Eine Symphonie aus Feuer und Eis beim 76. Goodwood Members' Meeting

Es braucht schon mehr als Temperaturen unter Null und ein Hauch von Schnee, um das 76. Goodwood Members' Meeting zum Stillstand zu bringen. Vielmehr war der Saisonauftakt am letzten Wochenende eine äußerst heißblütige Angelegenheit. Hier sind die Highlights.

Der Spirit macht den Unterschied

Sollten ausländische Besucher in Goodwood nach dieser typisch britischen Haltung des „packen wir's trotzdem an” suchen, sie hätten sie beim 76. Members' Meeting in Reinkultur erleben können. Das arktische Biest aus dem Osten hatte sich genau dieses Wochenende für eine Rückkehr ausgesucht und bescherte Temperaturen, die unter Null stürzten und immer wieder heftige Schneeschauer - nicht ideal, wenn man als Zuschauer herumsteht und schon gar nicht, wenn man Rennen bestreitet. Aber die tollkühnen Männer haben sich trotzdem in ihre Maschinen gesetzt. Die Kälte hat aber auch dafür gesorgt, dass die sowieso schon geringeren Publikumszahlen beim Members' Meeting noch mal weniger wurden. Dieser Umstand, zusammen mit einem tückisch glatten Kurs, schenkte Zuschauern fantastische Sicht auf den wohl besten Motorsport, den man in Goodwood erlebt hat.

Test der Besten

Zu den mitreißenden Rennen in diesen historischen Startaufstellungen der Weltklasse gehörte am Sonntag die 45-minütige Moss Trophy für zwei Fahrer auf geschlossenen GT-Rennwagen der sechziger Jahre. Vom Start weg duellierten sich die erst- und zweitplatzierten Jaguar E-Types von Phil Keen/Jon Minshaw und Rob Huff/Richard Meins, aber sie kämpften auch entschlossen gegen Emanuele Pirro und Lukas Halusa im sensationellen Ferrari 250 GT „Breadvan”.

Die wirkliche Attraktion beim Members' Meeting ist, dass die vom Revival bekannte Beschränkung auf strenge vor-1966-Kritierien aufgehoben ist - das eröffnet dem Publikum die Chance, modernere Rennmaschinen auf einem historischen Kurs zu verfolgen. Der Gurney Cup, benannt nach dem verstorbenen Dan Gurney, bot eine vielfältige Auswahl an Rennwagen, die im Leben dieses großen Piloten und Ingenieurs eine wichtige Rolle gespielt hatten. Vom Revival her sind wir an den Anblick donnernder Ford GT40 und früher Can-Am-McLarens gewöhnt, aber es ist ein echter Genuss, sie im direkten Duell mit später gebauten Porsche 906 und 910 zu sehen. In einem würdigen Tribut an Gurney übergossen sich die Sieger David Hart, Andrew Smith und Olivier Hart nach dem Rennen mit literweise Champagner. 

Faszinierende Vielfalt

Zu den vielen anderen herausragenden Fahrzeugen gehörte auch der ehemalige Porsche 904 von Dickie Stoop, mit dem wir letzte Woche beim Besuch bei Maxted-Page Ltd die Straßen ein wenig unsicher gemacht haben - richtig, Lee, mit offenen Rohren entwickelt er erst den grandiosen Sound. Übrigens, beim Début der Ronnie Hoare Trophy war dieser Porsche auch in Starterfeld, gewonnen wurde das Rennen allerdings von Classic Driver-Händler James Cottingham von DK Engineering auf einem anderen Porsche 904.

Begeistert hat uns auch Christopher Manns Alfa Romeo 8C 2600 Monza von 1928 in dem unerbittlich ausgefochtenen Caracciola-Sportwagenrennen - der legendäre Rennwagen trug die französischen Stallfarben des berühmten 8C von Hellé Nice. Wunderbar anzusehen war auch der leichtgewichtige Winzling Austin Metro gegen die V8-Mammuts in der allseits beliebten Gerry Marshall Trophy der lebhaften Touringwagen der siebziger Jahre. Hier konnte man wahrhaft von David gegen Goliath sprechen.

Im Rennfieber

Natürlich machen die Rennen nur einen Teil bei diesem Saisonauftakt des historischen Motorsports aus - das Meeting bietet auch die Gelegenheit alte Bekannte zu treffen, neue Freundschaften zu schließen und persönliche Idole hautnah zu erleben. „Ich freue mich immer auf diese Events”, vertraute uns Rennlegende Jochen Mass an, „weil ich mit vielen Leuten zusammen bin - Fahrer, Mechaniker, Journalisten und Fotografen -, die zwar über die ganze Welt verstreut sind, aber alljährlich nach Goodwood pilgern. Darin liegt der große Wert dieser Veranstaltungen.”

Zuschauer mit Adleraugen dürften die vielen Rennwagen und Fahrerhelme ausgemacht haben, die #Fever-Aufkleber trugen als Erinnerung an den Kommentator Henry Hope-Frost, der letzte Woche tödlich auf der Straße verunglückte. Liebevoll „Stimme Goodwoods” getauft, war Henrys profundes Wissen und seine Enthusiasmus für den historischen Rennsport einfach mitreißend. Am Samstag wurde sein Andenken passend mit einer „Minute des Lärms” gewürdigt, als rund 30 versammelte Formel 5000-Maschinen die Erde beben ließen. Alle, die ihn kannten, wussten dass das genau in seinem Sinne gewesen wäre. 

Die Show geht weiter

Man muss nur einmal den Parkplatz der Governers studieren, um zu verstehen wie speziell und vielfältig dieses Members' Meeting eigentlich ist. Natürlich parken hier die üblichen deutschen Luxuslimousinen, aber weil man hier in Goodwood ist, gesellt sich zu ihnen auch eine Reihe von liebenswert verschmutzten Rolls-Royces. Bei der 76. Auflage des Meetings am vergangenen Wochenende reiste Classic Driver-Händler Gregor Fiskens ganz normal in seinem „Daily Driver” Bentley 4 1/2-Liter an, während der bekannte Mustang-Spezialist Bill Shepherd seinen etwas auffälligen Impala-„Low Rider” ausführte - ein Spotwagen, der komplett mit feinsten Streifen gekleidet war und ein kalifornisches Nummernschild trug. Auch nach diesem Event wird der Enthusiasmus in der knusprigen Kühle der West Sussex-Luft noch lange spürbar bleiben - hoffentlich noch so lange, bis die historische Rennsaison schon lange wieder vorbei sein wird. 

Fotos: Rémi Dargegen für Classic Driver © 2018

Classic Driver hat mit freundlicher Unterstützung von IWC Schaffhausen vom 76. Goodwood Members’ Meeting berichtet. Sie finden unsere gesammelte Berichterstattung hier.