

Der Concorso d'Eleganza Villa d'Este erinnert ein wenig an Weihnachten: Jedes Jahr erlebt man die gleiche Inszenierung, den gleichen Gänsebraten, die gleichen Austern und dieselben Menschen, die immergleiche Lieder singen und altbekannte, festliche Rituale pflegen. Und doch freut man sich Jahr für Jahr auf diese Wiederholung und auf die kleinen Nuancen, die letztlich den Unterschied ausmachen. Gleiches gilt für den Concorso d'Eleganza, und das liegt natürlich auch an der Kulisse: Das Grand Hotel Villa d'Este gleicht einer Zeitkapsel, in welcher der Luxus des alten Geldes und die italienische Eleganz der Jahrhundertmitte bewahrt werden wie in einer Schneekugel. Sobald man eintritt in die heiligen Hallen und die Kronleuchter aus Muranoglas, die großen Fenster mit den atemberaubenden Ausblicken auf den See sowie die Kellner in ihren weißen Jacken bemerkt, die Negronis und Club-Sandwiches über dicke Teppiche balancieren, verschwindet die moderne Welt. Dies gilt zumindest für ein wunderschönes Wochenende im Mai, das zweifellos zu den schönsten des Jahres gehört.



Der iegentliche Grund, warum man Jahr für Jahr zum Concorso d'Eleganza Villa d'Este zurückkehrt, um die gleichen Menschen zu treffen, die sündhaft teuren Negronis zu bestellen und dem altbekannten Ablauf zu folgen, sind natürlich die Autos. Das Auswahlkomitee stellt jedes Mal eine vielseitige Mischung aus faszinierenden und seltenen Automobilen aller Epochen und Marken zusammen, die aus der ganzen Welt an den Comer See reisen. In diesem Jahr reichte das Spektrum von puristisch-bescheidenen Vorkriegs-Rennwagen aus Aluminium und luxuriösen Art-Déco-Cruisern bis hin zu den wegweisenden Hypercars der 1990er- und frühen 2000er-Jahre. Damit wurde die Suche nach automobiler Schönheit und Eleganz bei der mittlerweile 97. Auflage des Wettbewerbs wieder einmal neu definiert, das Suchfeld erweitert. Also alles neu am Comer See?


Nach tagelangem Starkregen belohnte der Concorso-Samstag die Teilnehmer und Gäste mit herrlichem Sonnenschein und bot die perfekte Kulisse für die Autopräsentation sowie die Parade, die seit 2001 von Simon Kidston in unvergleichlicher Eloquenz moderiert wird. Für Liebhaber von Ferrari, der italienischen Langstrecken-Rennsporttradition und der klassischen Karosseriebaukunst war diese Ausgabe des Concorso d'Eleganza besonders lohnend. Eine eigene Klasse war den bedeutendsten Langstrecken-Rennwagen aus Maranello gewidmet. Dass das Auswahlkomitee hervorragende Arbeit geleistet hatte, zeigte sich unter anderem darin, dass ein Ferrari 250 GTO im Scheunenfund-Zustand nicht einmal das spektakulärste Auto im Aufgebot war. Der Boden des Grand Hotels bebte kurzzeitig, als der Ferrari 340 MM, seines Zeichens der Gewinner der Sportwagen-Weltmeisterschaft 1953, und der daneben platzierte Ferrari 375 Plus ihre V12-Motoren starteten. Unterdessen konkurrierten der dunkelrote Ferrari 250 GT Competizione "Tour de France" aus dem Besitz des Uhrenexperten Davide Parmegiani und der stahlgraue 250 SWB Competizione aus der Sammlung von Andrea Bianchedi um den Titel der schönsten Formensprache innerhalb der legendären 250er-Baureihe.



Das aufregendste Rennpferd im Feld war für uns jedoch der Ferrari 250 GT Zagato, ein auf den ersten Blick eher zurückhaltender, schwarz-weißer Gran Turismo mit einer handgemalten Startnummer und dem berühmten Double-Bubble-Dach von Zagato. Designer Andrea Zagato führte uns persönlich um den Rennwagen herum und erklärte, dass wahre automobile Schönheit eben dadurch entsteht, dass man im Designprozess immer mehr Elemente weglässt, bis nur noch die reinste und funktionalste Form übrigbleibt. Völlig zu Recht gewann der Zagato-Ferrari seine Klasse und gehörte zu den engsten Anwärtern auf die begehrte „Best of Show“-Trophäe.

Es gab noch weitere unvergessliche Ferraris zu bewundern. Die von der Carrozzeria Ghia entworfenen Karosserien für die großen italienischen Automobilhersteller waren mit ihren Kotflügeln im „Jet Age“-Stil und ihren Überschallformen vielleicht nicht die zeitlosesten, aber gewiss die extravagantesten Erscheinungen. Natürlich waren alle Blicke auf den zweifarbigen, orange-anthrazitfarbenen Ferrari 375 MM mit seinem Lampredi-V12-Rennmotor und seiner skulpturalen Form gerichtet, als er während der Parade lautstark über die Terrasse fuhr. Er gewann die vom Opernsänger Jonas Kaufmann verliehene Trophäe für den besten Motorensound. Weniger auffällig, aber mindestens ebenso interessant präsentierte sich das von Ghia entworfene Ferrari 212 Coupé Speciale. Das Auto befand sich einst im Besitz des argentinischen Präsidenten Juan Perón und gewann seine Klasse mit einer dezent eleganten Zweifarbton-Lackierung und dem Hauch einer Heckflosse.


Wer unsere Vorliebe für den italienischen Karosseriebau der Mitte des letzten Jahrhunderts teilt, fand beim Concorso noch weitere spannende Automobile. Der US-amerikanische Architekt Jonathan Segal brachte seinen von der Carrozzeria Balbo gestalteten Siata 208 CS mit, ein aerodynamisches Coupé, das von Fiats Otto-Vu-V8-Motor angetrieben wird und Hot-Rod-Einflüsse mit der geschwungenen Eleganz späterer Lancia- und Ferrari-Modelle aus den 1960er-Jahren verbindet, die dieses Auto zweifellos inspirierte. Der Mailänder Sammler Corrado Lopresto präsentierte einen wunderschönen, in Comer-See-Grün lackierten Isotta Fraschini 8C Monterosa aus der Feder der Carrozzeria Touring, der in den Nachkriegsjahren in typischer Touring-Eleganz eine Rückkehr der Kultmarke ankündigen sollte. Wer sich eher für offene Einzelstücke begeisterte, kam ebenfalls auf seine Kosten: Die Kuratoren der Villa d'Este zeigten Gianni Agnellis silbernen Ferrari Testarossa Spider, der von Pininfarina mit offizieller Genehmigung aus Maranello gebaut wurde, sowie den von Fissore entworfenen Monteverdi 375 L Palm Beach, der einst dem Schweizer Autobauer Peter Monteverdi selbst gehörte.



Wie Simon Kidston einmal treffend bemerkte, machen Farben ein Auto erst einzigartig. Diese Regel gilt ganz besonders für die dramatischen Formen der erfolgreichsten Lamborghini. Sowohl der Countach LP400 in der Farbkombination Marrone und Senape als auch der weiß-goldene Miura SV, der seine Klasse gewann, sahen auf der Seeterrasse des Grand Hotels absolut umwerfend aus. Doch die Zeiten ändern sich, selbst in der Villa d'Este. Die Autos, die von den alten und jungen Gästen sowie Teilnehmern die meiste Aufmerksamkeit und das größte Lob erhielten, waren die Hypercars. Im Zuge der Automobilgeschichte werden viele jener bahnbrechenden Maschinen, die in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren die Ära von lauter, schneller und stärker einläuteten, nun allmählich in ihrer historischen Bedeutung wahrgenommen. Einige der wichtigsten Vertreter dieser Gattung waren am vergangenen Wochenende beim Concorso d'Eleganza Villa d'Este zu sehen.



Als Hommage an die Silberpfeile von Juan Manuel Fangio erinnerte der Pagani Zonda C12S 7.0 aus dem Jahr 2000 an die perfekte, schnörkellose Form der frühen Exemplare des italienisch-argentinischen Supersportwagens von Horacio Pagani. Unterdessen hatte der Bugatti Veyron seinen ersten Auftritt beim Concorso mit einem von sechs Vorserienprototypen. Der wunderschöne, weiß-hellblaue Bolide, bekannt als Prototyp 5.1 und im Besitz von Antoine Tauvel, erlangte während der Markteinführung des Hypercars große Berühmtheit, als Fotos von Hochgeschwindigkeitstests in der Black-Rock-Wüste weltweit in Zeitungen und Magazinen abgedruckt wurden. Der Veyron ist natürlich nicht der einzige moderne Bugatti, der Automobilgeschichte schrieb: Victoria Dold brachte ihren Bugatti EB110 im markentypischen Blau nach Como und erinnerte damit an die innovativen Campogalliano-Jahre des Unternehmens sowie an die Ursprünge des modernen Luxus-Hypercars.


Das Auto, das allen die Show stahl, war jedoch der braun-schwarze Volkswagen W12 Nardò aus dem Jahr 2000. Dieser Hochgeschwindigkeitsprototyp war von der Welt fast vergessen worden, spielte aber unter Ferdinand Piëch eine wichtige Rolle in Volkswagens Streben nach Geschwindigkeit und Perfektion. Der von Giorgetto Giugiaro entworfene Nardò sollte beweisen, dass VW in der Lage dazu war, gleichzeitig ein technologisch fortschrittliches Hochleistungsauto wie auch praktische Alltagsfahrzeuge zu bauen. Das Modell wurde von 1997 bis 2001 über mehrere Konzeptstufen hinweg entwickelt, präsentierte die kompakte W12-Motorenarchitektur von Volkswagen und stellte im Jahr 2002 auf der italienischen Teststrecke Nardò einen 24-Stunden-Geschwindigkeitsrekord mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 322,9 km/h auf, der bis heute nicht gebrochen wurde. Obwohl eine Kleinserienproduktion diskutiert, aber nie realisiert wurde, beeinflusste das Projekt spätere Fahrzeuge des VW-Konzerns wie den Bentley Continental GT, den Volkswagen Phaeton und den Bugatti Veyron direkt. Als erster Volkswagen beim Concorso d'Eleganza Villa d'Este seit 1929 signalisierte das Auto auch einen Wandel hin zu den Traumwagen des neuen Jahrtausends, die die Automobilwelt heute begeistern. Unser beiläufig gefilmtes Smartphone-Video des Nardò in der Tiefgarage der Villa d'Este ging in den Tagen vor dem Concorso viral und erreichte weltweit fast fünf Millionen Zuschauer.


Während die digitale Welt das vergessene Hypercar-Einhorn der Y2K-Ära feierte, bestätigten die Gewinner des diesjährigen Concorso d'Eleganza Villa d'Este, dass zeitlose Eleganz und historische Bedeutung nach wie vor die Kernwerte dieses Wettbewerbs sind. Am Samstag stimmte das Publikum für einen weißen Mercedes-Benz 300SL mit Skiern auf dem Gepäckträger, der die Trophäe Coppa d'Oro per Publikumsvotum gewann. Dies war eine solide, wenn auch wenig überraschende Wahl angesichts der Vielfalt an maßgeschneiderten Einzelstücken und Rennsportikonen im Teilnehmerfeld.
Am Sonntagabend verkündete die Jury schließlich den Gesamtsieger der Veranstaltung: Die von der BMW Group gestiftete Best of Show-Trophäe wurde an Stefano Martinoli für seinen BMW 328 MM aus dem Jahr 1937, der den Spitznamen Bügelfalte innehat, verliehen. Neben dem extravaganten und opulenten Mercedes-Benz 540K aus demselben Jahr wäre der bescheidene Stromlinien-Roadster aus Aluminium für das ungeübte Auge vielleicht leicht zu übersehen gewesen. Doch wenn jemals ein BMW in der Villa d'Este gewinnen sollte, dann genau dieses Auto.



Der BMW 328 trug maßgeblich dazu bei, das Unternehmen als Hersteller von leichten, technisch fortschrittlichen Sportwagen zu etablieren. Er kombinierte einen kraftvollen Zweiliter-Reihensechszylindermotor mit exzellenter Balance, Aerodynamik sowie Zuverlässigkeit und wurde so zu einem der erfolgreichsten Rennwagen der späten 1930er-Jahre. Dieses spezielle Chassis mit der Nummer 85032 wurde für die Mille Miglia im Jahr 1940 in den einzigartigen, stromlinienförmigen Bügelfalte-Roadster verwandelt. Sein innovatives Design und das niedrige Gewicht halfen BMW dabei, weitaus stärkere Konkurrenten zu dominieren und den Legenden-Status des 328 in der Motorsportgeschichte zu zementieren. Nachdem das Fahrzeug die Kriegswirren, Jahre in der Sowjetunion und schließlich die Rückkehr in den Westen überstanden hatte, ist es heute der einzige erhaltene Mille-Miglia-Roadster, der sich weitgehend im Originalzustand befindet, bewahrt als seltener Zeuge des europäischen Vorkriegs-Rennsports und Automobildesigns.

Durch die Verbindung von zweckmäßigem, minimalistischem Leichtbau aus Deutschland mit der Rennsporttradition der Mille Miglia war dies das perfekte Auto, um im Schein des Feuerwerks über dem Comer See und dem Grand Hotel Villa d'Este zu glänzen. Schließlich ist es die letzte Zufluchtsstätte der italienischen Eleganz, an der la grande bellezza nach wie vor lebendig ist.
Fotos: Keno Zache für Classic Driver © 2026









































































































