Erleben Sie das Goodwood Revival 2016 noch einmal in ganzer Pracht

Mittlerweile im reifen Teenager-Alter, hat sich das Goodwood Revival zu einem weltbekannten Event aus hochklassigen Klassiker-Rennen und dazu passenden nostalgischen Attraktionen entwickelt. Und zwar ohne dabei austauschbar zu werden – wie die Ausgabe 2016 bewies.

Eine unvergleichliche Zeitmaschine

Würden nicht moderne Digitalkameras um manche Hälse baumeln oder Handys ans Ohr gepresst werden – man würde nicht glauben, tatsächlich im Jahr 2016 zu sein. Denn nahezu alles ist beim Goodwood Revival auf „good old England“ getrimmt. Allen voran die extrem Tweed-lastige Oberbekleidung im Stil der 1950er Jahre und die zu jener Zeit passende Damenmode. Aber auch die Kluft der Streckenposten, das Safety Car (ein Jaguar Mk II), die per Hand bediente Rundenanzeigetafel, die schlichten Kränze für die Sieger sowie die Süßigkeiten- und Eiswagen im Fahrerlager lassen diesen Zeitmaschinen-Effekt entstehen. Dieser wird zusätzlich verstärkt durch zahlreiche Schauspieler und zeitgenössische Kulissen. Das Ganze wirkt auf den Besucher wie eine gigantische Film-Kulisse – erst wenn man den Parkplatz verlassen hat, wird klar, welch surrealer Tag da gerade hinter einem liegt. Es sind die kleinen Details, die das Erlebnis unvergesslich machen. Wie ein Doppelgänger von Tazio Nuvolari, der Dir beim Entgegenkommen ein lässiges „Ciao“ zuwirft, mit einer Flasche Champagner in der Hand und einem Lorbeerkranz um den Hals. Unglaublich!

Rennen im Regen

Wenn man dem britischen Schietwetter des Samstags überhaupt etwas Gutes abgewinnen wollte, dann war es die durch den Regen noch spektakulärere Action auf der Rennstrecke. Das Wasser stand an allen falschen Plätzen zu hoch – speziell ausgangs der Schikane. Als Folge herrschte vor allem beim RAC TT Celebration-Rennen das nackte Chaos, als Cobra- und E-type-Piloten die fast unlösbare Aufgabe zukam, ihre Autos auf Geradeauskurs zu halten. Die in diesem Jahr für Austin A35 ausgeschriebene St. Mary’s Trophy war ebenfalls reich an Zwischenfällen – und gekrönt vom mehrfachen Überschlag eines Teilnehmers in ein (gottlob) leeres Feld. 

Einsitzer oder Eheglück?

Wieder einmal war auch das Credit Suisse Historic Racing Forum eine unterhaltsame Angelegenheit. Im wundervoll zeitgenössischen Kontrollturm der Rennleitung philosophierten Alain de Cadenet, Derek Bell, David Brabham, Jochen Mass, Dario Franchitti und Stirling Moss unter der Moderation von Henry Hope-Frost über die Frage „Einsitzer oder Sportwagen?“ Fast unvermeidlich, dass sich die Diskussion irgendwann verselbständigte und auch andere Reizthemen zur Sprache kamen...

Die Goodwood-Größen

„Wenn wir mit Goodwood eine Strecke für die neue Generation von Rennfahrern schaffen können, wäre ich sehr zufrieden“, sprach Freddie March, der Duke of Richmond und Vater von Lord March, zur Eröffnung des Kurses im Jahr 1948. In der Tat hat Goodwood in der Folge einige der größten britischen Rennfahrer hervorgebracht – unter anderem Jackie Stewart, der hier 1964 bei einem Test mit einem Formel 3 die Zeiten von Stammfahrer Bruce McLaren überbot und Ken Tyrrell so überzeugte, dass der ihm auf der Stelle einen Vertrag anbot. Neben Stewart waren auch Stirling Moss, Derek Bell und John Surtees am Steuer von Autos zu sehen, die 50 Jahre nach dem letzten Rennen auf dem Original-Kurs als „All time greatest“ von Goodwood zählen dürfen. Der Anblick des über beide Ohren grinsenden und ins Publikum winkenden Sir Stirling am Steuer jenes Aston Martin DB3S, der 1955 die 9 Stunden von Goodwood gewann, war ein Erlebnis für sich. 

Epische Schlacht

So aktionsgeladen und unerbittlich wie immer war das Juwel in der Krone des Revival Meetings. Sprich: die über eine Stunde und mit Fahrerwechsel führende RAC Tourist Trophy. Es gab harte Duelle im Feld, doch herausragend war der Fight um die Spitze zwischen Gordon Shedden im Jaguar E-type und Guido van der Garde auf einer Shelby Cobra. Während der „Jag“ beim Anbremsen und Durchfahren der Kurven Vorteile hatte, machte die bärenstarke Cobra diesen Nachteil auf den Geraden wieder wett. Der Kampf bis aufs Messer endete kurz vor Schluss, als es in der Lavant Corner zum Kontakt kam. Van der Garde drehte sich ins Gras – und Shedden, der bei Halbzeit von seinem Partner Chris Ward übernommen hatte, erbte den Sieg. 

Zum Himmel!

Flugschauen mit historischen Maschinen sind traditionell fester Bestandteil des Goodwood Revival – schließlich liegt die Strecke auf dem Gelände des ehemaligen RAF-Flugfelds Westhampnett. Auch wenn Loopings und andere gewagte Kunststücke inzwischen verboten sind, boten eine im Morgengrauen auf Patrouillenflug gehende P51D Mustang und der weltweit letzte noch existierende Bristol Blenheim Bomber – flankiert von einer Spitfire und Hurricane – einen schaurig-schönen Anblick. Dazu kamen weitere Kuriositäten am Boden – wie der Weltkrieg-Eins-Doppeldecker Albatros DVA oder die Andreasson von 1966, die man einst auf Wunsch auch als Bausatz erwerben konnte. 

In Erinnerung an „Black Jack“

Zu Ehren des 2014 verstorbenem Jack Brabham und in Erinnerung an seinen WM-Titel von 1966 kamen die Zuschauer am Sonntag in den Genuss einer Parade von Rennwagen verschiedener Klasse, die der große australische Fahrer und Konstrukteur im Laufe seiner Karriere bewegte. Neben dem Formel 1-BT 33 von 1970, dem BT 26 von 1969 und dem von ihm zum WM-Titel gefahrenen Cooper konnte Sohn David auch jenen monströsen BT25 organisieren, mit dem sein Daddy 1969 das Indy 500 bestritt.

Eine wertvolle Ergänzung

Eine tolle Ergänzung des Rennprogramms war die erstmals für das Event von 2016 ausgeschriebene Kinrara Trophy. Ein Einstunden-Rennen für geschlossene GT-Fahrzeuge vor 1962 und jeweils zwei Fahrer, abgehalten in der Dämmerung des Freitags. Nicht überraschend kam ein hochkarätiges Starterfeld zusammen, bestehend aus zwei Ferrari GTO, einer ganzen Horde von 250 GT „SWBs“ und mehreren Jaguar E-types. Das Rennen war nicht weniger eindrucksvoll: Nach zahlreichen Dramen behielten Joe Macari und Tom Kristensen auf ihrem SWB-Ferrari die Oberhand. Hoffen wir, dass dieses Rennen keine Eintagsfliege bleibt – es war die pure Freude, diese wunderschönen Autos in der untergehenden Sonne und mit aufgeblendeten Scheinwerfern durch die geschwungenen Kurven von Goodwood fliegen zu sehen...

England kann es schaffen!

Alle Wege beim Revival führten am letzten Wochenende nach... Wembley? Englands Sieg bei der Fußball-WM 1966 im eigenen Land wurde mit singenden Fans an den Eingängen zur Strecke und einem nachgebauten Stadion am Eingang zum Rolex Drivers Club gedacht. Perfekt wurde das Bild durch junge Spieler in historischen Trikots, angefeuert beim Training von weiblichen Teenagern in Schuluniform. Eine andere Ausstellung trug den Titel „Britain Can Make It“ und stellte „moderne“ in England hergestellte Erfindungen wie das Bügeleisen, den Wasserkocher und den Staubsauger aus. 

Bekannte Gesichter

Einige Classic Driver Händler zeigten ebenfalls Präsenz beim Revival – und zwar mit großem Erfolg. Als Partner des großen Dänen Tom Kristensen fuhr Joe Macari am Freitag Abend in seinem famosen Ferrari 250 GT „SWB“ wie bereits erwähnt zum Sieg in der ereignisreichen Kinrara Trophy. James Cottingham von DK Engineering – dessen Mechaniker von Beaufort und Blake blitzsauber eingekleidet wurden – fuhr im gleichen Rennen auf Platz zwei und dazu in der Sussex Trophy noch auf P3. JD Classics’ Chris Ward gewann die Sussex Trophy und dazu noch das RAC TT Celebration-Rennen. Gregor Fisken erkämpfte sich auf dem wunderschönen Maserati 200 Si einen vierten Platz in der Freddie March Memorial. Und Peter Bradfield gesellte sich für die Freddie March zu seinem alten Kumpel Fisken ans Steuer des 9-Stunden-Siegers Aston Martin DB3S. 

Von fröhlichen Mönchen bis zu vom Himmel fallenden Fallschirmjägern

Der Motorsport mag die zentrale Rolle beim Goodwood Revival spielen. Doch haben Besucher daneben die Chance, sich unter zehntausende von Zeitreisenden zu mischen – aufgetakelt in authentisch nostalgischen Outfits. Rémi Dargegen hat die originellsten und exzentrischsten Verkleidungen des diesjährigen Events abgelichtet – nur ein Klick, und Sie finden Zugang zur kompletten Fotogalerie.... 

Fotos: Rémi Dargegen für Classic Driver © 2016

Sie finden unsere komplette Berichterstattung zum Goodwood Revival Meeting 2016 mit freundlicher Unterstützung von Credit Suisse in unserem regelmäßig aktualisierten Überblick.