Thonet: Das Geheimnis des guten Stuhls

Mit seinen Bugholzmöbeln revolutionierte Michael Thonet im 19. Jahrhundert das Industriedesign. Der „Wiener Kaffeehausstuhl“ gilt seitdem als Archetyp der modernen Sitzgelegenheit. Die Klassiker werden bei Thonet bis heute produziert – neben jungen Entwürfen von Alfredo Häberli und Stefan Diez.

Auf der Mailänder Möbelmesse präsentiert sich Thonet in der vergangenen Woche mit der aktuellen Kollektion: Das spanische Designtrio Lievore Altherr Molina hat für die Möbelmarke aus dem hessischen Frankenberg ein junges und leicht wirkendes Stuhl- und Tischprogramm entworfen. Auch die modernen Buchenholzstühle aus der Serie 404 von Stefan Diez sind auf dem schwarz eingefärbten Stand zu sehen – mit seinen verknotet wirkenden Beinen und der konkaven Sitzfläche ist der Stuhl eines der zeitgenössischen Highlights im Thonet-Katalog. Dabei hat sich der Münchener Designer Diez für seinen Entwurf vor allem von Michel Thonets revolutionärem Ur-Modell Nr. 14 aus dem Jahr 1859 leiten lassen: Der schlichte, als „Kaffeehausstuhl“ in die Geschichte eingegangene Bugholzstuhl gilt als frühe Design-Ikone und Meilenstein der industriellen Möbelfertigung. Ohne sein Vorbild wären auch viele andere der Mailänder Möbelneuheiten nie denkbar gewesen.

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Die Geschichte des Tischlermeisters Michael Thonet und seiner berühmten Stühle war exemplarisch für den Übergang vom Handwerk zur Industrieproduktion, wie er sich im 19. Jahrhundert in zahlreichen Schaffensbereichen vollzog. Bereits in den 1820er Jahren experimentierte Thonet in seiner Werkstatt in Boppard am Rhein mit einer neuen Holzbiegetechnik – doch erst vier Jahrzehnte später gelang ihm in Wien der Durchbruch: Bei der Fertigung des Konsumstuhls Nr. 14 kam 1859 nicht nur die neuartige Technik des Biegens von massivem Buchenholz zum Einsatz. Erstmals wurde ein Stuhl auch arbeitsteilig und standardisiert produziert, was den Preis deutlich reduzierte. Zudem konnte man den Stuhl schnell und platzsparend in seine sechs Holzteile, sechs Schrauben und sechs Muttern zerlegen, was den Versand deutlich vereinfachte. Und – vielleicht das Wichtigste – er war bequem! Seit damals hat sich das Erfolgsmodell Nr. 14 weltweit rund 60 Millionen Mal verkauft – unter anderem an Pablo Picasso, Lenin und das Weiße Haus in Washington. Heute ist der Stuhl aller Stühle unter der Nummer 214 in verschiedensten Variationen erhältlich. Sogar die japanische Minimal-Möbelkette Muji hatte den Kaffeehaus-Stuhl bereits in einer vereinfachten Version ins Programm aufgenommen.

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Gefertigt werden die Klassiker jedoch weiterhin im hessischen Frankenberg, wo Thonet seit dem Zweiten Weltkrieg seinen Hauptsitz hat. Claus M. Thonet, ältester von drei Brüdern, der das Familiengeschäft bis 2008 leitete und heute im Beirat sitzt, und sein Sohn Percy führen uns durch die Fertigungshallen. Das Biegen des Holzes funktioniert auch heute noch so, wie es Michael Thonet einst erfunden hat: Erst wird das Buchenholz mit Wasserdampf über Stunden „gefügig“ gemacht, dann muss es innerhalb weniger Minuten in Form gebracht werden, um nicht zu brechen. Eine Aufgabe, die von den Arbeitern Erfahrung und Kraft, aber auch Fingerspitzengefühl verlangt. Die Mischung aus traditionellem Handwerk und moderner Fertigungstechnik, wie man sie einige Schritte weiter findet, ist verblüffend – und in dieser Form wahrscheinlich nur bei einem Familienunternehmen möglich, das Tradition und Qualitätsanspruch über schnelle Profite stellt.

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In einer Welt der Markengruppen und Investment-Gesellschaften kann der persönliche Einfluss einer Unternehmerfamilie eben auch ein Gütesiegel sein: Die Nachhaltigkeit des Designs, das nicht auf schnelle Moden und Effekte zielt, die Langlebigkeit der Modelle und das Festhalten am traditionellen Firmensitz stehen für eine verantwortungsvolle Markenphilosophie, wie man sie heute nur noch selten findet. Doch das Bedürfnis der Kunden nach „guten“ Produkten wächst – und Thonet hat neben dem Bugholz noch einen weiteren Jahrhundert-Klassiker im Programm: In den 1930er Jahren wurde Thonet zum größten Produzenten von Stahlrohrmöbeln im Aufbruchsgeist der von Bauhaus und Deutschem Werkbund proklamierten „Neuen Sachlichkeit“. Große Architekten wie Ludwig Mies van der Rohe, Le Corbusier, Marcel Breuer ließen ihre Entwürfe bei Thonet produzieren. Die größte Design-Innovation der Zeit war jedoch der „Freischwinger“ von Mart Stamm: Aus kalt gebogenem Stahlrohr hatte der Bauhaus-Lehrer einen hinterbeinlosen Kragstuhl entworfen, auf dem sich seit 1932 zahlreiche Politiker- und Unternehmer-Generationen durch ihre Konferenzen gewippt haben. Stamms Stuhlmodell S 33, Breuers S 32 und S64 sowie der S 533 von Mies van der Rohe gehören seitdem zu den Greatest Hits von Thonet – auch sie werden nach klassischem Bauplan in Frankenberg gefertigt.

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Den Designikonen verdankt Thonet seinen großen Namen. Doch um auf dem globalisierten Markt mitspielen zu können, muss auch eine Traditionsfirma wie Thonet die Bedürfnisse der Zeit befriedigen. Seit der Nachkriegszeit hat sich die Familie immer wieder bekannte Architekten und Designer an Bord geholt, um im puristischen Geist der Marke neue Modelle zu schaffen. Mid-Century-Legenden wie Egon Eiermann und Verner Panton haben einst ihren Teil zum großen Katalog beigetragen, in den letzten Jahrzehnten waren es Star-Kreative wie Lord Norman Foster, James Irvine, Alfredo Häberli, Naoto Fukasawa und Stefan Diez, die Thonets zeitlose Formensprache neu interpretiert haben. Doch so avantgardistisch die Entwürfe auch waren - die Reduzierung auf das Notwendigste und der Anspruch an die Materialqualität sind auch knapp 300 Jahre nach Gründung des Unternehmens durch Michael Thonet die gleichen geblieben. Wer sich im Showroom in Frankenberg umsieht, erkennt den roten Faden, der sich durch die Modelle zieht, sofort.

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Und natürlich werden bei Thonet nicht nur wunderbare Stühle gefertigt, sondern ganze Möbelserien – und zwar sowohl für den privaten Wohnraum, als auch für öffentliche Objekte. So findet man die Thonet-Plakette unter den Tischplatten und Sitzflächen im Deutschen Bundestag genauso wie im Musée d’Orsay in Paris, der University of London oder der Schweizer Börse. Die großen Klassiker wie der Stuhl Nr. 14 oder der „Freischwinger“ finden sich derweil auch in den wichtigsten Designsammlungen – weder im MoMA in New York, noch in der Pinakothek der Moderne in München dürfen diese Meilensteine der Möbelgeschichte fehlen. Das schönste Kompliment für Thonet sind aber sicherlich die unzähligen Stühle und Möbel auf der ganzen Welt, die seit Generationen genutzt, weitervererbt und gesammelt werden. Und sollte ein Klassiker doch einmal restauriert werden müssen, wird das in Frankenberg ebenfalls gerne übernommen. Eine über Jahrzehnte „ersessene“ Patina und die damit verbundene, individuelle Geschichte sollte man jedoch nicht leichtfertig ersetzen – ein Thonet altert schließlich in Würde mit seinen Besitzern. Und diese sind hier durchaus wörtlich zu verstehen.

Text & Fotos: Jan Baedeker