

Ein Sonntagmorgen entlang der zahlreichen italienischen Bergpässe bietet die wahre Essenz des Fahrvergnügens – vorausgesetzt, man steht früh genug auf. Während die Sonne aufgeht und ihre trüben Strahlen auf den Asphalt wirft, konkurriert die Stille der Natur mit zwei entgegenkommenden Autos, beide mit Rundscheinwerfern und freundlich lächelnden Chromgrills. Dies ist Alfa Romeo-Land, wo nur wenige Autos diese mitunter kniffligen Kurven so meistern wie ein Alfa aus der Mitte der 1950er-Jahre. Unsere beiden Titelhelden waren beide Teilnehmer an der Mille Miglia von 1955 – mit der Giulietta Sprint mit Startnummer 233 haben wir bereits einige Zeit verbracht. Sie gehört dem Mailänder Gentleman-Racer Agostino Di Stefano, der mit dem rot lackierten Modell schon Hunderte von Rennkilometern zurücklegt hat.
Die Giulietta war im Vergleich zu vielen ihrer Konkurrenten bei der Mille Miglia zwar deutlich untermotorisiert, hatte sich aber dank des berechenbaren Handlings und der leichten Karosserie auf Rundstrecken einen Namen gemacht. Das rot-weiße 1900 SS Coupé mit Startnummer 451 und Zagato-Karosserie startete 1955 ebenfalls beim berüchtigten Straßenrennen von Brescia nach Rom und zurück. Und kam ebenfalls ins Ziel, wenngleich weitaus weiter vorn als die Giulietta Sprint.
Umso sehr ist es eine Freude, diese beiden Exemplare 80 Jahre nach diesem legendären Event nun gemeinsam in Bewegung zu erleben. Während beide Alfa durch die Hügel rund um Lugano kurvten, verbrachten wir einige Zeit mit dem 1900 SS Coupé, das jetzt zusammen mit der Giulietta Sprint bei Kessel Auto Lugano zum Verkauf steht. Und nutzten die wunderbare Gelegenheit, eine große Ära von Alfa Romeo wieder aufleben zu lassen.



Der Alfa Romeo 1900 wurde zwischen 1950 und 1959 gebaut und war das erste völlig neue Nachkriegsmodell des Mailänder Unternehmens. Er war der erste Alfa Romeo, der komplett am Fließband gebaut wurde, was den Herstellungsprozess und die Produktion dieses erstes Alfa mit selbsttragender Karosserie revolutionierte. Das Herzstück war, wie bei jedem Alfa Romeo, der Motor. Angesichts der strengen Steuergesetze für Motoren mit größerem Hubraum war Giuseppe Busso federführend bei der Entwicklung des Vierzylinder-DOHC-Leichtmetallmotors. Zusammen mit dem ausgefeilten Fahrwerk konnte das Fahrzeug nicht nur mit der Konkurrenz mithalten, sondern sie in Kurven auch abhängen.


Als 1955 Modelle wie der 1900 C52 „Disco Volante“ die Designwelt aus dem Staunen nicht mehr herausbrachte, hatte sich der 1900 als Modell für sportliche Wettbewerbe längst etabliert. Um das Potenzial des Autos noch besser auszuschöpfen, ließ Alfa Romeo einige der besten italienische Karosseriebauer auf den 1900 los. Darunter die Carrozzeria Touring Superleggera, Pinin Farina und in diesem Fall Zagato.
Zagato ließ im 1900 seine maximale Expertise in puncto Leichtbau und Aerodynamik einfließen, um so den perfekten Rennwagen für Gentlemen zu bauen. Er zeichnet sich durch stärker modellierte Karosserielinien aus leichtem Aluminium mit integrierten B-Säulen und natürlich Zagatos Markenzeichen aus: dem Doppelkuppeldach, bekannt als „doppia gobba“ oder „double bubble“. Vom SS Coupé, das bei Zagato handgefertigt wurde, existieren schätzungsweise nur 39 Exemplare, was es zu einer der seltensten Versionen des 1900 von Alfa Romeo stempelt.



Von diesen 39 Einheiten ging das Auto mit Chassisnummer 01931 Anfang 1955 von der Alfa-Niederlassung Lugano neu an Vittorio Vanini, einen erfolgreichen und wohlhabenden Privatfahrer aus der berühmten Schweizer Chocolatier-Familie. Die einzigartige zweifarbige Zagato Berlinetta wurde von ihm nahezu unmittelbar zum Einsatz gebracht. Als um 4:51 Uhr – daher die Startnummer 451 – für sie die Startflagge zur Mille Miglia fiel, begaben sich Vanini und sein Beifahrer Ivo Baderacco auf die 100 Meilen quer durch Italien und erreichten nach 12 Stunden und 56 Minuten das Ziel in Brescia auf Platz 19 im Gesamtklassement und – als erster Alfa Romeo 1900 SS – Platz zwei in ihrer Klasse. Nach diesem Kraftakt war das schweizerisch-italienische Duo noch immer hungrig und nahm im September 1955 desselben Jahres auch an der Coppa Intereuropa in Monza teil, wo es den 11. Gesamtrang belegte.

Es wird angenommen, dass das Auto danach von einem Amerikaner gekauft wurde, der den Alfa dann über 50 Jahre lang der Öffentlichkeit vorenthielt. Komplett mit seinen Mille-Miglia-Teilnahmedokumenten ist dieser GT-Rennwagen mit Zagato-Karosserie nun bereit für sein nächstes Abenteuer, das ihn mit nahezu garantierter Startberechtigung zur mittlerweile historischen Mille Miglia zurückkehren lassen könnte. Dieser wunderschön restaurierte und gepflegte rot-weiße Alfa Romeo zeugt von einer wahrhaft historischen Ära für Gentleman-Rennfahrer, als Fahrer ihr Leben riskierten, um den Nervenkitzel der Geschwindigkeit und die Hitze des Gefechts zu erleben.
Ob auf dem langen Heimweg vom Café, über die kurvenreichen italienischen Pässe oder beim Rad-an-Rad-Kampf bei historischen Rennmeetings – dieses 1900 SS Coupé strahlt einen Wettbewerbsgeist aus, den nur wenige andere Autos mit so viel Eleganz vereinen wie ein Alfa Romeo der 1950er-Jahre. Die Wahl zwischen der Giulietta Sprint und dem 1900 SS Coupé ist eine nahezu unmögliche Aufgabe. Die einzig logische Lösung: sich beide zu sichern und Ihre eigene Mille Miglia-Reunion vorzubereiten!





































