-Karosse setzt er sich von dem Rest der hochgezüchteten Kompakten imposant ab. Und als i-Tüpfelchen löst er sein optisches Versprechen mit einem formidablem Sechszylinder ein. Vermutlich zum letzten Mal, denn üppige drei Liter Hubraum samt Turbolader gelten auch bei den Bayern in Zeiten gesteigerter Effizienz als Auslaufmodell. Doch noch darf der Lader heulen und dem Sechser gehörig Druck machen. Man sollte es genießen, so lange es geht.

BMW 1er M Coupé: Kleines Gewitter

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Formalitäten erledigen und eine erste Sitzprobe nehmen. Gut, das die Männer der M GmbH den Innenraum durch ein paar Wildlederleisten und etwas farbigem Garn aufgewertet haben, denn sonst wär auch dieser Über-1er in Sachen Wertigkeit nur Mittelmaß. Nur schnell noch den elektrisch verstellbaren Sportsitz justieren und das Ziel ins Navi eingeben. Klappt dank logisch aufgebautem Menü auch ohne Betriebsanleitung, selbst der alternative Streckenwunsch läßt sich blitzschnell aufrufen. Prima. Der Druck auf den Startknopf entfacht in der Auslieferungshalle ein erstes Gewitter. Der Schalldruck aus der Abgasanlage verlangt nach Freiheit. Soll er kriegen, denn die A9 ist in Rufweite. Auf den ersten Metern hangele ich mich noch ehrfürchtig durch das sämig zu schaltende Sechsgang-Getriebe. Zum Kennenlernen ist die Geschwindigkeit dank hohem Verkehrsaufkommen limitiert. Also nur 140 km/h, bei denen der Sechser im Bug stets deutlich präsent ist. Doch der Soundteppich beginnt in seiner Frequenz lästig zu werden, dazu holpert das 1er M Coupe etwas bockbeinig über die Verwerfungen des Straßenbaus. Nein, für den Tempomat-Cruiser ist er nicht das Richtige. Dafür demonstriert BMW, dass sie dort in München, trotz des harten Fahrwerks, verdammt solide Autos bauen. Nix knistert oder klappert, alles wirkt wie aus einem Guss.

BMW 1er M Coupé: Kleines Gewitter
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Der Schritt ins Licht kommt beim Fall des Tempolimits. Runterschalten bis in den Vierten, Fuß auf's Gas und genießen. Was jetzt passiert, entspricht den hohen Erwartungen an die Macher des Sportcoupés. Der BMW setzt mit der Wucht von 450 Nm den Wunsch nach Vortrieb digital um. Das Heck nickt kurz ein und das 1er M Coupé stürmt auf die großzügig ausgelegte Begrenzung von 250 km/h zu, als gäbe es kein Morgen. Und plötzlich passt auch der Sound und die Härte des Fahrwerks. Aha, so haben die das mit der Freude am Fahren gemeint. Die nächsten 150 Kilometer gestalten sich dank kurviger Streckenführung äußerst kurzweilig. Das Spiel ist dabei immer das Gleiche: Kurve optisch einmessen, Gas leicht lupfen und dann zügig durch. Das 1er M Coupé steckt die Radien selbst bei extrem hohen Tempi völlig unbeeindruckt weg. Lediglich harte Querfugen irritieren ihn, ohne mir aber den Spaß zu nehmen. Dank des Sechsgangetriebes muss der Reihensechser sich nicht mal richtig anstrengen. 5.000 U/min reichen in der Regel aus. Dann die Überraschung: Nach rund 300 Kilometern leuchtet die Tanklampe. Der Check auf dem Bordcomputer bringt es an den Tag. Auch BMW braucht für Leistung Benzin. Und zwar reichlich. Rund 18 Liter saugt die Benzinpumpe bei der sportlichen Autobahnhatz aus dem Tank.

BMW 1er M Coupé: Kleines Gewitter

Weiter geht’s, das 1er M Coupé hält noch mehr Überraschungen bereit. Im Stau entdecke ich den Wert des exzellenten Harman-Kardon-Soundsystems mit Multimediaschnittstelle. Das System ist druckvoll, lediglich die Höhen lassen ein wenig Brillianz vermissen, sodass sich Klassik von selbst verbietet. Wenn der Wagen einmal steht, googelt man sich dank BMW Connected Drive sogar ins Internet. Zum Beispiel zum Konkurrenten Audi. Der RS3 kostet mit rund 50.000 Euro das Gleiche wie der BMW, hat aber Allrad und vier Türen. Dafür nur fünf Zylinder. Die näheren Details der Preisliste bleiben mir verborgen, zu mühsam ist deren Studium auf dem weit entfernten Bildschirm und bei jeder Bewegung des Wagens schaltet das Internet auch schon wieder ab. Soviel Sicherheit muss sein.

BMW 1er M Coupé: Kleines Gewitter
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Das BMW 1er M Coupé ist schließlich zum Fahren gemacht, und das es dieses Fach bestens beherrscht, wird spätestens beim Druck auf die „M“-Taste am Lenkrad deutlich. Aktiviert, schärft die Software den Reihensechser noch einmal nach. Gefühlte 20 PS mehr fallen nun über die Hinterräder her, der Antritt wechselt von extrem sportlich zu brutal. Wer jetzt den Normspurt zwischen den Gängen wagt, sollte den Beifahrer vorwahnen. Einscherenden LKW begegnet man mit der standfesten Compound-Bremsanlage, die in Verbindung mit der üppigen Bereifung als Anker gute Dienste leistet. Das aber auch dieser BMW seine Grenzen hat, wird bei hohen Geschwindigkeiten deutlich. Dann pfeift es an den Türrahmen und die Aluminiummotorhaube flattert wie ein loses Handtuch im Wind.

Regen kommt beim Anflug auf die Hansestadt auf. Zeit, den Einser einzubremsen. Denn trotz allerlei Sicherheitssystemen, ist und bleibt er ein starker Hecktriebler mit breiten Reifen. Am Ende dann die Billanz. Tolles Auto mit brillantem Antrieb und sensationeller Abstimmung. Bleibt der Wehrmutstropfen ein Auto zu besitzen, das für diese Welt einfach etwas zu spät kommt.

Text: Sven Jürisch
Fotos: Jan Baedeker