IAA-Trends 2011: Tradition und "Simplicity"

IAA-Trends 2011: Tradition und "Simplicity"

Das Einfache ist des Komplizierten Feind. So könnte man nach einem IAA-Rundgangein bekanntes Motto treffsicher abwandeln. Trends rufen immer auch Gegentrends hervor. In diesem Fall ist es die wachsende Komplexität, die einen Automobil-Enthusiasten nach Einfachem sehnen lässt. Ein Kommentar.

Wir leben in einer Zeit fortwährender Beschleunigung, in der sich technologischer Fortschritt und alternative Innovationen gegenseitig überholen. Dies alles in einem Umfeld erhöhter Unsicherheit. Da fällt Orientierung schwer. Es braucht neue Leuchttürme. Markierungen, die den Weg weisen. Wer über die diesjährige IAA läuft, fragt sich bereits nach dem ersten Hallenbesuch: Worin liegt denn nun die Zukunft der Mobilität? Im Elektroantrieb, im Hybrid-Konzept, im Wasserstofftank, der Brennstoffzelle oder doch im verbrauchsarmen Verbrennungsmotor? Antworten findet man viele - alleine, welches ist die Richtige? Selbst für Branchen-Gurus ist das schwer zu sagen. Fest steht derzeit vermutlich nur eines: Wer mehrere Antworten gleichzeitig für richtig hält, irrt in den meisten Fällen.

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Unterdessen besitzt heutzutage selbst eine normale Mittelklasse-Limousine mehr Rechnerkapazitäten als die Apollo-13-Mission zum Mond. Wer früher zu einer langen Reise im Automobil aufbrach, dachte vielleicht noch: „Hoffentlich hält der Motor“. Heute ist oft die Elektronik der Engpass. Insofern nimmt es kein Wunder, wenn technische Komplexität und ein unsicheres Umfeld die Designergilde auf den Plan ruft. Im Hinblick auf die Fahrzeugoptik, begegnen uns in Frankfurt nicht etwa futuristisch gestylte Autos von einem anderen Stern, sondern subtile Zitate von Schlichtheit und Tradition.

IAA-Trends 2011: Tradition und "Simplicity"

Die Blaupause der Branche trägt den Codenamen „Simplicity“. Das Kalkül ist bezeichnend simpel: Einfachheit schafft Vertrauen. Beherrschbarkeit. Und damit letztlich Überlegenheit. Denn wenn die Elektronik in einem 500-PS-Boliden versagt und zum plötzlich Stillstand verdammt, ist man in einem 50-PS-Vehikel plötzlich vergleichsweise schnell unterwegs. Geschwindigkeit ist eben relativ. Der VW Up setzt als neuer kleiner Massenbeweger voll auf diesen Druckpunkt. Doch auch im Premium-Segment haben wir den Trend ausgemacht. Bei Rolls-Royce beispielsweise zählt „Simplicity“ mittlerweile zum Markenkern. Bitte nicht falsch verstehen: Hier geht es um Klarheit und Befreiung von Überflüssigem auf höchstem Niveau. In einer Zeit, in der alles machbar scheint, liegt die Kunst im Weglassen. Bei Jaguar nennt sich das Konzept „Purity“ und meint kaum etwas anderes. Porsche setzt beim neuen 911er zwar auf technische Revolution. Optisch jedoch ist das alles ausnehmend evolutionär verpackt - bloß nicht die eingeschworene Gemeinde verschrecken.

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Der zweite Trend liegt in der Tradition. Genauer: der Tradition einer Marke und dem jeweiligen Modell. Ganz vorne fährt in Frankfurt hier Land Rover mit dem Defender, dessen Wachablösung sich nun unvermeidlich ankündigt. Die Tradition steht am Anfang. Sie hält für alles her. Sie rechtfertigt, sie erklärt und weist den Weg. Und sie schafft neue Begehrlichkeiten. BMW legitimiert die Sportlichkeit mit klassischen M-Fahrzeugen, die in Frankfurt in trauter Eintracht neben den Weltpremieren und Innovativ-Konzepten parken. Auch bei Fiat hat ein alter Panda zurück auf den Messestand gefunden. Jene geniale wie einfache Blechkiste, die beim Hillclimb in St. Moritz vor Motorkraft strotzende, aber im Tiefschnee vor hochskalierter Elektronik sich selbst ausbremsende SUVs auszustechen vermag. Es ist nicht etwa so, dass uns dies überrascht. Wir von Classic Driver ahnten das schon längst. Und wir mögen das. Wir finden das gut. Einfach gut.

Text: Mathias Paulokat
Fotos: Nanette Schärf