Goodwood Revival Meeting 2008

Best of Goodwood: Rund 150.000 Besucher folgten vom 19. bis zum 21. September 2008 der Order des Earl of March und strömten aus aller Welt an die Südküste Englands. Stilecht gekleidet strandeten sie im Kollektiv auf den Latifundien an dessen privater Rennstrecke. Hier zündete die motorisierte Party des Jahres: das zehnte Revival Meeting und der 60. Geburtstag des Race-Circuits markierten hochoktane Extravaganz in jeder Hinsicht. Zu Land und in der Luft: Gasoline Dreams. Ein Erlebnisbericht.

Entscheidungsqualen im September: Italien oder England? Sicher, ich hätte auch über die Alpen fahren können - mit meinen Kollegen zum Gran Premio Nuvolari. Deren gesammelte Eindrücke sprechen schließlich für sich und für dieses faszinierende Event. Doch der weiße Lamborghini bietet bekanntlich nur zwei Sitzplätze und außerdem darf ein automobiles Jahr nicht wirklich ohne mindestens einen Goodwood-Besuch vorüber gehen. Schon das Festival of Speed 2008 stand in unlösbaren Konflikt mit meinen Filofax-Vorgaben. Und jetzt noch das Revival Meeting zu Gunsten einer lieblichen Italien-Tour aufgeben? Kommt nicht in Frage!

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Also, Film ab für das Kontrastprogramm: Rasch die Huntsman-Jacke gegriffen, einen lässigen Four-in-Hand Knoten in die Krawatte mit dem Fasanenmuster gezogen, Trilby-Hut auf den Kopf und ab dafür: Lufthansa statt Lamborghini. Rüber nach Heathrow und mit dem Southbound-Zug nach Chichester an die Südküste Englands. Hier darf ich sogleich feststellen: hoppla, ich bin nicht alleine! Mindestens 149.999 weitere Enthusiasten, Passionists und Maniacs sind hierher gepilgert, um das zu erleben, was alle lieben: „A magical step back in time!“

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Eine Reise mit der Zeitmaschine. Darum geht es. Sichtbar, hörbar, spürbar. In Goodwood herrscht einmal mehr Ausnahmezustand. Doch so groß wie bei diesem Revival Meeting schien mir der Andrang noch nie. Kein Wunder: Die Dover-Küste scheint sich das grandiose Wetter direkt von der Cote d‘Azure geborgt zu haben. Drei Tage lang Sonnenschein vom ersten Morgenlicht bis zur späten Dämmerung. Ganz im Gegensatz zum Festival of Speed im letzten Jahr, das einer Wasserschlacht mit nur wenigen sonnigen Lichtblicken glich.

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Und dann der denkwürdige Anlass: es ist das zehnte Revival Meeting und das 60. Jubiläumsjahr der Goodwood-Rennstrecke. Dazu ein Programm, eng getaktet mit authentischem, packendem Renngeschehen. Plus die einzigartige Atmosphäre. Und die begeisterten Menschen - die Fahrer, die Teams, die Fans. Und natürlich die Fahrzeuge, eingebettet in einem einzigartigen Rahmenprogramm in einer einmaligen Location. Das ist Goodwood – das ist der „British way of Life & Drive!

Das faszinierende am Revival Meeting: Jeder Besucher ist Protagonist. Diese Tatsache ergibt sich schon aus dem Kleiderkodex. Jeder Gast ist gehalten, im Stil der 40er, 50er oder 60er Jahre aufzulaufen. Das ist sehenswert, denn nahezu alle Ladies und Gentlemen halten sich daran. In gewissen Bereichen, wie den Paddocks und Fahrerlagern, ist der Zutritt nur mit Jackett und Krawatte oder aber im ölverschmierten Mechanikeroverall gestattet. Gut so – denn das garantiert eine perfekte Bilderwelt. Die Illusion der glorreichen Rennepochen gelingt. Die Goodwood Zeitmaschine, sie funktioniert.

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Wer sich jetzt kurz der Fakten vergewissern will – bitteschön: Mein britischer Kollege Steve Wakefield hat auf der Classic Driver UK Seite die wichtigsten Ergebnisse des diesjährigen Revivals zusammen getragen – schwelgen wir hier weiter im oppulenten Goodwood Geschehen längsseits der Rennstrecke.

Auf Lord March treffe ich in der „Assembly Area“. Entspannt kommt er nebst persönlichem Sekretär die Pitlane herunter geschlendert. Gegenüber dem Grandstand bereiten sich die Fahrer und Teams auf den Start des nächsten Rennens vor. March ermuntert die Teams und wünscht „good luck“ für das Rennen. Eine gute Sitte: Sein Großvater hatte schließlich im Jahr 1948 den Circuit direkt vor der Haustür angelegt. Goodwood schmückte in jenen Tagen der leidenschaftliche Titel „Heart of the British Motorsport“. Mit den „Silverstones“ begegnete man sich auf Aufgenhöhe.

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Zumindest solange bis Rennfahrzeuge einfach zu schnell für den 2,4 Meilen langen Rundkurs des Earls wurden. Das letzte offizielle Rennen fand in Goodood im Jahr 1966 statt. Das ließ den jungen March nicht ruhen. In liebevoller Detailarbeit restaurierte er diesen historischen Teil seines immensen Anwesens. 1998 schließlich war es soweit. „Glorious Goodwood“ eröffnete die Haupttore und das erste Revival erlebte einen fulminanten Start.

Und die Idee zündet bis heute jedes Jahr aufs Neue. Fahrer wie Sir Stirling Moss, Derek Bell, Rauno Aaltonen, Richard Attwood, Brian Redman und Jochen Mass starten 2008 in Goodwood. In zwölf Klassen donnern sie und ambitionierte Privatfahrer, wie Nick Mason oder Rowan Atkinson, besser bekannt als „Mr. Bean“, durch das Goodwood Rondell. Kämpfen um Titel wie den Barry Sheene Memorial Cup, in der Sussex und St. Mary‘s Trophy, in der Glover Trophy und natürlich in der Royal Automobile Club TT Celebration. Und das mit harten Bandagen. Jacky Ickx wacht als Honorary Advisor to Clerk of the Course quasi als Ehren-Patron über das Renngeschen. Marc Surer geht für BMW an den Start. Der 502 V8 fällt nach den Trainingsläufen jedoch für die weiteren Rennen aus.

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Das bringt uns zu den Fahrzeugen. Bei einem echten Goodwood Event erwartet man zurecht die absolute Creme automobiler Klassiker. Ein Streifzug durch die Paddocks und entlang der Strecke erfüllt selbst höchste Ansprüche: Ferrari 250 GT Berlinetta SWB duellieren sich mit AC Cobra. Extrem schnelle Ferrari 250 GTO und Jaguar E-Type Lightwight fahren in 2008 auf Sieg und auf die Plätze. Ebenfalls stark: seltene Lister Jaguar und die Race Aston Martin Gilde.

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Claudia Hürtgen und Max Werner starten mit einem fantastischen „Brotwagen“, dem Ferrari 250 Breadvan in der GT-Klasse. Leider fällt das Fahrzeug aufgrund eines Kupplungsdefektes im RAC Rennen aus. Erfolgreicher verläuft das Debut eines ganz anderen Privatfahrers. Stewart Imber geht mit dem einzigen Mercedes, einem 220 S Ponton, an den Start und brachte das Fahrzeug heil durch alle Läufe. „Mehr wollte ich bei meinem Debüt gar nicht erreichen“, sagt mir Stewart erleichtert nach dem Rennen. Sein Benz war erst kurz vor dem Revival Start fertig geworden. Anders ergeht es beispielsweise Jochen Mass. Er überschlägt sich in einem Lancia-Ferrari D50A von Sir Anthony Bamford. John Fitzpatrick fliegt wenig später mit einem Austin Westminster spektakulär in der Schikane ab. Beide Fahrer bleiben glücklicherweise unverletzt.

Das wirft die Frage auf: Wie fährt sich eigentlich dieser Race-Circuit? Rasant und bei beinharter Speedhatz nicht ganz einfach! In einem Jaguar XK 150 habe ich selbst Gelegenheit, die Hausstrecke des Earl of March gemeinsam mit einem der Race-Directors unter die Reifen zu nehmen. Und so geht es rund: Von der Startlinie mit scharfem Antritt in Madgwick‘s Corner. Ein kurzes gerades Zwischenstück ermöglicht maximales Herausbeschleunigungen. Die folgende recht seichte Fordwater Kurve signalisiert: hier geht noch was. Doch spätestens in St. Mary‘s Corner heißt es runter vom Gas und die Ideallinie für die scharfe Rechtskurve, Lavant‘s Corner, suchen. Wen es hier nicht ins Kiesbett treibt, der kann auf der Lavant Straight den Top-Speed provozieren. Aber nur, wenn er in der legendären Woodcote Kurve den richtigen Bremspunkt findet und sauber in die Schikane zur Start-Ziel Geraden einfädelt. Das gelingt nicht allen.

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Erfreulich hingegen: Classic Driver UK Korrespondent und Rennfahrer Tony Dron hat das Privileg, beim Revival Meeting 2008 gleich viermal an den Start gehen zu dürfen - ganz ohne Blechverformung. Unter anderem startet Tony Dron mit einem Aston Martin DBR1. Im wichtigsten Rennen des Revivals, der RAC TT Celebration, lässt man ihn ans Steuer von „1 VEV“. Kenner wissen, zu welchem Fahrzeug dieses Nummernschild gehört – zu einem der überaus raren und betörend schönen Aston Martin DB4GT Zagatos. Tony‘s Renneindrücke aus erster Hand kann ich Ihnen als weitergehende Lektüre nur empfehlen.

Doch bevor Sie Standpunkt und Blickrichtung ändern, sollten Sie in unserer Bildergalerie stöbern. Nur das infernalische Heulen der Rennmotoren, das Wummern der Mustang, Spitfire und Lancaster Maschinen und den Gesang von Großbritanniens zweiter Nationalhymne, Parrys „Jerusalem“, finden Sie hier nicht. Das muss man einfach live erleben. In 2009 dann wieder. Entscheiden Sie. Motto: „Doing fine & going Goodwood!“ Wir sehen uns.

Driving Goodwood! Sie wollen selbst ans Steuer? Dann prüfen Sie jetzt den Classic Driver Automarkt auf geeignete Rennfahrzeuge. In unserer Rubrik „Rennwagen“ bieten unsere Classic Driver Händler zahlreiche passende Fahrzeuge von A wie Abarth bis Z wie Zagato in verschiedenen Leistungs- und Preisklassen an. Um die Einladung von Lord March müssten Sie sich allerdings selbst kümmern.

Text, Fotos & Produktion: Mathias Paulokat


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