Die Le Mans Classic 2016 war ein entfesselter Motorsport-Wahnsinn

Mit französischem Flair und lebendiger Historie, die alle Sinne berauscht, besitzt die Le Mans Classic eine einzigartige Stellung im Kalender des historischen Motorsports. Die 8. Auflage der einzigartigen Rennsport-Retrospektive fand am letzten Wochenende statt. Classic Driver war mittendrin.

Für einen Rennfahrer gibt es wohl kaum einen größeren Nervenkitzel als Le Mans in der Nacht. Und für die Zuschauer gilt das ebenso. Von einer Böschung im Wald von Arnage oder vom idealen Platz an der Mulsanne-Kurve aus spürt und hört man das Gebrüll der Motorenmeute bereits lange bevor man sie überhaupt zu Gesicht bekommt. Das anschwellende Grollen hallt durch den Wald, bringt den Boden zum Beben und jagt durch den Körper bis hinein in die Seele des überwältigten Enthusiasten. Was haben gleißende Scheinwerfer, rotglühende Bremsscheiben und flammenspeiende Auspuffrohre nur an sich, dass Rennen bei Nacht so süchtig machen können?

Die Vorkriegs- und frühen Nachkriegs-Startaufstellungen auf dem legendären Asphalt an der Sarthe haben fraglos Unterhaltungswert, aber der Anblick und die schiere akustische Wucht späterer Rennwagen-Generationen brennt sich noch einmal ganz anders ins Gedächtnis. Schon allein der Versuch, persönliche Favoriten aus den sechs unterschiedlichen Grids herauszupicken, ist so unmöglich, wie das eigene Lieblingsbein zu bestimmen. Vor dem Hintergrund einer 80-jährigen Tradition bot die Teilnehmerliste beinahe jede Ikone des Motorsports auf: der Blower Bentley trat genauso zur Schau wie die C- und D-types von Jaguar, natürlich der Porsche 917 und auch die BMW M1 Procars. Es war ein inspirierendes Feld, das nicht nur jene Zuschauer begeisterte, welche die Veteranen schon zu ihrer aktiven Zeit erlebt hatte, sondern auch die Nachgeborenen.

Die Rennen zu verfolgen, war dann gar nicht mal so einfach: Während gleich mehrere erratische französische Kommentatoren durcheinander plauderten, kam der englische Kollege kaum zu Wort. Aus Paddock-Geplauder mit verschiedenen Fahrern wissen wir allerdings, dass der Wettkampf bei der Le Mans Classic nicht wirklich im Mittelpunkt steht. Sie genossen die Chance, zumindest einmal auf dieser geschichtsträchtigen Strecke im Schatten großer Vorgänger unterwegs zu sein.

Ein echtes Erlebnis war an diesem Wochenende auch die Rückkehr der Gruppe C-Rennwagen, mit deren Geschichte wir uns kürzlich eingehender befasst haben. Die Herde von keilförmigen Biestern im farbenfrohen Design der berühmten 1980er-Jahre-Rennställe war schon die Anreise wert. Auch auf der Rennstrecke machten sie ihrer wilden Vergangenheit alle Ehre: Im dritten Rennen für Plateau 5 ließen Carlos Monteverde, Gary Pearson und Andrew Smith in ihrem Porsche 917K den 30 Mitstreitern letztlich keine Chance und setzten sich als 18. im Gesamtklassement durch - und das, obwohl sie nach technischen Problemen das Rennen von ziemlich weit hinten starten mussten.

Trotz der hochmotorisierten Stars spielte die Circuit de la Sarthe letztlich die unbestrittene Hauptrolle. Erst, wenn man selbst einmal auf der Rennstrecke unterwegs war oder eine Paraderunde drehte, wird einem die Herausforderung dieses kombinierten Renn- und Straßenkurses schlagartig bewusst. Nicht ein Hauch von Sicht bleibt übrig, wenn man in den dunkel-verhangenen Tunnel der bewaldeten Stücke hinein rast. Welche physische und mentale Beanspruchung hier ins Spiel kommt, erlebten wir nachts bei einer aberwitzig schnellen Taxifahrt in einem Jaguar F-Type SVR. 

Die schiere Größenordnung, der Kurvenreichtum und die Länge von Le Mans schaffen zusammen den ultimativen Test für Mensch und Maschine. Man glaubt kaum, dass einige der Rennwagen der Le Mans Classic die Tortur der 24 Stunden in ihrer Epoche tatsächlich von Anfang bis Ende durchstanden, denn die Bremszonen sind so gnadenlos wie die alles fordernden Geraden. Es muss wie ein doppelter Sieg anmuten, wenn die einzelnen Fahrer in dieser Hölle dennoch ihren Rhythmus finden und am Ende dieser Strapazen zur Krönung aufs Siegerpodest springen.

Le Mans ist ein wahrhaft magischer Ort. Selbst in den verschlafenen Städtchen und Dörfern, die den Circuit bekränzen, weht der Wind dieses motorsportlichen Erbes. Verstärkt wird dieser Eindruck durch Tausende von klassischen Autos mit unterschiedlichsten Formen und Baujahren, die wie eine eigene Parade an allen Zufahrtsstraßen geparkt sind. Bei kaum einen anderen Event ist die Leidenschaft für historischen Rennsport dermaßen greifbar: Eine unglaubliche Rekordzahl von 123.000 Zuschauern war in diesem Jahr aus ganz Europa und dem Rest der Welt in die französische Provinz gereist, um drei Tage lang packenden Sport zu erleben. 

Der ausgesprochen französische Charakter der Classic trägt ebenfalls zu ihrem Charme bei. Da wäre zum Beispiel die Umtriebigkeit in den Paddocks. Wo sonst rasen seltene und kostbare Rennwagen in die schmale Gasse, während Gendarme mit ihren Pfeifen für die Sicherheit der Menge sorgen? Da kann es schon mal passieren, dass die eigenen Fersen von einem niedrigen Splitter touchiert werden. Man erlebt hier auch abseits der Rennstrecke viel. In diesem Jahr zählte dazu eine hervorragende Ausstellung der legendären Rennstransporter sowie die vielen Liebhaberclubs, die auf dieser Bühne stolz ihre Autos präsentierten.

Wenn am Sonntagnachmittag das letzte Rennen vorbei ist und nach drei Tagen plötzlich eine unheimliche Stille einsetzt, beschleicht den Besucher doch ein wenig Melancholie: Zwei lange Jahre muss man nun ausharren, ehe das nächste Event an die Sarthe lockt. Doch diese vielen unvergesslichen Augenblicke, das Aroma alter Autos und der Strecke sowie das Konzert der Rennmotoren prägt sich stark in die Erinnerung ein, vielleicht mehr noch als beim Goodwood Revival. Und irgendwie wird die Zeit bis 2018 schon vorübergehen.

Fotos: Peter Aylward für Classic Driver © 2016

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