Carlo Mollino - Ein rastloses Genie auf der Überholspur

Möbeldesigner, Architekt, Fotograf, Autor, Skirennfahrer, Stunt-Pilot, Sportwagenkonstrukteur – Carlo Mollino war ein Jahrhunderttalent, der die unterschiedlichsten Gebiete grandios meisterte. Autor Simon de Burton blickt zurück auf seine unglaubliche Lebensgeschichte.

Als jemand, der die meisten Tage damit verbringt, wenigstens nur eine Sache zu meistern, ist das Leben eines wahren Universalgenies für mich fast unvorstellbar. Wie verfügt jemand über die geistige Beweglichkeit, nicht nur auf einem Gebiet Hervorragendes zu leisten, sondern gleich mehrere Bereiche mit Bravour zu meistern? Ein solcher Alleskönner war der italienische Designer Carlo Mollino. Heute ist er vor allem als Schöpfer bemerkenswerter Sammlermöbel berühmt, wie im Fall eines Tisches aus Eiche und Glas von 1949, der im Jahr 2005 bei Christie's für die Rekordsumme von 3,8 Millionen US-Dollar unter den Hammer kam. Doch damit nicht genug.

Mit Talenten gesegnet

Der 1973 noch relativ jung mit 68 Jahren verstorbene Carlo Mollino war nicht nur ein genialer Möbeldesigner, er war zugleich auch ein außerordentlicher Architekt, Fotograf, Skifahrer, Autor, Kunstflugpilot und Gestalter von Rennwagen. Sein bemerkenswertester Beitrag zum Motorsport war vielleicht der Le Mans-Rennwagen „Bisiluro Damonlar”, den er 1955 zusammen mit Mario Damonte und Enrico Nardi entwarf. Das Fahrzeug, das aus zwei torpedoförmigen Gehäusen jeweils für Antrieb und Fahrer aufgebaut war, kann heute im Mailänder Leonard da Vinci-Museum für Wissenschaft und Technologie bewundert werden. Bei RM Sothebys „Driven by Disruption”-Auktion am 10. Dezember 2015 in New York kommt zudem Mollinos futuristische, aber leider unrealisierte Vision eines Geschwindigkeitsrekordwagens zum Aufruf. Das maßstabgetreue Stola-Modell basiert auf einer der vielen Autoskizzen des Designers und wird auf 150.000 bis 200.000 US-Dollar geschätzt.

Den Flügel neu denken

In seiner typischen Art des Querdenkens hatte Carlo Mollino sich überlegt, dass so, wie die Flügel eines Flugzeuges gezeichnet sind, um es in der Luft zu halten, ein Hochgeschwindigkeits-Fahrzeug in Form eines umgedrehten Flügels davor geschützt sein müsste, versehentlich „abzuheben”. Die Firma Stola, die seit 1919 automobile Prototypen fertigt, schuf auf Basis der Entwürfe ein über fünf Meter langes, etwas über 1.000 Kilogramm schweres Modell für eine Mollino-Retrospektive, die 2006 im Turiner Museo Casa Mollino stattfand. Dieses Gebäude ist übrigens eines der letzten bedeutenden Projekte Mollinos und entstand beinahe unbemerkt in einer sehr langen Bauzeit von 1960 bis 1968. Heute ist es ein Denkmal, das Mollinos Genie verkörpert und Besuchern einige der wichtigsten Arbeiten des großen Schöpfers präsentiert.

Architekt bis über den Tod hinaus

Napoleone Ferrari, der die Leitung des Museo im Jahr 1999 übernahm und es jetzt mit seinem Vater Fulvio führt, erzählt, dass Mollino-Experten immer wieder verblüfft sind, wie viel Zeit der normalerweise sehr schnell arbeitende Designer mit diesem Haus verbracht hatte und weshalb er das Projekt auch so verschwiegen behandelte. „Mollino sprach nie über dieses Haus. Man konnte auch nicht nachvollziehen, weshalb alles so geheim war. Aber dann hat ein renommierter Ägyptologe ein bestimmtes Symbol entdeckt, das darauf hindeutete, dass dieses Gebäude für ein Leben nach dem Tode geschaffen werden sollte. Es war Carlo Mollinos Ziel, dieses Bauwerk als abschließende Aussage über das Leben zu entwerfen.”

Fotos: Museo Casa Mollino/Pilippe Chancel