Volkswagen Group Night Geneva 2012

Am Abend vor der Show zeigt VW traditionell die großen Genfer Premieren. Während Bentley mit einem SUV-Concept überraschte, ließ Lamborghini das passende Gelände-Remake des LM002 weiter verhüllt – und zeigte stattdessen ein puristisches Speedster-Katapult und Einzelstück.

 

Mit ihren zehn höchst unterschiedlichen Marken von Bugatti bis Seat ist die Volkswagen Group nicht nur einer der dominantesten Konzerne der Branche, sondern auch ein durchaus repräsentativer Querschnitt durch den aktuellen Automobilkosmos. Entsprechend strömten die Journalisten am Vorabend des Genfer Salons auch in diesem Jahr wieder in die Halle Espace Sécheron, um die neuesten Neuheiten des Wolfsburger Imperiums kurz vor dem offiziellen Debüt in einer Sneak Preview zu erleben. VW nutzte die Gelegenheit, um der versammelten Presseschar nicht nur die jüngesten Modelle, sondern auch neue Zahlen und Strategien zu verkünden. Laut Vorstandschef Martin Winterkorn war 2011 für VW trotz der angespannten wirtschaftlichen Lage das erfolgreichste Jahr in der Firmengeschichte. „Die Strategie 2018 greift“, kommentierte Winterkorn mit Blick auf das Ziel, in den kommenden sechs Jahren zum weltweiten Marktführer aufzusteigen. Gleichzeitig wurde der Startschuss für einen grundlegenden ökologischen Umbau des Konzerns gegeben – bis 2015 sollen die CO2-Bilanz der Flotte um 30 Prozent reduziert und die Produktionsstätten deutlich nachhaltiger werden. Mehr als 62 Milliarden Euro will VW in die Öko-Wende investieren.

 

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Wer in diesem Sinne eine Prozession der reinrassigen Öko-Mobile erwartet hätte, wurde zunächst enttäuscht. Der neue Audi A3, mit dem die Ingolstädter zum Angriff gegen BMW 1er und die ebenfalls in Genf vorgestellte, betont jugendliche Mercedes A-Klasse blasen, wird beispielsweise erst später als Plugin-Hybrid erhältlich ein. Dafür ist die neue Kompaktmischung auch in der klassischen Benziner-Version nicht nur 80 Kilogramm leichter, sondern auch sauberer geworden: Nur 99 Gramm CO2 soll der A3 auf 100 Kilometer ausspucken. Zudem basiert der neue Volumen-Audi auf einem der wichtigsten neuen Effizienz-Instrumentarien des VW-Konzerns – dem sogenannten Modularen Querbaukasten, der sich zukünftig in allen Marken und Modellen wiederfinden soll. Für die zahlreichen asiatischen Besucher wird die interne Kurzform MQB vielleicht besser zu merken sein als die ingenieursdeutsche Bandwurmbezeichnung.

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Auf A folgt B und somit Bugatti: Markenchef Wolfgang Dürheimer zeigte wie gewohnt eine neue Spielart des bekannten Veyron-Motivs, das freilich auch in diesem Jahr durch eine exaltierte Zweifarb-Lackierung und neue, beeindruckende Leistungswerte hervorstechen konnte: Als schnellster bekannter Roadster bringt es der Bugatti Gran Sport Vitesse auf 1.200 PS, 1.500 Nm, 410 km/h und ein dynamisches Querfahrpotenzial von 1,4 G. Dramatischer wirkte dennoch der Lamborghini Aventador J – eine puristische Barchetta ohne nennenswerte Windschutzscheibe, ohne Klimaanlage und ohne Navigation, die Markenpräsident Stephan Winkelmann statt der erwarteten SUV-Studie präsentierte. Bis der legitime Nachfolger des Lamborghini LM002 erstmals zu sehen ist, dürfte die Jota-Version des V12-Topmodells zumindest bei seinem neuen Besitzer für Abwechslung sorgen: Ein anonymer Kunde hat für das flache Einzelstück bereits 2,1 Millionen Euro plus Steuern auf den Tisch geblättert.

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Der Ausstieg vom Ausstieg – auch bei den SUVs scheint die Kehrtwende kein Problem: Nachdem die urbanen Geländekolosse in den vergangenen Jahren für unzeitgemäß erklärt worden waren, erleben sie nun, den Emerging Markets im Osten sei Dank, ihre Wiederkehr. So wunderte es auch nicht, das Bentley die Studie einer neuen, hochbeinigen Geländespezies vorstellte – das Experimental Car EXP 9 F. Doch Bentley fehlt die Gelände-Historie, und so stand das Designteam vor der schweren Aufgabe, den aktuellen Markenlook „aufzublasen“, ohne royale Eleganz einzubüßen. Das Ergebnis kann jedoch noch nicht recht überzeugen – die Proportionen changieren irgendwo zwischen Range Rover Sport, Cayenne und Vintage-Jeep. Und auch der Innenraum wirkt bei der ersten Sitzprobe etwas knapp bemessen, auch wenn das Packnick-Set im Heck durchaus charmant ist. Als Antrieb schwebt den Machern ein W12 bzw. eine Plugin-Hybrid-Lösung vor. Ob Lamborghini die Aufgabe überzeugender meistert, bleibt abzuwarten. Das finale Go der VW-Vorstände steht für beide Projekte noch aus.

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Viel Spaß am Design haben ganz offensichtlich die beiden Altmeister Giorgetto Guigiaro und Walter de’Silva, die in der bekannten Duo-Kombination die Italdesign-Studie Brivido (zu Deutsch: Gänsehaut) vorstellten. Der viersitzige Flügeltürer ist eine verspielte italienische Studie, wie sie typisch ist für den Genfer Salon – Serienpläne werden hier aber sicherlich nicht geschmiedet. Näher an der Serie dagegen die VW-Studien: Das Cross Coupé Concept war schon in Tokio zu sehen, nun soll es mit TDI-Plugin beweisen, dass eine Höchstgeschwindigkeit von 220 km/h und ein Durchschnittsverbrauch von 1,8 Litern sich zumindest auf dem Datenblatt nicht wiedersprechen müssen. Beim 180 PS und 420 Nm starken VW Amarok Canyon Concept mit Freestyle-Kayak auf der Ladefläche fehlt dagegen die Verbrauchsangabe – wenn der Berg ruft, schaut man wohl nicht auf die Tanknadel.

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Ein großes Jahr dürfte 2012 schließlich auch für Porsche werden: Nach 911 Coupé und Cabrio kommt auch der neue Boxster auf den Markt. Dass Porsche nun als eine von zehn Marken im VW-Poker aufgeblättert wird, erscheint jedoch noch immer etwas ungewohnt. Doch bis der Modularen Querbaukasten auch in Zuffenhausen Einzug hält, ist es sicherlich nur eine Frage der Zeit.

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Fotos: Nanette Schärf