Lamborghini Countach Turbo S

Spiritus rector incognitus

Text: Mathias Paulokat
Fotos: Klima-Lounge

Donnerwetter! Einen solchen Lamborghini haben wir noch nicht gesehen. Der Lamborghini Countach Turbo S ist ein Unikat. Sein Zwölfzylinder mit 4,7 Liter Hubraum leistet dank zweier Abgasturbolader maximal 748 PS. Über 330 km/h soll dieses schwarze Geschoss laufen, in nur 3,7 Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigen. So potent könnte dieser Lambo glatt als Wegbereiter des übermächtigen Reventón durchgehen. „Donnerwetter!“ Oder eben einfach „Countach“.

Der Lamborghini Countach schien von Anfang an von einem anderen Stern zu stammen. Ganz anders als der rassig dahin fließende Lamborghini Miura wirkte der Countach wie ein kubistischer Monolith. Und spaltete Sportwagenfreunde prompt in zwei Lager. Unsere britische Classic Driver Kollegin Charis Whitcombe notierte treffend in ihrem Countach-Portrait: „Entweder man liebt ihn oder man haßt ihn. Mehr als wahrscheinlich jedes andere Automobil in der Geschichte bündelt der Countach in der Öffentlichkeit die heftigsten und gegensätzlichsten Ansichten. Er ist absurd, unpraktisch und hässlich – so seine Gegner. Er ist absurd, unpraktisch und unglaublich aufregend – sagen seine Fürsprecher...“

Der Lamborghini Countach Turbo S ist auf jeden Fall eines: einmalig. Denn er ist eine leistungsgesteigerte Interpretation des Countach 5000 S, die so nie die Werkshallen in Sant’Agata Bolognese verlassen hat. 1984 wurde der Turbo S auf dem Genfer Automobilsalon der Öffentlichkeit präsentiert. Mit seinen maximal 748 PS braucht er sich vor seinem späteren Ahnen, dem 650 PS leistenden und auf 20 Exemplare limitierten Lamborghini Reventón, Modelljahrgang 2007, nicht zu verstecken.

Donnerwetter aufgrund einer Skizze

Entstanden ist der Name „Countach“ just in dem Moment, als Ferruccio Lamborghini den Entwurf von Bertone-Designer, Marcello Gandini, zu Gesicht bekam. „Countach!“ soll man in der Emilia-Romagna ausgerufen haben. Das bedeutet soviel wie „Donnerwetter“ oder „großartig“ und stellte die spontane Quittung für den Auftrag Gandinis dar. Denn dieser sollte nicht weniger als ein Auto auf die Räder stellen, welches seiner Zeit voraus und der Zukunft scheinbar entsprungen sein sollte. Die Formensprache italienischer Sportwagen der frühen siebziger Jahre hatte sich bereits dem organischen Habitus entledigt und setzte auf strengere Keilformen. Doch der Countach war so unerhört futuristisch, dass er das Publikum eher verstörte als verzückte.

Der ursprüngliche Prototyp des Countach, der LP500, debütierte 1971 auf dem Genfer Automobilsalon. Auch versierte Kenner hielten ihn für eine Konzeptstudie und sogar Lamborghini selbst hatte zu diesem Zeitpunkt nicht die ernsthafte Absicht, ihn tatsächlich in Serie zu produzieren. Doch das sollte sich ändern. Denn der Countach traf den Stil der 1970er Jahre auf den Punkt. Er wurde von 1973 bis 1990 – dem Jahr der Ablösung des „Countach Anniversary“ durch den Diablo – in einem bemerkenswert langen Modellzyklus produziert.

Der Countach Turbo S entsprang Mitte der achtziger Jahre der Vision seines Eigentümers, das Fahrzeug noch stärker und schneller zu machen. Wie beim Basismodell besteht das Fahrgestell Countach Turbo S aus dem selbsttragenden Stahlrohrgitterrahmen, über welchem sich eine Außenhaut aus Aluminium und Glasfaserteilen spannt. Die Front ist geprägt von der scharfen und durchgehenden Pfeilung. Bemerkenswert ist das dem Reventón ähnliche Erscheinungsbild – nicht nur aufgrund der seitlich nach oben schwenkenden Türen, fortan ein Markenzeichen aller Lamborghini mit V12-Motor. Obwohl die Lufteinlässe in der Front deutlich kleiner als beim jungen Lambo sind, befördern sie doch auch beim Countach noch ausreichend kühlende Luft an die innenbelüfteten Bremsscheiben mit Keramikauflage.

Kraft im Übermaß

Herzstück des Countach Turbo S ist der 4,7 Liter messende V12-Motor mit doppelter Abgasturboaufladung. Er soll bei 6.500 Touren und 1,5 bar Ladedruck maximal 748 PS leisten und bereits bei 4.000 Umdrehungen ein maximales Drehmoment von 876 Newtonmeter freisetzen. Damit wiederum sollen 333 km/h V-max und eine Beschleunigung aus dem Stand auf 100 km/h in genau 3,68 Sekunden möglich sein. Für Fahrstabilität sorgen umfangreich modifizierte Einzelradaufhängungen mit Kurvenstabilisatoren sowie auch der mächtige Heckflügel. Für Haftung sorgen vorne 255er Reifen, hinten laufen gewaltige 345er Pneus in den Radhäusern. Es handelt sich jeweils um 15 Zoll große Reifen, ein für heutige Verhältnisse sehr bescheidenes Maß, das für hohe Radgeschwindigkeiten sorgt.

Im Innenraum dominiert instrumentelle Sachlichkeit. Der Tachometer scheint aus einem Turboprop zu stammen. Er scheut sich nicht, eine Skalierung bis 425 km/h zu zeigen. Mit anderen Worten: einmal kräftig aufs Gaspedal getreten und das Getriebe mit fünf Gängen geschaltet, verhilft der Tachonadel gerade einmal zu einem Zucken, obwohl der Countach bereits jenseits der 100 km/h Marke unterwegs ist. Um die Turbinenkräfte zu kontrollieren, finden sich moderne Ladedruck- und Ladelufttemperaturanzeigen im Instrumententräger. Rennfahrer Marc Surer testete den Wagen seinerzeit ohne Schongang. Später verlor sich die Spur des Turbo S in einer skandinavischen Sammlung. Unlängst tauchte der seinerzeit schnellste Straßensportwagen der Welt nun in der Schweiz wieder auf.

Was macht die Attraktivität dieses Fahrzeugs aus? Es ist vor allen Dingen die kraftvolle Vision, das technisch Machbare auch tatsächlich umzusetzen. Damit ist der Lamborghini Countach Turbo S ein würdiger Vorfahre des aktuellen Spitzenmodells aus Sant Agata, dem Reventón. Donnerwetter, wer hätte das 1984 vermutet!

Fakten: die Bestimmungsmerkmale

Rahmen:
selbsttragender Stahlrohrrahmen, Fahrgestell-Aufbauboden aus Glasfaserteilen

Karosserie:
Leichtmetall mit Glasfaserteilen, Stahldach

Lenkung:
Zahnstangen-Lenkung

Wendekreis:
9,88 Meter

Felgen, Räder:
vorne 255/45 VR 15 auf 10,5x15 Zoll,
hinten 345/35 VR 15 auf 14 x 15 Zoll

Motor:
längs liegender 12 Zylinder Mittelmotor, 60 Grad V-Anordnung, Kettensteuerung, zwei Abgasturbolader

Hubraum:
4.754 ccm

Leistung:
max. 758 PS (550 kW) bei 6.500/min

Drehmoment:
max. 876 Newtonmeter

Zündung:
elektronisch gesteuerte Mareli Magnat Zündung

Vergaser:
Weber Doppelvergaser

Antrieb:
Heckantrieb, 5-Gang Schaltung

Bremsen:
belüftete Scheibenbremsen rundum

Abmessungen:
4.140 mm Länge x 2.050 mm Breite, 1.050 mm Höhe

Radstand:
2.450 mm

Leergewicht:
1.515 Kilogramm

V-max:
333 km/h

Beschleunigung:
von 0 auf 100 km/h in 3,7 Sekunden