Spanischer Garagenfund: Jungfräuliche Mercedes-Heckflosse nahe Alicante aufgespürt

Sammler müssen sich stets zwischen „Patina“ oder „perfekt restauriert“ entscheiden? Stimmt nicht! Denn es finden sich ganz selten auch unberührte Klassiker im Neuwagenzustand – wie diese Stuttgarter Heckflosse, die jetzt in einer Garage nahe Alicante gefunden wurde.

J.M. liebte Stierkämpfe und ließ sich in seiner Limousine nur sonntags zur Arena chauffieren...

Das sind doch die Geschichten, die wir mögen: Der hier gezeigte, horizontblaue Mercedes 190c, besser bekannt als „Heckflosse“, wurde 1965 in Deutschland als Exportmodell ausgeliefert und gelang anschließend nach Spanien zu seinem ersten und bisher letzten Besitzer. J.M. (die vergoldeten Initialen des Fahrzeughalters auf der Fahrertür) liebte Stierkämpfe und ließ sich in seiner Limousine nur sonntags zur Arena chauffieren. Die übrigen Tage verweilte die Heckflosse unangetastet in der heimischen Garage.

Behutsam stillgelegt

Viele Fahrten waren es tragischer Weise jedoch nicht, denn schon bald erkrankte der Mann und verstarb einige Zeit später. Die Witwe des Mannes verkaufte die Heckflosse jedoch nicht etwa, sondern ließ sie von ihrer Haus- und Hofwerkstatt ordnungsgemäß einlagern. So wurde die Limousine auf Holzböcken aufgebockt, mit einem maßgeschneiderten Paletot eingekleidet und bis heute stillgelegt. Erst der Hamburger Classic-Car-Händler Wilfried Hallier spürte die Stuttgarter Perle in diesem Jahr in dem kleinen Dorf nahe Alicante auf und brachte sie behutsam zurück nach Deutschland.

Gekonnt wiederbelebt

Wir waren sprachlos, als wir der eleganten Heckflosse kürzlich auf dem ehemaligen Karstadt-Gut im Nordosten Hamburgs begegneten. Der Lack, die Chromteile, der Motorraum die Sitze – alles wirkt perfekt an diesem Auto. Die Sonnenblenden sind sogar noch „originalverpackt“. Im Kofferraum findet sich neben zeitgenössischen spanischen Kaffeesäcken, die seinerzeit als Schutzunterlage dienten, auch noch eine Dose Originallack. Ob der noch flüssig ist, falls doch einmal…? Vermutlich nicht.

Im Interieur Platz genommen, kann man sich bildlich vorstellen, wie El Señor seinen sonntäglichen Ausflug ins Stadion genossen hat. Es ist hell und freundlich im 190c. Das elfenbeinfarbene Lenkrad wirkt wie frisch poliert, ebenso das originale Becker Mexico Radio sowie alle anderen Chromteile im Armaturenbrett. Das analoge Tachometer zeigt 2.800 Meilen an, also etwas mehr als 4.500 Kilometer.

Alles wie am ersten Tag

Beim ersten Schlüsseldreh startet der Motor gefühlt so prompt, wie am ersten Tag seiner Auslieferung. Der obligatorische, altersbedingte Benzingeruch ist im 190c nicht wahrzunehmen, vielleicht auch, weil Herr Hallier vor der Inbetriebnahme sämtliche Leitungen (und natürlich auch Flüssigkeiten) ausgetauscht hat.

Und, was soll man schon über das Fahrgefühl eines „Neuwagens“ berichten? Er fährt sich einfach unglaublich gut, nichts klappert, nichts klopft, nichts quietscht. Eine Chauffeursfahrt in die Stierkampfarena wäre heute sicherlich genauso entspannt, wie vor fast 50 Jahren für Señor J.M. Olé!

Fotos: Jan Richter

Die Mercedes 190c Heckflosse und weitere Klassiker und Youngtimer des Händlers Hallier Classic Cars finden sich bei Classic Driver.