125 Jahre Cresta Run: Gentleman, count your bones!

Seit 125 Jahren stürzen sich die Mitglieder des britischen Tobogganing Clubs beim Cresta Run todesmutig in den Eiskanal von St. Moritz. Dem schnellsten und mutigsten Schlittenfahrer winken Ruhm und Ehre – ein Preis, den man durchaus mit gebrochenen Knochen bezahlt.

Der gepflegte Wahnsinn beginnt im Winter 1884/85. Nach einem verlorenen Schlittenrennen gegen die Gemeinde Davos verlangen die britischen Wintergäste, die St. Moritz alljährlich in den Wintermonaten besiedeln, nach einem Trainingsparcours. W.H. Blupetts, ein englischer Major, lässt zu diesem Zweck einen 1,2 Kilometer langen Eiskanal zwischen St. Moritz und Celerina anlegen. Mit zehn rasanten Kurven und einem Gefälle von 157 Metern ist die Strecke mehr als anspruchsvoll – und dennoch sind es im kommenden Jahr wieder die Davoser, die beim Eisduell siegen. Doch die Engländer aus dem Engadin haben eine andere Leidenschaft entwickelt: Von nun an konzentriert sich ihr Ehrgeiz darauf, auf der eigenen Eisbahn neue Streckenrekorde aufzustellen. Bäuchlings und Kopfüber stürzen sich britische Militärs und Adelige auf 30-Kilo-Stahlschlitten, den sogenannten „Toboggan“, in den Abgrund – ohne Bremse und Steuer, dafür bis zu 140 Stundenkilometer schnell. Der Cresta Run ist geboren.

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Wie es sich für einen englischen Gentlemen Sport gehört, wird kurze Zeit später der St. Moritz Tobogganing Club gegründet, der SMTC. Bis heute ist der Club mit Hauptsitz in London eine Vereinigung mit eigenen Regeln und Redewendungen, klassischer Kleiderordnung und einem spürbar militärischen Ethos. Neben Engländern sind auch andere Landsmänner zugelassen – der große Playboy Gunter Sachs war ein ebenso leidenschaftlicher Cresta-Fahrer wie Fiat-Patriarch Gianni Agnelli und Auto-Manager Bob Lutz. In den Sechzigerjahren teilte mitunter auch Brigitte Bardot am Clubhaus die Renntrophäen aus. Und dennoch ist der Tobogganing Club in St. Moritz so etwas wie die letzte britische Kolonnie. Die Mischung aus adrenalinhaltigem Extremsport, exzentrisch-eleganten Verkleidungsparties und jeder Menge Gin & Tonic ist weltweit einzigartig. Dabei ist der Cresta Run trotz aller Clubtradition keine hermetisch geschlossene Klassengesellschaft. Adelige und Playboys sind hier genau so gern gesehen wie Arbeiter – hauptsache Mut, Manieren und Sportsgeist stimmen. Nur Frauen dürfen nicht antreten, seit 1929 ist der SMTC ein reiner Männerspielplatz.

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Was dem Cresta Run seine Anziehungskraft verleiht, ist die Aura allgegenwärtiger Gefahr. Jeder Knochen des menschlichen Körpers, so wird erzählt, sei in den vergangenen 125 Jahren mindestens einmal gebrochen worden. Zum Jubiläum zählte der Club über 500.000 Fahrten, 28.000 Stürze und vier Todesfälle. Im „Death Talk“, der Einführungslektion, die alle Neulinge vor dem ersten Start über sich ergehen lassen müssen, wird eine hübsche Kollage mit Röntgenbildern gezeigt. Der Fluss des Fahrbetriebes hat übrigens absolute Priorität: Wer hier rausfliegt, muss – sofern er noch lebt – sofort aufstehen und durch Winken die Bahnfreigabe signalisieren – Knochenbrüche hin oder her. „Apparently unharmed“, schallt es dann aus den Lautsprechern. Sind beide Arme gebrochen, reicht es auch, einfach aufzustehen. Dann wird die Ambulanz geschickt.


© Jason Larraman

Die größte Wahrscheinlichkeit, den Cresta Run vorzeitig durch ungeplantes Verlassen der Bahn zu beenden, besteht in der Shuttlecock-Kurve. Erprobte Fahrer, die von „Top“ aus starten, nehmen die gefährliche Linkskurve mit 80 bis 120 km/h. Gelenkt wird nur durch die Verlagerung des Körpers, wobei man den behelmten Kopf immer zehn Zentimeter über dem Eis halten sollte – sonst droht der berüchtigte „Cresta Kiss“. Wer die Shuttlecock zu hoch, zu tief oder zu schnell nimmt, fliegt raus. Laut Statistik immerhin jeder 14. Starter. Doch die Kurve hat auch ihren Reiz: Nur wer hier herausgeflogen ist, wird Mitglied im Shuttlecock Club, trägt die Shuttlecock Tie und darf am Shuttlecock Dinner teilnehmen. Eine durchaus attraktive Belohnung für Angst und Knochenbrüche.

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© Max Galli / Jason Larraman

Doch bevor man sich beim Lunch in der Sunny Bar des Kulm-Hotels über die eigenen Heldentaten lustig machen kann, muss man beim Start die Nerven behalten. Selbst Haudegen wie der ehemalige Formel-1-Weltmeister Jackie Steward haben in der letzten Minute Reißaus genommen. Ein deutscher Anfänger soll sogar über den Berg verschwunden sein, was die Rennleitung zu einer äußerst britischen Durchsage veranlasste: „We at Cresta do not mind if you are scared but may we please have our helmet back?“ Die Furcht scheint berechtigt. Im Interview mit dem Esquire berichtet Graf Luca Marenzi, ein begeisterter Cresta-Fahrer ehemalige Shuttlecock-Clubpräsident, von der unglaublichen Geschwindigkeit der Strecke. „Es übertrifft alle Erwartungen – und zwar im positiven Sinne. Leute, die zum ersten Mal fahren, sind danach überzeugt, die Schallmauer durchbrochen zu haben.“ Vier Tote mögen für 125 Jahre eine überschaubare Bilanz sein, doch wenn man sich bäuchlings mit 100 km/h der Shuttlecock nähert – Eissplitter im Gesicht und fast Taub vom Lärm der Stahlkufen – und mit aller Kraft gegen den Abflug kämpft, bei dem nur ein paar Strohballen als Landefläche dienen, sieht die Sache schon anders aus.

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© SMTC /Max Galli

So ist es auch zu erklären, dass sich in den neun Wochen zwischen Dezember und März, in denen der Cresta Run jedes Jahr freigegeben wird, nicht nur die Reichen und Schönen aus St. Moritz am Start einfindet, sondern Adrenalinjunkies aus aller Welt. Neben Andy Green, Royal-Navy-Pilot und mit 1.227 km/h Landgeschwindigkeitsweltrekord-Halter, kommen zur Cresta-Saison auch zahlreiche Elitesoldaten von British Army und Royal Airforce ins Engadin, um den oft eintönigen Alltag in Irak oder Afghanistan für ein paar gefährliche Tage auf dem Eis zu vergessen. Die meisten Siege gehen allerdings auf das Konto der lokalen Bevölkerung: Der Schweizer Franco Gassner und Nino Bibbia, ein Gemüsehändler aus dem Dorf, haben das jährliche „Grand National“-Derby jeweils achtmal gewonnen. Den Streckenrekord hält seit 1999 der Brite James Sunley mit 50,09 Sekunden.


© Jason Larraman

Nach einem Tag in Wolloverall, Waschbärfell-Mützen und Knickerbockern – so der inoffizielle Cresta-Dresscode nach klassischem Vorbild – begibt sich die furchtlose Gesellschaft in den 1974 von Gunter Sachs gegründeten „Dracula“-Club, wo ebenfalls mit britischer Durchhaltekraft gefeiert wird. Da es morgens wieder früh losgeht, sparen sich manche Fahrer den Umweg über das heimische Bett und steigen direkt auf den Tobbogan. Mitunter auch splitterfasernackt – was die hochwohlgeborene Gesellschaft allerdings nur zu einer hochgezogenen Braue und der Frage veranlasste, warum der Nackte nun, ohne den Widerstand seiner Kleidung, nicht seine Streckenzeit verbessert habe. Very british, indeed.

Zahlreiche eindrucksvolle Impressionen aus 125 Jahren Cresta Run sind noch bis zum Mai 2010 in der Design Gallery St. Moritz zu sehen. Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie hier. Die Motive der Plakatausstellung können auch als Nachdruck bei design-gallery.ch bestellt werden.

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Text: Jan Baedeker
Fotos: SMTC (1, 2, 3, 4, 5, 9, 12, 13, 14, 15, 16), Jason Larraman (6, 8, 11), Max Galli (7, 10)