Hat in Wirklichkeit die Carrozzeria Touring den Miura entworfen?

Das finale Design für den Miura verdanken wir Marcello Gandini in seiner Zeit bei Bertone. Doch wie weit wurde es beeinflusst vom Tigre, dem Vorschlag der Carrozzeria Touring für einen Mittelmotor-Lambo? Wir befragten Designdirektor Louis de Fabribeckers zum Thema.
„Touring Superleggera blickt auf eine lange Tradition in der Entwicklung innovativer und zeitlos schöner Designs zurück“, sagt Louis de Fabribeckers. „Und das zeigte sich auch im Projekt Tigre.“ In der Tat zeichnete Touring unter anderem für das Design des Miura-Vorgängers, des 350 GT von 1964 – verantwortlich. Nach diesem Erfolg folgte die Einladung, einen Designvorschlag für einen geplanten Mittelmotor-Lambo zu unterbreiten. Der stand 1965 schon auf dem Turiner Salon, jedoch noch nur als „nacktes“ Chassis ohne schmückende Kleider.

Stammbaum des Bullen

„Zieht man einen Vergleich zwischen dem 350 und dem Tigre, wird deutlich, dass die Architektur unseres Modells in punkto Layout und Motoreinbaulage stark abwich“, erklärt de Fabribeckers. „Dennoch ergaben sich Gemeinsamkeiten, speziell bei der Oberflächenbehandlung. Zum Beispiel wurde wie beim 350 die Frontpartie durch fließende und schlanke Formen definiert. Dazu kam die atypische Position der Scheinwerfer, die sich gegen den damaligen Trend wendete, dem Kühlergrill die dominierende Rolle bei der Charakterisierung eines Autos zuzuweisen.“ 

Das Design lesen 

„Ebenso wie beim 350 lag ein weiterer Fokus auf der Panoramascheibe. Der dadurch erzielte Effekt zog das Greenhouse optisch nach hinten, wodurch die Kabine besser ‚atmen’ kann. Eine weitere Parallele lag im Kontrast zwischen der eher weichen Front- und der robusten Heckpartie – so konnte man das Auto ‚lesen’ und zugleich wirkte das Design dynamischer.“
Unter Berücksichtigung all dieser Aspekte sei das Tigre Projekt ein perfektes Beispiel für den Stil und die Werte von Touring, sagt der gebürtige Belgier. „Und somit ist es durchaus naheliegend, das Tigre Projekt als Blaupause für den Miura - wie wir ihn heute kennen - zu deuten.“ 

Fotos: Touring Superleggera and Archivio Famiglia Bianchi Anderloni