Tradition neu belebt – Tweed feiert eine Renaissance in der Herrenmode

Müssen Tweed-Outfits eigentlich immer traditionell gewebt und eingefärbt sein? Auf keinen Fall, meint Guy Hills vom frechen Londoner Startup „Dashing Tweeds”. Und die Historie gibt ihm recht. Wir erkunden die neue Rolle des Stoffs in der Mode und die Schöpfer, die den Trend setzen.

„Ich habe viele Jahre als Modefotograf in der Savile Row verbracht,” erzählt uns Guy Hills von Dashing Tweeds bei unserem Besuch. „Das erlaubte mir den Zugang zu diesen ganzen Archiven angefüllt mit der fantastischen Kleidung, die Männer einst trugen. Die Herren, die zur Jahrhundertwende Tweed anlegten, waren nicht altväterlich, sondern Hipster mit einem ausgeprägten Sinn fürs Modische.” Als sich in der Fotografie der Schritt vom Analogen zum Digitalen vollzog, begann sich Guy nach einer neuen Karriere umzusehen. Und als er eines morgens in London zur Arbeit radelte, traf ihn die Erleuchtung.

Rückblick auf die Anfänge

„Ich trug beim Radfahren immer Tweed, so wie es vor einem Jahrhundert ganz selbstverständlich war. Ich fand aber, dass diese ganze Reflektor-Ausrüstung, die man für die City braucht, den guten Eindruck des Outfits störte.” Er bat also Kirsty, Modeschöpferin und Mitbegründerin von Dashing Tweeds, ihm als Prototyp eine Tweedjacke mit eingewobenem reflektierenden Faden zu entwerfen. Damit war das geboren, was Guy „the urban tweed” getauft hat. Er führt aus: „Damals hatten Männer wirklich Freude daran, sich einzukleiden. Tweed wurde vor allem bei Sportswear eingesetzt. Für Radfahren, Schiessen, Jagen, Reiten und Autofahren wurde Tweed angelegt, denn es ist auf natürliche Weise wasserdicht, bindet weder Feuchtigkeit noch Gerüche und lässt sich so unterschiedlich gestalten, dass die Bewegungsfreiheit erhalten bleibt.”

Mut zur Farbe

Neben den bei Pendlern beliebten „Urbans” und den Schuhen, Taschen und anderen Accessoires, die ebenfalls aus dem leuchtenden Gewebe hergestellt werden, spezialisiert sich Dashing Tweeds auch auf Tweedstoffe mit unterschiedlichsten Farbkombinationen, die maßgeschneidert bis ins kleinste Detail und handgewebt in traditionellen schottischen Textilwerken entstehen. „Im Lauf des letzten Jahrzehnts hat man zwar Traditionen wiederentdeckt, aber bei dieser Beschäftigung mit der Vergangenheit ist auch zuviel Nostalgie im Spiel. Leute suchen heute das, was sie für authentisch halten, und am Ende tragen sie die selben Farben und Muster wie alle anderen. Je mehr man in die Tiefe geht, desto mehr entdeckt man, dass diese Form der Vergangenheit so nie existiert hat – was auf alten Schwarzweißbildern ziemlich schlicht wirkte, war im wirklichen Leben sehr viel bunter. Schließlich wollten sich die Träger von ihrem Freundeskreis immer wieder neu abheben.” Tweedstoffe zu entwerfen, die sich der Vergangenheit verdanken, aber gleichzeitig die nostalgischen Vorurteile in Frage stellen, gibt der Firma aber auch die Lizenz, hemmungslos zu experimentieren. Eine wagemutiges Geschäftsmodell, das für Aufsehen sorgt. Obwohl es Dashing Tweeds erst seit vier Jahren gibt, entstanden bereits Kooperationen mit großen Marken wie Fred Perry, Boxfresh und dem Schuhhersteller Hudson.

Von Konventionen befreit

„In den Bereichen Mode und Produktdesign besitzt Großbritannien großes Renommee – das sieht man an der weltweiten Bewunderung für den Maßanzug aus der Savile Row oder an der Arbeit von Jony Ive bei Apple. Aber kaum, dass Tradition ins Spiel kommt, entsteht diese Obsession um angebliche Korrektheit. Doch Events wie das Goodwood Revival oder der Tweed Run erinnern Menschen daran, wie viel Spaß es macht, sich besonders herauszuputzen.” Für Guy ist es wesentlich, dass sich bei diesem Trend ähnlich wie bei anderen kreativen Unternehmungen ein Kreis schließt. „Auch Männer dürfen sich Fashion zu Eigen machen. Ich glaube sogar, dass sich moderne Herren fast entmannt fühlen, weil man ihnen die Mode weggenommen hat. Wir möchten sie ermutigen, sich diese wunderbare Sache zurückzuholen.”

Fotos: © Tim Brown für Classic Driver

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