Als Rennfahrer Rockstars waren - Richard Kelleys einzigartige Grand Prix-Fotografie

Richard Kelleys einzigartiger Foto-Stil mag heute normal wirken, doch im Goldenen Zeitalter der Grand Prix-Rennen war seine Art, die Formel-1-Stars abzulichten, komplett neu. Wir freuen uns sehr, Kellyes seltene Bilder im Classic Driver Shop begrüßen zu können.

Der Amerikaner Richard Kelley wollte Formel-1-Helden fotografieren,  als wären sie Filmstars. „Ich bin in einer kinobegeisterten Familie aufgewachsen, mit einer Vorliebe für schwarz-weiß-Streifen aus den 30er-, 40er- und 50er-Jahren“, so der 68-Jährige, den Classic Driver per Zoom in seinem Heim in Florida erreichte. „Ich wusste ganz genau, wie ich die Formel 1 fotografieren wollte, und um das zu erreichen, musste ich auf meine eigene Weise arbeiten. Ich schaute auf zu Vorbildern wie W. Eugene Smith, Henri Cartier-Bresson, Josef Koudelka und diesen Jungs von Magnum, deren humanistischer und ehrlicher Stil zum Goldstandard für dokumentarische Fotos wurde.“

Kelley wuchs in Gary (Indiana) auf, wo er bei „Battle of the Bands“-Wettbewerben gegen die Jackson Familie – bald schon die prominentesten Einwohner von Gary - antrat. Er war schon damals gut darin, künftige Talente zu entdecken – wie später auch in seiner Motorsportzeit. Und am Puls der Zeit: „Ich war 1968 in Chicago, als beim Parteitag der Demokratischen Partei ein gewaltsamer Protest gegen den Vietnam-Krieg ausbrach. Was für eine Zeit, lebendig zu sein.“

Richard studierte Fotojournalismus an der Universität von Indiana, erhielt einen Job bei Associated Press und fotografierte seinen ersten Grand Prix 1972 in Watkins Glen. Mit 19, obwohl das Mindestalter für eine Akkreditierung eigentlich bei 21 lag. Eine Kamera hatte er erst neun Monate zuvor erstmals in die Hand genommen. „Es war berauschend. Ich hatte im Jahr zuvor eine Ausgabe von Road & Track gelesen, mit einem Report von Rob Walker über den englischen Grand Prix, und es machte BOOM! Ich wusste, dass es das ist, worüber ich berichten wollte. Und kaum war ich angekommen, fühlte ich mich im siebten Himmel.“

Kelly entwickelte bald Freundschaften zu Fahrern wie Niki Lauda, Francois Cevert, Peter Revson, Patrick Tambay und Gilles Villeneuve. „Die Fahrer damals waren oft enge Freunde, die sich auch gegenseitig halfen. Damals gab es noch echte Kameradschaft.“

Ein Teil seines modus operandi bestand darin, sich von anderen Fotografen zu entfernen. „An diesem ersten Morgen in Watkins Glen fragte mich der leitende AP-Redakteur, in welche Kurve ich gehen würde. Ich antwortete: in die Boxengasse. ‚Die werden niemals gedruckt‘, warnte er. Nun, am Ende wurden vier Fotos von mir veröffentlicht.“

Es war der Startschuss zu einer langen Karriere – bis 1984 sollte Richard die Formel 1 auf beiden Seiten des Atlantiks für das Magazin Car and Driver fotografieren, wobei er alle seine Reisekosten selbst trug. Zwei Kollegen übten aufgrund ihrer Erfahrung und ihres Talents anfangs eine einschüchternde Wirkung auf ihn aus: Paul-Henri Cahier und Rainer Schlegelmilch. „Sie waren Giganten, und verkörperten alles, auf das man hoffen konnte. Ich war noch unsicher, wo ich, der Außenseiter, zwischen all den etablierten Rennsportfotografen stand. Dieses Jungs aus Europa hatten ein Ego so groß wie das Empire State Building.”

Indem er oft gerade dann auf den Auslöser drückte, wenn seine Rivalen ihm den Rücken zukehrten oder gerade einen neuen Film einlegten, gelang Kelley eines seiner Lieblingsfotos von James Hunt. „James saß mit einem hübschen Mädchen auf dem Seitenkasten seines McLaren M26. Ich stand zusammen mit Paul-Henri und Rainer und jeder hatte das gleiche langweilige Bild. Und während sie neu luden, rief ich: ‚James, wann beginnt die Party?‘ Und hatte den perfekten Schuss seiner unverstellten Reaktion im Kasten. ‚Son of a bitch‘, grummelte Rainer.“

„Aus meiner Sicht ist der Trick für diese Bilder komplett unsichtbar. Versuche nicht, irgendwas zu beeinflussen. Du fängst die Gesichter dieser Jungs am Limit ein, und das muss sich intim anfühlen. Oft habe ich mich so positioniert, dass jemand anders den Blick leicht verdeckte, so kam ich näher heran und nahm den Fahrer mit einem 180-Millimeter-Objektiv und großer Blende auf, beachtete dabei immer die Regeln Dritter. Ich ließ das Foto zu mir kommen, ließ das Drama des Augenblicks das Foto bestimmen. Es musste filmisch wirken, und um das zu erreichen, musste man zuhören können und den Moment des Auslösens antizipieren. Ich habe nie auf Teufel komm raus Fotos geschossen. Im Gegenteil: Ich habe insgesamt nur 400 gemacht, und keines der 400 war Ausschuss. Es waren oft Schlüsselszenen eines Sports, den ich regelrecht aufsaugen konnte, um mich zugleich von diesen Momenten zu entfernen.“

Angesichts von Kelleys Liebe zu Hollywood stellt sich die Frage: Welcher von all den Fahrern, die er porträtierte, hätte auch ein Filmstar sein können? Sein Urteil kommt wie aus der Pistole geschossen: „Cevert. Ich habe das letzte Foto, das ihn lebendig zeigt. Er hatte eine große Zukunft vor sich, sollte nach dem Rücktritt von Jackie Stewart die neue Nummer Eins bei Tyrrell werden und wurde auch schon von Ferrari beobachtet. Es war der GP der USA 1973. Am Samstagmorgen schien er auf Wolke Sieben zu schweben. Francois umarmte Helen (Stewarts Frau) bei deren Ankunft in der Box, fast stürmisch. Als das Training begann, war seine Stimmung weitaus weniger leutselig, er war ruhig und wirkte nachdenklich –  etwas ging ihm im Kopf rum. Ich nahm ihn auf, als er schon im Cockpit saß, mit der aufgesetzten Balaclava. Ich nutzte ein längeres Objektiv, und man sieht im Vordergrund die Köpfe von Jackie und Konstrukteur Derek Gardner, die gerade intensiv über das Setup diskutieren. Der letzte Rahmen des Films war 26A, Francois Augen schauten durch mich hindurch in die Ferne, so tief, dass es mich fröstelte. Er warf dann Helen einen Kuss zu und fuhr auf die Strecke. Weniger als zwei Minuten später plötzlich absolute Stille. Der Schreck saß tief und nichts sollte danach für mich mehr so sein wie vorher. Dieses Foto, so fühle ich, verbindet uns für alle Zeiten. Danach hielt ich mich ein wenig zurück, ich wollten den Fahrern nicht mehr so nahe kommen.“

30 Jahre lang ruhten Richards emotionale und elegant komponierten Meisterwerke im Verborgenen. Er gab seine Vollzeit-Fotografenkarriere auf, um eine Zeitlang als amerikanischer PR-Chef von Mitsubishi zu arbeiten. Doch dann tauchte er wieder in sein Archiv zurück, hielt eine Ausstellung in Hongkong und veröffentlichte 2018 unter dem Titel Waiting ein Buch mit seinen Bildern.  

Mit seiner Nikon kehrte er sogar wieder an die Rennstrecken zurück, fotografierte 2013 den Formel 3-Grand Prix von Macao sowie 2017 und 2019 Formel 1-Rennen. Wieder entdeckte er die kommenden Stars, freundete sich mit Max Verstappen, Charles Leclerc, Antonio Giovinazzi und dem 22-jährigen British Ferrari Academy Fahrer Callum Ilott an. „Speziell bei Max und Charles sehen ich viele Parallelen zwischen ihm und den Top-Leuten der 70er-Jahre, wie Lauda. Es ist sehr lohnend für mich, sowohl in schwarz-weiß wie Farbe ein neues und nun digitales Werk zu schaffen. Das eine komplett neue Generation von Helden und deren Herausfordergen einfängt, mit Emotion, Patina und Nuancen.“

 

Fotos: Richard Kelley © 2021

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