Design Masters: Jean Prouvé

Mit leichten Industriemöbeln und einer mobilen „Nomadenarchitektur“ revolutionierte Jean Prouvé in den 1920er bis 1950er Jahren die Designwelt. Heute sind seine puristischen Entwürfe bei Sammlern aus aller Welt begehrt. Ein Porträt.

Er gilt als einer der einflussreichsten Designer und Architekten des 20. Jahrhunderts – und hat doch nie Architektur studiert.

Er gilt als einer der einflussreichsten Designer und Architekten des 20. Jahrhunderts – und hat doch nie Architektur studiert. Geboren 1901 als Sohn eines Bildhauers und einer Pianistin, erlernt Jean Prouvé zunächst den Beruf des Kunstschmieds und die Möglichkeiten der Metallverarbeitung. Das Wissen wird sein gesamtes Werk entscheidend prägen. Doch Prouvé ist ein leidenschaftlicher Modernist, die dekorative Verspieltheit des Jugendstil ist ihm zuwider. So experimentiert er in seinem Atelier in Nancy bald mit Stahl und Aluminium, 1926 besitzt er das erste elektrische Schweißgerät der Stadt. Während sich die Gestalter am Bauhaus für Stahlrohre begeistern, setzte Prouvé auf faltbare, flächige Stahlbleche. Und seine Arbeit findet Beachtung – bald fertigt er nicht nur leichte Möbel, sondern auch Gebäudeelemente für Avantgarde-Architekten wie Le Corbusier und Charlotte Perriand.

Der Archetyp des Konstrukteurs

Als Autodidakt und Selfmade-Ingenieur arbeitet Jean Prouvé ohne Unterlass an neuen Fertigungsmethoden. Le Corbusier nennt ihn den „Archetyp des Konstrukteurs“. Seine metallenen Möbel und Fassadenteile sind technische Objekte, für die maschinelle Produktion bis ins Details perfektioniert, die Konstruktion ist ihr zentrales Gestaltungselement. Prouvé stattet Schulen, Krankenhäuser und Geschäftsgebäude aus, er produziert Stühle, Sessel, Tische, Regale und Schränke – und blickt doch mit Faszination und Neid auf die wachsende Automobil- und Flugzeugindustrie und ihre immer schneller laufenden Maschinen. Auch das Bauen, so träumt er, könnte nach diesen Prinzipien industrialisiert werden. „Es macht keinen Unterschied, ob man ein Möbelstück baut oder ein Haus,“ sagt Prouvé.

Der Traum vom Fertighaus

Ende des Zweiten Weltkriegs ist aus dem Atelier eine Fabrik geworden. Als Antwort auf die Wohnungsnot der Zeit entwirft Prouvé mit seinem Team faszinierend funktionale Prototypen für einfach zu errichtende Fertighäuser, die von zwei oder drei Personen an einem einzigen Tag errichtet werden können. Die Schweißtechniken und superdünnen Stahlbleche der Automobilindustrie erlauben es Prouvé, neue Formen zu realisieren. Und er ist einer der ersten nachhaltigen Architekten: Seine Gebäude sollen „keinen Fußabdruck in der Landschaft hinterlassen“ und so schnell zu entfernen wie aufzubauen sein. Aluminium-Sandwichpanele mit Bullaugen sind sein Markenzeichen, kommen beim Prototypen eines Tropenhauses zum Einsatz sowie im Meridiansaal für das Pariser Observatorium – eines seiner Meisterwerke.

Wohnen wie auf dem Schiff

Doch keiner der Fertigbau-Prototypen geht in Produktion – vielen Franzosen sind die Häuser zu spartanisch, zu einfach und zu modern. Stattdessen wachsen überall die Hochhäuser in den Himmel. 1952 investiert ein Aluminiumproduzent in die Fabrik – und drängte Prouvé nur zwei Jahre später aus der Firma. Er macht sich selbstständig als beratender Ingenieur und verfolgt seine eigenen Projekte, lässt in Nancy aus „Restposten“ ein modulares Wohnhaus für seine Familie entstehen. Die Bauweise erinnert an Eisenbahnwaggons oder Schiffskabinen – und ist in ihrer spartanischen Funktionalität doch verblüffend.

Eine fast vergessene Legende

Jean Prouvé unterrichtete am Conservatoire des Arts et Métiers, beeinflusste Generationen von Architekten – und blieb doch bescheiden: „Ich war ein Arbeiter, der seine Arbeit tat“, sagte er über sich selbst. Nachdem Prouvé in den 1980er und 1990er Jahren in Vergessenheit geriet, ist sein Werk heute wieder äußerst präsent. Seine Stühle und Tische, für die man einst kaum ein paar Hundert Francs bekam, werden heute für sechsstellige Summen gehandelt. Sammler wie Patrick Segiun kombinieren seine Möbel gekonnt mit Kunstwerken von Alexander Calder, Andy Warhol oder Richard Prince. Designklassiker wie der Standard-Stuhl finden sich im MoMA in New York und im Pariser Centre Pompidou. Auch die architektonischen Prototypen, einst von Frankreich verschmäht, sind mittlerweile heiß begehrt und werden für Millionensummen gehandelt. Und seit 2002 hat Vitra ausgesuchte Prouvé-Möbel neu aufgelegt – mit großem Erfolg.

Echte „Prouvés“ unter'm Hammer

Das Auktionshaus Phillips hat immer wieder Originale von Jean Prouvé angeboten und für beachtliche Summen versteigert. Auch bei der Phillips Design-Auktion am 11. Juni in New York kommen einige echte „Prouvés“ zum Aufruf – etwa eine Liege aus einem Gymnasium in Metz für 30.000 bis 40.000 Dollar und sechs blaue „Semi-Metal“ Stühle sowie ein „Compas“-Tisch aus der Electricité de France (der auf dem selben Konzept basiert wie der tragende Rahmen der Häuser, die Prouvé nach dem Krieg fertigte) für geschätzte 140.000 bis 200.000 Dollar. Dass seine kostengünstigen Industriemöbel einmal in den Wohnzimmern der Eliten stehen würden, damit hätte wohl am allerwenigsten Jean Prouvé selbst gerechnet. 

Fotos: Phillips, Galerie Patrick Seguin, Vitra

Dieser Artikel ist Teil der Serie Design Masters und wird vom Auktionshaus Phillips präsentiert.