Rückkehr der freien Radikalen – das Comeback der Gruppe C

In den 1980er Jahren trieb die Gruppe C den Langstreckensport so lange zu neuen Höhen, bis die FIA dem Techno-Overkill einen Riegel vorschob. Für Fahrer und Fans war es eine glorreiche Epoche, die am Wochenende in Le Mans ihre lang ersehnte Auferstehung feiert.

Die ultimative Rennserie

„Mein erstes Erlebnis mit der Gruppe C hatte ich 1982 in Brands Hatch“, erzählt uns Henry Pearman, einer der größten Liebhaber und Sammler von Gruppe C-Prototypen. „Ich saß im strömenden Regen auf der Tribüne und sah, wie Jacky Ickx im Werks-Porsche 956 den WM-Lauf gewann. Kurz darauf konnte ich in Spa eine Runde als Beifahrer erleben, notdürftig angeschnallt nur mit dem Sicherheitsgurt eines Serienautos. Ich erinnere mich, wie mir zwei Gedanken durch den Kopf schossen. Erstens: Wenn wir abfliegen, sterbe ich wenigstens auf ultimativ heldenhafte Weise. Zweitens schwor ich mir, alles dafür zu tun, eines Tages selbst ein solches Geschoss zu besitzen.“ Nun, dank seines Erfolgs mit den Eagle E-Types besitzt Pearman nun eine Sammlung von 18 Gruppe C-Autos, in der Mehrzahl Porsches und Jaguars, einige davon mit WM-Ehren. 

Die Gruppe C zog neben großen Zuschauermassen auch die besten Piloten – viele davon damals auch in der Formel 1 aktiv – sowie zahlungskräftige Sponsoren an. Die Rennsportgruppe machte sich durch einige der legendärsten Langstreckenschlachten aller Zeiten unsterblich –Porsche gegen Jaguar, Porsche gegen Lancia oder Porsche gegen Jaguar und Sauber-Mercedes. Unvergessen auch einige der kultigsten Lackierungen – wie Martini-Lancia, Rothmans-Porsche, Silk Cut-Jaguar. Mercedes erweckte am Sauber sogar den Silberpfeil-Mythos neu. Für viele, darunter auch Pearman, waren die Autos die Hauptdarsteller. „Trotz unterschiedlicher Motorenkonzepte waren sie relativ gleich stark. Es gab die 3,0 Liter Porsche-Boxster mit Twin Turbo, den 7,0 Liter V12 Jaguar-Sauger, den leicht aufgeladenen Mercedes V8 und den Vierzylinder-Turbo von Toyota. Ich erinnere mich, wie wir nachts in Le Mans standen, immer darauf bedacht, nahe eines Streckenlautsprechers zu stehen, um die stündlichen Zwischenstände abzuhören. Doch dann kam ein Mazda vorbei – und wir verstanden kein einziges Wort...“

Rückkehr der Superrenner nach Le Mans

Solche Szenarien dürften sich an diesem Wochenende bei der alle zwei Jahre ausgetragenen Le Mans Classic ganz ähnlich wiederholen. Dank Peter Auto, jener Organisation, die auch die Tour Auto und den Monaco Historic Grand Prix veranstaltet. stehen die Gruppe-C-Rennen nun endlich wieder im Rampenlicht. „In schöner Regelmäßigkeit haben Patrick Peter und seine Mitstreiter bewiesen, dass sie das richtige Rezept besitzen, um die Besitzer originalgetreuer Rennwagen zur Teilnahme an den von der FIA sanktionierten Rennen zu ermuntern“, sagt Lee Maxted-Page, der im Rahmen seines Geschäfts mit historischen Porsches regelmäßig auch mit Gruppe C-Autos handelt. „Jetzt kommt alles zusammen für ein gutes Gruppe C-Revival: Perfekte Organisation, eine Gruppe von Gleichgesinnten, die ihre Autos in rennfertigem Zustand halten will, und der dazu notwendige große Erfahrungsschatz.“ Angesichts einer Nennungsliste von 50 Fahrzeugen für die Le Mans Classic 2016 scheint für die Gruppe C eine neue Dämmerung aufzuziehen. Auch für viele Sammler und Rennfahrer dürfte nun der richtige Moment sein, auf den Zug aufzuspringen.

„Natürlich sind dies sehr schnelle Autos, aber das bedeutet nicht, dass sie einschüchternd wirken“, sagt Lee Maxted-Page. Eine internationale Rennfahrerlizenz ist Pflicht, doch ist sich Maxted-Page mit Pearman einig, dass ein entsprechend qualifizierter Pilot ein Gruppe C-Auto komfortabel mit 80 Prozent seines maximalen Potenzials fahren kann. „Sie sind erstaunlich fahrerfreundlich, und bei historischen Rennen werden sie nie auch nur annähernd so beansprucht wie zu ihren Glanzzeiten“, ergänzt Pearman. „Der Einsatz eines solchen Autos ist auch nicht so aufwendig wie vielleicht gedacht. Neben einer überschaubaren Mechaniker-Crew sowie den üblichen Ersatzteilen und Flüssigkeiten braucht man jedoch noch einen „Datenmann“. Doch im Vergleich zu anderen klassischen Rennwagen relativieren sich die Kosten durch die den Wagen innewohnende Robustheit. Ein perfekt restaurierter Wagen sollte zwei sorgenfreie Rennjahre ermöglichen. Man bedenke: Früher sind manche Privatteams 24 Stunden in Le Mans gefahren - und anschließend mit dem gleichen Motor noch den Rest der Saison.“

Ein Porsche 962 für den Preis eines Carrera RS

Auch der Preis für einen Gruppe C Rennwagen ist durchaus nicht automatisch astronomisch. „Ein Porsche 962 mit Le Mans-Historie ist nicht teurer als ein 911 Carrera 2.7 RS Straßensportwagen“, weiß Maxted-Page. „Und das ist doch eine aufregende Vorstellung, oder? In der Nahrungskette gibt es eben für jeden Sammler das Passende. Klar, dass die Werkswagen die höchsten Preise erzielen, gefolgt von im Werksauftrag gebaute Kundensportwagen und schließlich Eigenbauten für kleinere Teams. Eine Le Mans-Teilnahme wirkt preistreibend, ebenso wie eine der ikonischen Lackierungen.“ Im letzten Jahr erzielte der Rothmans-Porsche 956, der 1983 Le Mans gewonnen hat, bei einer Auktion knapp über 10 Millionen US-Dollar. Setzt man dazu einige der jüngsten Erlöse für Autos am oberen Ende des Marktes ins Verhältnis, kristallisiert sich das für den Käufer durchaus als gelungener Deal heraus. 

In jüngerer Vergangenheit haben Automobilikonen der 1980er Jahre allgemein ein höheres Interesse erfahren – und kaum eine Spezies ist für diesen Boom repräsentativer als die Gruppe C. Viele Enthusiasten, die wie Henry Pearman damals noch ehrfürchtig dem Treiben zuschauten, sind nun in der finanziellen Lage, sich ihren Traum zu erfüllen. Dazu genießt man die Autos heute in einer gut organisierten Serie, die alle zwei Jahre eine Pilgerfahrt zum heiligen Gral des Langstreckensports – La Sarthe – unternimmt. „Eine Runde reicht, um den Funken überspringen zu lassen“, schwärmt Pearman. „Wenn Du einmal die Chance hast, in einem Gruppe C Rennwagen mit erleuchtetem Armaturenbrett in die Abenddämmerung von Le Mans zu fahren, dann mach es. Es ist einfach phantastisch!“ 

Photos: Getty Images / Rainer Schlegelmilch / Amy Shore & Rémi Dargegen for Classic Driver © 2016

Classic Driver berichtet von der Le Mans Classic 2016 mit freundlicher Unterstützung des offiziellen Event-Sponsors Richard Mille. Einen Überblick aller Artikel finden Sie hier.