Classic Concepts: Lancia Stratos Zero

Auf dem Turiner Autosalon 1970 zeigte Bertone den Prototypen eines neuen Rallyewagens für Lancia. Der superfuturistische Stratos Zero sollte das erfolgreiche Fulvia Coupé beerben, doch letztlich kam alles ganz anders.

Eine zweite Chance erhielt der Stratos Zero fast zwei Jahrzehnte später vom King of Pop.

Und schon wieder Marcello Gandini. Im Rückblick scheint es, als wäre die Revolution des Automobildesigns in den Siebzigerjahren allein von seinem Zeichentisch ausgegangen. Denn was viele nicht wissen: Gandini ist nicht nur der Vater der Lamborghini-Ikonen Miura und Countach. Er steht auch hinter dem einzigartigen Formkonzept des Lancia Stratos, das zahllose Designer bis heute in Atem hält und zu immer neuen Interpretationen anregt. Dabei hat der erste Prototyp des Rallyesportwagens, der im Oktober 1970 auf dem Turiner Autosalon vorgestellt wurde, keine Ähnlichkeit mit dem allseits bekannten und immens erfolgreichen Lancia Stratos HF, der 1971 das Licht der Welt erblickte. Das Stratos Zero Concept war ultraflach, unglaublich keilförmig und dabei derart unpraktisch, dass der Einsatz im Motorsport von vorneherein so gut wie unmöglich war. Doch eins nach dem anderen.

Classic Concepts: Lancia Stratos Zero Classic Concepts: Lancia Stratos Zero

Die Geschichte beginnt mit der Idee, einen zeitgemäßen Nachfolger für den im Rallyesport international erfolgreichen Lancia Fulvia 1.6 HF zu entwickeln. Bei Bertone entschied man, den vorhandenen Vierzylinder-V-Motor von seiner Front- auf eine tiefere Mittelmotor-Position vor der Hinterachse zu verschieben und basierend auf diesem Layout eine völlig neue Karosserielinie zu zeichnen. Auch Aufhängung und Lenkung wurden im Sinne einer besonders flachen und scharf geschnittenen Karosserieform – der von Nuccio Bertone ersonnenen „Stratoline“ – modifiziert. Gandinis Linienführung übertraf alle Erwartungen an das revolutionäre Konzept: Dass es sich bei dem nur 84 Zentimeter hohen, vorn und hinten spitz zulaufenden Keil überhaupt um ein Automobil handelte, verrieten nur die vier Räder. Stilelemente wie die gewaltige, trapezförmige Windschutzscheibe oder die beiden vertikal übereinander angeordneten Seitenscheiben waren bisher unbekannt.

Auch für den Fahrer war der Lancia Stratos Zero eine Herausforderung: Einsteigen konnte man nur, indem man die Frontscheibe nach oben aufklappte und von vorne, über die Armaturen ins Cockpit stieg. Hatte man sich umständlich in den Sitz gewunden, lag man praktisch mit den Knien zwischen den Vorderrädern. Für eine hoffnungsvolle Rallye-Zukunft war das futuristische Konzept jedoch nicht nur ungeschickt geschnitten, sondern mit 115 PS auch etwas schwach motorisiert. Zwar sollte in der späteren Rallye-Version das Mittelmotorkonzept erhalten bleiben – Allradantrieb hatte sich in diesem Segment noch nicht durchgesetzt. Der damalige Lancia-Rennleiter Cesare Fiorio entschied schließlich, als Antrieb auf den kräftigeren V6-Motor aus dem auslaufenden Ferrari Dino 246 GT zurückzugreifen und diesen nicht längs, sondern quer einzusetzen. Marcello Gandini übernahm erneut das Styling, richtete sich bei seinem Entwurf des kurzen und breiten Rallyewagens jedoch mehr nach den tatsächlichen Anforderungen. Im Herbst 1971 debütierte der leuchtend rot lackierte Prototyp des Lancia Stratos HF – das Kürzel stand für „High Fidelity“ – auf dem Turiner Salon. Die Serienproduktion startete 1974. Und nur wenige Tage nach der Auslieferung der ersten Exemplare konnte Sandro Munari am Steuer des Stratos einen ersten WM-Sieg verbuchen.

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Während der Lancia Stratos HF nicht nur 1974, sondern auch 1975 und 1976 die Rallye-Weltmeisterschaft gewinnen konnte, fristete der ursprüngliche Lancia Stratos Zero ein Dasein als Inkarnation eines dramatischen aber alltagsfernen Siebzigerjahre-Futurismus. Erst 1988 erzielte der Keil neuen Ruhm, als ihn Michael Jackson für seinen Film „Moonwalker“ und das Musikvideo „Smooth Criminal“ aus der medialen Versenkung rettete. 2006 sorgte schließlich eine detailgetreue Rekreation des Stratos Zero von Andy Saunders für Aufmerksamkeit. Zum 40. Geburtstag des Ur-Stratos im Herbst – und angesichts des anstehenden Stratos-Revivals – dürfte es allerdings wieder etwas lauter werden.

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Fotos: Rainer Schlegelmilch

 


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