Beim 77. Goodwood Members' Meeting bebte die Erde

Mit dem 77. Goodwood Members’ Meeting kehrte rauer und ehrlicher historischer Motorsport zurück nach West Sussex. Die Highlights waren fast zu zahlreich, um sie alle aufzuzählen – wenn wir sagen, dass fünf Porsche 917 noch nicht das Größte waren, ahnen Sie vielleicht schon, wovon wir sprechen...

Seit 2014 hat das Members’ Meeting von Goodwood seinen Platz auf der Liste der „Can’t miss“-Events des historischen Motorsports zementiert, und das aus gutem Grund. Mit dem Ziel, die intime Atmosphäre der von 1948 bis 1966 ausgetragenen Members’ Meetings des British Automobile Racing Clubs neu aufleben zu lassen, schafft es das nennungslimitierte Event regelmäßig, die größten Namen, die feinsten Autos und atemberaubende Rennaction zu liefern. 

Und so war es auch bei der am vergangenen Wochenende über die Bühne gegangenen 77. Ausgabe. Auch die Entscheidung der Organisatoren, das Datum der Veranstaltung ein wenig nach hinten zu legen, zahlte sich voll aus: Die Schneestürme und Minustemperaturen, die das „Beast from the East“ den Besuchern im Vorjahr ein frostiges Willkommen beschert hatte, waren nur noch eine entfernte Erinnerung. Im Gegenteil ließ sich die Frühlingssonne fast das ganze Wochenende lang blicken. So gelang es Lord March, die historische Motorsportsaison in einer Manier zu eröffnen, wie sie wohl niemand sonst irgendwo auf der Welt noch stimmungsvoller zelebrieren könnte...

Das Members’ Meetings unterscheidet sich gleich mehrfach vom Goodwood Revival. Vor allem durch die deutlich geringere Anzahl an Besuchern und den freien Zugang zu allen Bereichen. Darüber hinaus ist das Event befreit von der strikten Revival-Vorgabe, nur Autos vor Baujahr 1966 zuzulassen. Was zur Folge hat, dass man über das Wochenende auch modernere Exoten über den ehrwürdigen Kurs fahren sieht. Entweder in Gestalt von Duellen Türklinke an Türklinke oder in Form von Hochgeschwindigkeitsdemos. 

Wenn Sie die letzten Monate nicht gerade in einer einsamen Höhle des Himalaya verbracht haben, wird Ihnen der 50. Geburtstag des Porsche 917 nicht entgangen sein. Jener Prototyp, der 1969 in Genf vorgestellt wurde und 1970 Porsche den ersten Gesamtsieg in Le Mans bescherte. Zur Feier des Tages brachte das Porsche-Museum das frisch restaurierte Chassis #001 nach Goodwood, wo es von Richard Attwood, einem der beiden Siegfahrer von 1970, pilotiert wurde. Er wurde verfolgt von einem der Gulf/Wyer-917 K mit Romain Dumas, Derek Bell im roten 917/10 Spyder, mit dem Jo „Seppi“ Siffert in der Can-Am-Serie antrat, dem 917/30 Biturbo „Sunoco/Penske“ von 1973 mit Mark Weber und dem erstmals seit 1975 wieder auf einer Rennstrecke zu sehenden 917/30 in Vaillant Farben, damals in der Interserie dabei und in Goodwood pilotiert vom Schweizer Neel Jani.

In weiteren Demos zu sehen waren sechs flammenspuckende BMW M1 Procar, eine Horde donnernde NASCAR-Boliden und eine aufwärmende Abordnung von modernen Le Mans-Prototypen, die am Samstagabend bis in die Dunkelheit fuhren. Unter ihnen war der neunfache Le Mans-Sieger Tom Kristensen, der zurück ins Cockpit des Bentley Speed 8 kletterte, mit dem er 2003 seinen vierten Triumph in der Sarthe feiern konnte. Ein ganz spezieller Augenblick zum 100-jährigen Jubiläum der Marke aus Crewe.

Doch richtig den Atem an hielten die MM-Besucher natürlich erst bei den „richtigen“ Rennen. Es gab wieder die typisch gemischten Starterfelder, beginnend mit den urwüchsigen Boliden der Edwardian-Epoche in der S. F. Edge Trophy bis zur Gerry Marshall Trophy mit ihren bunten Tourenwagen aus den 70er-Jahren. Die erstmals ausgeschriebene Betty Richmond Trophy sah 60 klassische Mini am Start. Sie wurde in zwei Läufe gesplittet und bescherte, vielleicht wenig überraschend, einige der besten Rad-an-Rad-Kämpfe des gesamten Wochenendes. Am Ende ging der Sieg an Publikumsliebling Nick Swift, nach einem Kampf bis aufs Messer mit Nick Padmore, einem der versiertesten Piloten im historischen Rennwagenzirkus.

Die mit Stars gespickte Gerry Marshall Trophy am Samstagabend war kaum weniger aufregend. Trotz aller Bemühungen der Porsche-Werksfahrer Dumas und Jani sowie BMW-Ass Tom Blomqvist ging der Sieg an den Ford Mustang von Andy Newall und Craig Davies. David Coulthard, Veteran mit 246 Grand Prix-Einsätzen, bewies, dass er noch immer nicht seine Siegermentalität verloren hat: nahezu fehlerfreie Fahrt im Mercedes-Benz 300 SL „Flügeltürer“ des IWC Racing Teams zum Sieg in der Tony Gaze Trophy.

Viele Freunde und Partner von Classic Driver waren in unterschiedlicher Funktion mit von der Partie. Darunter DK Engineering, Fiskens, Girardo & Co., Pendine, William I’Anson und Duncan Hamilton ROFGO – und das auch mit viel Erfolg! Sowohl Gregor Fisken wie William I’Anson’s Ben Mitchell holten fantastische Erfolge in der John Duff Trophy und im Derek Bell Cup. Der junge Mitchell bewies am Steuer des kreischenden 1,0-Liter-Brabham-Ford BT 28 einen kühlen Kopf im fast über das gesamte Rennen geführten Duell mit dem Zweitplatzierten Andrew Hibberd. 

Angesichts des gesamten Formats und dieser unnachahmlichen Goodwood-Magie läuft mittlerweile auch das Members’ Meeting Gefahr, sich zu einem von der Industrie getriebenen Ungetüm ähnlich dem Festival of Speed und dem Revival zu entwickeln. Doch können wir mit Genugtuung feststellen, dass sich auch die 77. Ausgabe so exklusiv und intim anfühlte wie eh und je.

Wo sonst diniert man in der Großen Halle zusammen mit Jochen Mass oder Derek Bell, steht auf der Lavant-Geraden neben einem aktuellen Porsche-Werksfahrer am Zuschauerzaun oder kann ein spontanes Gespräch mit „Quick Vic“ Elford am allersten Porsche 917 führen. Das ist berauschender Stoff und die perfekte Ouvertüre zur neuen historischen Rennsportsaison. Sehen wir Sie also bei der Tour Auto?

Fotos: Robert Cooper für Classic Driver © 2019