Vom Schaf zum Shop mit Nick Ashley und Private White VC

Nick Ashley ist die kreative Kraft hinter der britischen Herrenmodemarke Private White VC. Wir trafen ihn im Flagship-Store des Labels in Mayfair zu einem Gespräch über den Namensgeber, die Bedeutung britischer Handwerkskunst, die Rettung einer 100 Jahre alten Fabrik und die Zukunft der Mode.

Es braucht nur einen kurzen Moment, um die morgendliche Stille der Duke Street nachhaltig zu erschüttern. Passend im Private White-Oufit gekleidet, fährt Nick Ashley vor dem Flagshipstore der Marke im vornehmen Londoner Bezirk Mayfair vor – und steigt von seinem Donnervogel, einer Harley-Davidson aus den 1920er-Jahren. Seit nunmehr vier Jahren ist Ashley die kreative Kraft hinter Private White VC, jenem britischen Herrenausstatter, der aus der Absicht geboren wurde, eine 100 Jahre alte Fabrik im Herzen von Manchester vor der Schließung zu bewahren. 

Starke Unterstützung beim Aufbau des neuen Geschäfts erfuhr Ashley  von James Eden, dem Urenkel des Namensgebers der Firma. Private Jack White war ein Held des Ersten Weltkriegs und Gründervater der Fabrik in Manchester. Mit zusätzlicher Hilfe von Edens Patenonkel Mike Stoll, der die Firma über 50 Jahre lang leitete, hat Private White VC in nur fünf Jahren seine Belegschaft von 40 auf 120 Mitarbeiter vergrößert – und ist heute nicht nur in Großbritannien, sondern weltweit eines der angesagtesten Herrenmodelabels.

„Ich habe alle meine Kraft in diese Firma gesteckt, weil ich denke, dass sich Designerlabels überlebt haben“, erklärt Nick. „Die nächste Generation ist eine völlig neue Kundengruppe. Sie ist wählerischer und will zugleich nicht mit einem riesigen Maultier auf der Brust aus dem Laden gehen. Viel wichtiger ist ihr die Herkunft und der Ursprung der Stoffe“, sagt Ashley, der stolz darauf ist, dass Private White seine komplette Ware in Großbritannien herstellt. Was andere Marken fälschlicherweise auch von sich behaupten.

„Wir sprechen von sheep to shop“, erklärt Nick. „Wir starten mit Wolle von Schafen, die meine Frau auf einer Farm in Wales züchtet. Danach geht der Rohstoff in eine Weberei in Yorkshire, und erst dann in die Fabrikation in Manchester. Es ist eine lange Kette, die sich so niemand anders in der Welt leistet.“ Die breite Kollektion ist auf Vielseitigkeit und lange Haltbarkeit ausgelegt. „Was die Leute anziehen, sollte vielseitig sein“, findet Ashley. „Unser Jeep-Mantel zum Beispiel ist elegant genug, um ihn in Harry’s Bar in Mayfair zu tragen. Zugleich aber auch robust und warm genug, um ihn zum Skifahren überzuziehen. Darin macht man in fast jeder Situation eine gute Figur.“

Nick Ashley beschreibt die Designs von Private White VC als „techno-retro“ und leere Leinwände, die passend zum Lifestyle des jeweiligen Kunden ausgestaltet werden können – entweder in eine eher legere oder elegante Richtung. „Ich persönlich liebe Kitsch und hochwertige Mode, doch was die Kunden viel eher benötigen, sind Kleidungsstücke für den täglichen Gebrauch“, ist er überzeugt. „Mode ist ein Spiegelbild dessen, was Du von innen fühlst. Jedoch wird vermieden, dass Kleidung diese Stimmungen zu stark nach außen trägt. Denn schließlich soll die Person selbst und nicht die von ihm getragene Oberbekleidung ein Statement abgeben.“ Nick Ashley vergleicht dieses Bild mit der legeren Version eines maßgeschneiderten Savile Row-Anzugs – sowohl in Bezug auf Qualität wie Exklusivität. 

Die hohe Handwerkskunst bei der Fabrikation der Kleidungsstücke, diese „british Craftsmanship“, ist für Ashley nicht mit Geld aufzuwiegen. Hier zieht er eine Parallele zur japanischen Philosophie, die den Besitz einer kleinen Zahl extrem hochwertiger und hochgeschätzter Besitztümer anstrebt. Am Ende bedeutet für ihn „Mode“, etwas mit eigenen Händen herzustellen. „Wir versuchen den Kunden stärker in den Herstellungsprozess einzubinden“, so Ashley. „Der Schneider hat sein ganzes Herzblut und all sein Wissen in den Artikel einfließen lassen. Das gute Stück mag teuer sein, doch es gibt Ihnen ein großartiges Gefühl.“

Nick Ashley führt seine Liebe zu Mode und Design auf seine Mutter zurück – Laura Ashley, die zusammen mit ihrem Vater Bernard das Laura Ashley Imperium gründete. „Die Initialzündung kam, als mich meine Mutter in die Carnaby Street zu einem Laden namens Kids in Gear mitnahm“, erinnert sich Ashley stolz. „Da war ich sieben Jahre alt. Sie verkauften riesige Engelbert Humperdinck Schlaghosen und patentierte Ledergürtel, und ich trug das alles.“ Nach dem Besuch von insgesamt 13 Schulen und mehrmaligem Rauswurf aus dem Familienunternehmen durch seinen Vater startete Nick Ashley eine eigene Karriere. Als unabhängiger Modedesigner arbeitete er schon bald für einige der größten Namen der Branche. 

Der auf einem Bauernhof in Wales aufgewachsene Kreative entwickelte mit der Zeit auch eine Vorliebe für alles Automobile. „In den ersten Nachkriegsjahren besaß mein Vater eine alte Triumph. Nach der Heirat mit meiner Mutter 1949 fuhr er mit ihr auf dem Soziussitz bis nach St. Tropez. Als ihnen irgendwann das Geld ausging, mussten sie die Maschine verkaufen und per Anhalter zurücktrampen.“ Er selbst bekam sein erstes Motorrad, „als ich alt genug war, um eins steuern zu dürfen“, sagt Ashley. Das Interesse an Bikes und Autos brachte ihn mit Lord March zusammen, für dessen gesamtes Goodwood Revival-Team Private White die nostalgische Dienstkleidung stellt. Beim gleichen Event trat Ashley auch einmal mit einem Ford Falcon an und bekennt: „Ich litt Todesängste...“

Was hält die Zukunft für die britische Modeindustrie bereit? – das wollten wir zum Abschluss noch wissen. „Großbritannien braucht mehr Luxusmarken. Menschen in aller Welt setzen unser Land mit High-End-Luxusprojekten gleich. Doch haben wir nicht genügend Firmen, um sie auch herzustellen.“ Auch der Brexit war für Private White ein Schlag ins Kontor, weil sich die steigenden Exportpreise negativ auf den großen kontinentaleuropäischen Markt auswirken könnten.

Oberste Priorität hat für Ashley jedoch der Erhalt der historisch gewachsenen und hochqualifizierten Belegschaft. „Meine Familie hatte einmal 13 Fabriken mit 10.500 Beschäftigten“, fasst er zusammen. „Daher galt der Grundsatz: Erst die Fabrikation, dann das Design. Mein Vater pflegte immer zu sagen, dass wir in einem people business tätig sind. Auch ich freue mich mehr über die Schaffung neuer Arbeitsplätze als über einen Designer of the Year-Award.“ Was für ein ehrenwertes Vermächtnis für einen rundherum charmanten Mann. Uns wurde zugesichert, dass jeder, der die Fabrik in Manchester besuchen wolle, dort herzlich willkommen sei. Ja es könnte sogar zum Lunch eine gute alte Pastete auf den Tisch kommen – natürlich 100 Prozent british!

Fotos: Adam Tait / Stoked Up for Classic Driver © 2016

Sie finden weitere Informationen zu Private White VC auf der offiziellen Website