
Erstes April-Wochenende 1994, Saisonauftakt der hochkarätig besetzten britischen Tourenwagen-Meisterschaft (BTCC) in Thruxton. Alfa Romeo, BMW, Ford, Vauxhall, Toyota, Mazda, Renault, Peugeot und Nissan rollen alle ihre Limousinen-Racer an den Start, als zwei völlig aus der Reihe tanzende Exoten die Szenerie stören. Vielleicht ähnlich wie die Fans beim diesjährigen 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring, die den BMW M3 Touring mit Startnummer 81 zunächst für einen Aprilscherz hielten – zu Recht, denn genau daraus war das Projekt 2025 entstanden, ehe BMW es in nur acht Monaten zum echten Rennwagen entwickelte –, herrschte auch 32 Jahre zuvor auf den Rängen ungläubiges Staunen. Denn mitten unter das Feld der Limousinen hatte das Team „Volvo 850 Racing" zwei von TWR (Tom Walkinshaw Racing) aufgebaute 850 Estates aus dem Hut gezaubert – eine weltweite Premiere im Motorsport.
Es war der Auftakt zu einem auf drei Jahre angelegten Projekt, mit dem die Schweden – bis dahin vor allem in bildungsbürgerlichen Zielgruppen solide etabliert – zeigen wollten, dass klassenbeste Sicherheit (aktiv wie passiv) und hohe Alltags- und Familientauglichkeit nicht im Widerspruch zu Fahrspaß und Sportlichkeit stehen müssen. Dazu sicherten sie sich mit TWR keinen geringeren Technologie- und Einsatzpartner als den Le-Mans-Triumphator (mit Jaguar) von 1988.

Die Entscheidung, mit einem Kombi zu starten, war bereits Monate vor dem Saisonauftakt gefallen, aber erst im März und damit rund vier Wochen vor Saisonstart auf dem Genfer Salon publik geworden. Die Marketing-Strategen in Göteborg hatten sich am Ende durchgesetzt, obwohl dem Vorteil der etwas höheren Stabilität – das längere Dach beruhigte den Wagen auf den Geraden, erhöhte aber auch den Luftwiderstand – gravierende Nachteile entgegenstanden. Aufgrund des höheren Gewichts auf der Hinterachse und des höheren Schwerpunkts mangelte es dem Kombi in engen und langsamen Kurven an Traktion; auch die geringere Verwindungssteifigkeit des Aufbaus erwies sich als Nachteil.

Während der M3 Touring 2026 in der Eifel völlig unerwartet auf den sensationellen fünften Platz im Gesamtklassement einlief, langte es für die Volvo 1994 „nur" für konstante Fahrten im Mittelfeld und zwei fünfte Plätze als beste Platzierungen. Das Technik-Paket konnte sich dennoch sehen lassen: Basierend auf dem serienmäßigen 2,3-Liter-20V-Fünfzylinder des 850 Turbo entwickelte TWR laut Vorgaben des Reglements einen zwei Liter großen Fünfzylinder-Sauger, der bei 8500 U/min gut 280 PS leistete und die Kraft über ein sequenzielles Sechs-Gang-Schaltgetriebe von Xtrac auf die Vorderachse schickte. Ein Sperrdifferenzial, Rennfahrwerk, AP-Rennbremsen und 18-Zoll-Felgen zählten neben der auf 975 Kilo abgespeckten Karosserie zu den weiteren Assets. Zugleich installierte Volvo als Hersteller einen eigentlich erst für 1995 vorgeschriebenen Katalysator. Hier war sie wieder – die Vorbildfunktion der Skandinavier, auch in Sachen Umwelttechnik.

Wer bei einem BTCC-Rennen hinter einem der hoch bauenden Volvo herfuhr, war mangels Sicht nach vorn nicht gerade glücklich. Es gab daher auch so manche Stichelei aus Richtung der Konkurrenz, die die weiß-blauen Kombis als „Baker Car" oder „Pizza-Schnelllieferservice" verspottete. Volvo reagierte mit Humor und schickte eines der Autos in einer Paraderunde mit einem ausgestopften Border Collie im Kofferraum um die Strecke.

Als Piloten wurden der schwedische Tourenwagen-Spezialist und Ex-Formel-3-Fahrer Rickard Rydell und der Niederländer Jan Lammers, 1988 mit TWR und Jaguar Sieger der 24 Stunden von Le Mans, verpflichtet. Je ein fünfter Platz von Rydell in Oulton Park und Lammers in Brands Hatch standen als beste Resultate zu Buche; am Ende reichte es dann aber nur zum achten Platz in der Konstrukteurswertung und den Plätzen 14 (Rydell) und 15 (Lammers) in der Fahrerwertung. Da das BTCC-Reglement ab 1995 zusätzliche Spoiler am Heck erlaubte – die aber nicht über das Dach hinausragen durften und so den Abtrieb eines Kombis nicht verbesserten – sattelten Volvo und TWR für die beiden nächsten Jahre auf die 850 Limousine um. Und prompt fuhr vor allem Rydell regelmäßig aufs Siegertreppchen.

Insgesamt wurden drei Renn-Volvo 850 Kombis in den Werkstätten von TWR in Oxfordshire gebaut. Ein Exemplar (Chassis 002) steht im Volvo Museum, doch Chassis 003 – der 1994 von Rydell in Brands Hatch, Silverstone und Donington gesteuerte Wagen – steht nun beim britischen Händler Duncan Hamilton ROFGO zum Verkauf. Es ist laut Händler das erste Mal, dass einer dieser drei Kombis überhaupt öffentlich angeboten wird; 001 und 002 sollen nie zum Verkauf stehen. Auch wenn die 850 Kombis nur eine Saison fuhren und ihre Ergebnisse nur mittelmäßig waren, sind sie bis heute allen, die sie damals entweder an den Strecken oder im TV gesehen haben, lebhaft in Erinnerung geblieben. Ihr Aufmerksamkeitswert war einfach unübertroffen.

































