Design Analysis: Genfer Salon 2009

Wie steht es um die Zukunft der Autoindustrie eigentlich aus ästhetischer Perspektive? Chris Hrabalek, Automobildesigner und Mitbegründer der Marke Fenomenon, hat sich für Classic Driver auf dem Genfer Salon umgesehen – und ist zu recht eindeutigen Ergebnissen gekommen.

Der Genfer Salon hat in diesem Jahr keine Sekunde zu früh begonnen. Jede Veranstaltung, die auf dem Tiefpunkt einer globalen Depression für Endorphinausschüttung und positive (oder vielleicht auch nur naive) Gedanken sorgt, hat meine vollste Unterstützung. Und während in Detroit noch schwere Katerstimmung herrschte, wurde das Publikum in Genf – um bei diesem Bild zu bleiben – zu den besten Momenten der Party am Vorabend zurück teleportiert.

So scheint es jedenfalls, wenn man einen Blick auf die Liste der Weltpremieren wirft: Ferrari 599XX, Frazer-Nash Namir Concept by Giugiaro, Infiniti Essence Concept, Koenigsegg Quant Concept, Lamborghini Murciélago LP670-4 SV, Maserati GranTurismo S Automatic, Mercedes-Benz McLaren SLR Stirling Moss, Pagani Zonda R, Porsche 997 RS Evo, Rolls-Royce 200EX, Spyker C8 Aileron, Zagato Perana Z-One… Rezession? Welche Rezession?? Doch beginnen wir mit dem Automobildesigner-Witz des Jahres, dem Koenigsegg Quant Concept. Was genau sich Christian von Koenigsegg nur dabei gedacht hat, als er der Erschaffung dieser Monströsität zustimmte, geht über meine Phantasie hinaus.

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Natürlich steht hinter der Studie eine ökologische Weltrettungsphilosophie, doch selbst wenn man die grässliche Formensprache und die völlige Abwesenheit jeglicher Stilsicherheit ausblendet, bleibt man doch mit einem Designmodell konfrontiert, dass in seiner Oberflächen- und Verarbeitungsqualität nicht mal in der anspruchslosesten aller Designschulen angenommen würde. Ich denke, die Konzeptstudie ist ausschließlich an CAD-Monitoren entstanden – ein perfektes Beispiel dafür, wie unterschiedlich Proportionen, Volumen und Linien in der Realität ausfallen. Manche Dinge kann man eben einfach nur in der realen Welt beurteilen.

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Um zu beweisen, dass auch die großen Hersteller durchaus Sinn für Humor haben können, musste man nur bis zum zweiten Pressetag durchhalten. Man müsste ein ganzes Buch, ja eine ganze Reihe von Büchern schreiben, um zu beschreiben, was bei der Entwicklung des Lagonda Concept durch Aston Martin schief gelaufen ist. Während es eine geniale Idee zu sein scheint, die schlafende Marke Lagonda zu ihrem 100. Geburtstag zu erwecken und gegen die BMW X6 und Range Rover Sports dieser Welt zu positionieren, ist die Umsetzung für mich nicht nachvollziehbar. Warum so provokativ? Warum so überkandidelt? Ich weiß es nicht. Wie jeder der verbliebenen Investment-Banker bestätigen wird, suchen Menschen in Zeiten globaler Krisen nach Sicherheit, Komfort, Gewissheit – und keine „Alles-oder-Nichts“-Investitionen. Das gleiche gilt für das Automobildesign.

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Der „Baby“-Rolls-Royce 200 EX viel entgegen vieler Erwartungen nicht viel kleiner aus als der Phantom, wurde unter Design-Experten jedoch schnell zum inoffiziellen „Best of Show“ gekürt. Nichtsdestotrotz verleihen ihm Details wie etwa die großen Phantom-Rückspiegel einen etwas unproportionalen „Dumbo“-Look. Dennoch trieft der Wagen vor Präsenz und wird – ganz im Gegensatz zum Koenigsegg – die Auftragsbücher schneller füllen als die britische Regierung neue Geldscheine drucken kann. Angesichts der A-List-Brüder aus der Phantom-Serie, die dem „Baby“-Rolls auf dem Genfer Stand Rückendeckung gaben, muss man sich allerdings fragen, warum jemand einen neuen 200EX einem gebrauchten Phantom vorziehen sollte. Verstehen Sie mich nicht falsch: Der 200EX ist sicher eine smarte Option für gesundschrumpfende Oligarchen – doch nur, bis an der Ampel ein Phantom gleichzieht. Es ist ein wenig so, als würde man zu einem Business Lunch eine Rolex Day-Date aus Platin tragen, nur um festzustellen, dass auch das Gegenüber diese Uhr gewählt hat – allerdings an beiden Handgelenken.

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Als Indikator dafür, wie verschoben die Realität mittlerweile ist, diente schließlich der Mercedes-Stand einige Schritte weiter. Während das Design der neuen E-Klasse nicht mal eines vollständigen Satzes würdig ist, gab es auch eine sehr lustige Überraschung: Der Mercedes-Benz McLaren SLR Stirling Moss wirkt auf den ersten Blick wie ein Renault Sport Spider auf einem Tour de France-Steriod-Cocktail. Der Wagen hat sich keine Socke in die Unterwäsche gestopft: Er trägt dort einen ganzen Kleiderschrank. Mercedes McLaren glaubt ganz offensichtlich daran, das Beste bis zum Schluss aufzusparen. Dieses Auto ist das Equivalent einer Musical-Version von „Alien vs. Predator II“ für den Broadway. Gnadenloser kann man ein Konzept nicht zu Ende bringen.

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Das unangefochtene Highlight des Genfer Salons ist ohne Zweifel kein ganzes Auto, sondern vielmehr sein provisorischer Unterbau: Der limitierte Aston-Martin One-77. Während ich dem Konzept bis vor kurzem noch äußerst kritisch gegenüber stand und eher eine verkleidete Zuhälter-Version des DB9 erwartet hätte, muss ich meine Meinung nun radikal korrigieren. Das Chassis, das auf dem Stand von Aston zu sehen war, ist Ingenieurs-Pornographie vom Allerfeinsten. Ich kann mir nur zwei Beispiele vorstellen, bei denen der Blick in die mechanische Unterwäsche einen ähnlich anregenden Effekt hätte: Das eine ist das Aluminiumgerippe einer Lotus Elise, das andere die Carbonfaser-Struktur eines Porsche Carrera GT. Der letztere löst bei mir noch heute den Tagtraum aus, ihn ohne Karosserie zu besitzen und zu fahren. So fasst das Chassis des One-77 die Show wohl am besten zusammen: Erwarte das Unerwartete und bleibe authentisch – bis zum Kern.

Chris Hrabalek wurde 1977 in Wien geboren und ist heute als Automobildesigner und strategischer Berater für verschiedene europäische Hersteller tätig. Internationales Aufsehen erregte Hrabalek auf dem Genfer Salon 2005 mit einer Neuinterpretation des Lancia Stratos, die er als Mitbegründer des Designstudios Fenomenon initiiert und gestaltet hatte.

Text: Chris Hrabalek
Fotos: Classic Driver



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