Große Legenden, scharfe Duelle bei der Le Mans Classic 2014

Selbst sinntflutartige Regenfälle konnten sie nicht aufhalten: Bei der Le Mans Classic 2014 duellierten sich die großen Rennwagen-Ikonen des 20. Jahrhunderts nochmals bis ans Messer. Classic Driver war dabei.

Wenn man auf einer französischen Autobahn erst von einer Formation dröhnender Ford GT40 von der linken Spur gedrängt wird, um Minuten später einem Lamborghini Countach und einem Ferrari 512 BB die Bahn für ihr Revival-Duell zu räumen, ist man entweder hoffnungslos übermüdet – oder auf dem Weg zur Le Mans Classic. Alle zwei Jahre feiert die europäische Rennsport-Szene den „Mythos Le Mans“ und bringt für die Neuinterpretation der legendärsten 24-Stunden-Rennen die stärksten, schnellsten und teuersten Rennklassiker aller Zeiten auf dem Circuit de la Sarthe zusammen. Doch der Zirkus beginnt eben nicht erst auf der Rennstrecke: Aus allen Himmelsrichtungen pilgern mehr als 100.000 Speed-Jünger mit ihren Lotus, TVR, DeTomaso, MG, Alpine und sonstigen Sportwagen-Exoten, die man sonst kaum zu Gesicht bekommt, nach Le Mans. Selbst auf den Campinplätzen, wo viele der Besucher das Wochenende verbringen, stehen neben den Zelten nicht nur die obligatorischen VW Bullies, sondern auch Rolls-Royce Phantom, Aston Martin DBR1 Replica sowie unzählige Porsche 911.

Der magische Ort des Rennsports

Le Mans ist der magische Ort des Rennsports – die Bentley Boys, Carroll Shelby, Jacky Ickx, Derek Bell, auf seine Art auch Steve McQueen, sie alle haben auf dieser Strecke im Nordwesten Frankreichs Geschichte geschrieben. Unzählige Fahrer haben sich mit ihren Triumpfen und Tragödien in den Kurven verewigt. Und nun sind sie alle wieder da: 450 Rennwagen von 1923 bis 1979, aufgeteilt in sechs Grids, die sich 24 Stunden lang ohne Rücksicht auf Verluste die Hölle heiß machen! Und die Piloten schenken sich nichts, fliegen tollkühn durch die scharfe Arnage-Kurve, dröhnen mit atemberaubender Geschwindigkeit über sonst öffentliche Landstraßen, fordern die bis zu 90 Jahre alte Technik ihrer Rennwagen, als ginge es um den Weltmeistertitel. Hier gilt sie noch, die alte Haudegenregel: Wer bremst, verliert!

Die großen Duelle

Und es sind einzigartige Duelle, die man geboten bekommt: Etwa wenn die Fahrer im Le-Mans-Style zu ihren Blower-Bentleys, Bugattis und Talbots aus der Vorkriegszeit rennen, die legendären Zweikämpfe zwischen Ferrari und Jaguar aus den 1950er Jahren eine atemberaubende Fortsetzung erhalten oder die dröhnenden Ford GT40, die Anfang der 1960er Jahre das Geschehen dominierten, erneut ihren Sieg über Shelby Cobra und Ferrari 250 LM feiern. Am eindrucksvollsten sind jedoch die geradezu mythischen Prototypenmonster der späten Sixties – gewaltige Rennmaschinen wie Porsche 917, Ferrari 312 P, Chevron B16, Matra MS 660, Alpine A 220 und Lola T70. Schon im Paddock, mit abgenommener Verkleidung und freiliegenden Zwölfzylindern, wirken die Biester furchteinflößend. Kaum auszumalen, wie es sein muss, in einer Formation von 75 solcher Ungetüme im Zwielicht mit knapp 300 Sachen über die Mulsanne-Gerade zu fliegen.

Zwischengas-Flammen, glühende Bremsscheiben

Doch es sind nicht nur die Szenen auf der Strecke, die einem noch Tage später durch’s Gedächtnis spuken: Die elektrisierende Aufregung der Mechaniker und Auswechselfahrer in der Boxengasse, der von den Tribünen zurückschallende Motorendonner und ein allgegenwätiger Duft von Benzin, Öl und Bremsbelägen – das alles ist Le Mans. Und natürlich der Regen. Pünktlich zum Einbruch der Dunkelheit verwandelt er die Strecke in eine Rutschbahn. Und die Rennwagen fliegen gleich reihenweise in den Kies. Ein Aston Martin DB4 GT dreht sich in der letzten Kurve vor dem Ziel, muss den ersten Platz dem Lotus hinter ihm überlassen. Mit Zwischengas-Flammen, glühenden Bremsscheiben und infernalischem Sound schießen zuletzt die jüngsten Rennwagen bis 1979 – PS-Monster wie Porsche 935, Ferrari 512 BBLM, BMW M1 und Gulf Mirage – durch die Nacht. Die Trompeten von Jericho, sie müssen noch hundert Kilometer entfernt zu hören sein.

Eine Frage der Klasse

Natürlich haben nicht alle Fahrer bei der Le Mans Classic die selbe Klasse – Profis wie Emanuele Pirro, Andy Wallace, Jürgen Barth oder Gijs van Lennep messen sich mit Anfängern, die zum ersten Mal dabei sind. Entsprechend groß sind die Unterschiede bei der Geschwindigkeit. Dafür sind die Autos – man sieht es beim Spaziergang durch’s Fahrerlager – oftmals auf neuestem Stand der Renntechnik, mit Überrollkäfigen, neuen Getrieben und bis ins kleinste Detail optimierten Motoren. Man kann darüber streiten, ob dieser Perfektionismus dem historischen Rennsport gerecht wird. Doch wären zahlreiche der Le-Mans-Veteranen, oftmals nur ein oder zwei Saisons am Limit gebaut, heute sicherlich nicht mehr im Einsatz.

Wenn am Dunlop-Bogen die Sonne aufgeht

Überhaupt ist es vor allem der Spirit, der die Le Mans Classic zum größten Rennsport-Ereignis des Klassiker-Kalenders macht: Der absolute Sportsgeist der Teilnehmer, die unvergleichlichen Strapazen für Mensch und Maschine, aber auch die lässig-französische Inszenierung – überall stehen die Rosé-Flaschen, man erfreut sich an „Entrecote Frites“ und auf dem Weg zum Start werden die Fahrer in ihren Boliden von trillerpfeifenden Retro-Gendarmen auf Vespas eskortiert. Wenn am Sonntag über dem Dunlop-Bogen die Sonne aufgeht, der Dampf der Nacht über der Strecke schwebt und selbst die härtesten Lebemänner in ihren Overalls einen Moment die Augen schließen, ist es zum greifen nah, das legendäre Le-Mans-Gefühl. Über die zwei Jahre Wartezeit bis zum nächsten Mal tröstet uns die Erinnerung.

Fotos: Rémy Dargegen for Classic Driver