Auf großer Tour mit dem neuen Mercedes-Benz AMG GT S

Porsche-Killer, Autobahn-Wunder, Rennsportler für die Straße: Auf dem neuen Mercedes-Benz AMG GT lasten höhe Erwartungen. Wir haben die Sport-Version des Gran Turismo eine Woche lang durch die Schweiz gejagt.

Es ist das harte Los eines Automobiljournalisten in der Schweiz: Kaum fünfzehn Minuten sitzt man am Steuer eines der begehrtesten Sportwagen der Stunde und fühlt sich wie der König der Autobahn, dann schiebt sich die unverkennbare Schnauze eines LaFerrari in den Rückspiegel und lässt das künstlich augeblasene Ego augenblicklich auf Normalgrösse zurückschrumpfen. Dass man weitere zehn Minuten später im selben Stau steht und sich unter Leidensgenossen mitleidig zunickt, ist dann auch nur eine kleine Genugtuung. 

Doch Hypersportwagen aus Maranello einmal weggedacht, hat der Neue aus Affalterbach durchaus das Zeug dazu, alle Blicke auf sich zu ziehen: Kompakter als der SLS und ohne die typischen Flügeltüren, soll er all jene Sportwagenfahrer für sich begeistern, die momentan einen Porsche 911 fahren. Dass die Ikone aus Zuffenhausen intern die Benchmark gewesen sein soll, zeigt sich auch in einer kaum zu leugnenden Ähnlichkeit in der abfallenden Dachlinie sowie der Heckansicht. Womit man jedoch schon am Ende der Gemeinsamkeiten zwischen den Stuttgarter Revier-Rivalen angekommen ist – denn während der Porsche immer mehr in die Komfortzone rückt, ist der AMG ein echter Sportwagen mit ganz eigenem Charakter. 

Niedrige Scheibe, lange Front und Hüften, breiter als bei der S-Klasse – die Architektur des neuen Mercedes-Benz AMG GT beschert dem Fahrer ein durchaus ungewöhnliches Fahrerlebnis. Zwar fühlt man sich beim Beschleunigen nicht mehr wie beim Vorgänger, dem gewaltigen SLS, als würde man bei rauer See ein Speedboat über die Wellen schieben – doch die Dimensionen sind und bleiben wie gemacht für den wilden Ritt nach Vorn. Beim Abbiegen, Spurwechseln oder Rückwärtsfahren ist die Sicht dagegen merklich eingeschränkt; hier zeigen sich die Assistenzsysteme und Videokameras wirklich einmal hilfreich. Im Cockpit werden Fahrer und Beifahrer derweil von einer zentralen Küchenzeile gewaltigen Ausmaßes voneinander getrennt – hier wäre etwas sportlicher Purismus durchaus angebracht gewesen, auch mit Blick auf das umständliche Bedienkonzept des Navigations- und Entertainmentsystems. (Oder ist es vielleicht eher unser fortgeschrittenes Alter, das sich langsam bemerkbar macht?) 

Sei’s drum: Heckklappe auf, Weekender rein, Klappe zu, anschnallen, Startknopf drücken – los geht’s auf große Tour. Der handgefertigte 4,0-Liter-V8-Biturbo hat zwar mächtig Druck auf dem Kessel, scheint aber wie gemacht dafür, im Komfortmodus ganz souverän über die Autobahnen zwischen Zürich und Genf, Basel und Luzern zu blubbern. 510 PS, 650 Newtonmeter – kann man ausfahren, muss man aber nicht. Denn der kleine Renner hat durchaus das Zeug zum großen Gleiter. Um die sportliche Seite des GTs zu ergründen, begibt man sich allerdings besser auf eine Landstraße. Vorzugsweise über Berg und Tal. Und mit Kurven, Kurven, Kurven!

Man muss den AMG schon im Sportprogramm fahren, mit harter Federung und geöffneten Auspuffklappen, um seinem wahren Charakter nahe zu kommen. Mit mächtig Druck auf der Hinterachse ist der Gran Turismo wie gemacht zum Driften – und durchaus abenteuerlich zu fahren, wenn es zu Regnen beginnt. Der weit zurückgesetzte Frontmotor, die Transaxle-Getriebebauweise und ein niedriger Schwerpunkt machen den GT S derweil äußerst wendig und agil, während ein serienmäßiges Hinterachs-Sperrdifferential sowie die Doppelquerlenkerachsen für noch feinfühligere Reaktionen und bessere Traktion im Grenzbereich sorgen. Die Lenkung ist direkt und präzise, die Straßenlage satt – nur bei allzu schneller Serpentinenjadg am Berg macht sich das Gewicht von fast 1,6 Tonnen bemerkbar. Wer jedes Wochenende auf der Rennstrecke verbringt, kann sich für den GT S noch dynamische Motor- und Getriebelager sowie eine Keramik-Verbundbremsanlage hinzubestellen – oder gleich auf die R-Version warten, die demnächst in der GT3-Rennklasse starten soll. 

Tatsächlich ist es AMG gelungen, einen Sportwagen mit ganz eigenem Charkter auf die Räder zu stellen, der es durchaus mit seinen Klassenkameraden aufnehmen kann – vom Porsche 911 GTS bis zum Jaguar F-Type R. Er beherrscht den Spagat zwischen Rennsport- und Reisetauglichkeit, ohne der Komfortfraktion allzu viele Zugeständnisse zu machen. Und so verwundert es uns kaum, dass wir am Ende unserer Grand Tour bereits den ersten Artgenossen in freier Wildbahn begegnen. Ob der AMG GT wohl bald so selbstverständlich zum Schweizer Straßenbild gehört, wie sein Rivale aus Zuffenhausen?

Fotos: Rémi Dargegen for Classic Driver © 2015

Den neuen Mercedes-Benz AMG GT finden Sie auch im Classic Driver Markt.