Audi S8 (2)



Sant’Agata Bolognese liegt unter einer dichten Nebelglocke. Die schmalen Landstraßen sind an diesem frühen Morgen noch wie ausgestorben. An einem Zebrastreifen starrt mir eine Gruppe kleiner Hexen und Teufel entgegen. Ich bremse, lasse die Quälgeister passieren – Halloween steht vor der Tür. Das Werksgebäude von Automobili Lamborghini steht an einer Durchfahrtstrasse. Italienische Kleinwagen schieben sich auf das Gelände, gleich ist Schichtbeginn. Männer in schwarzen Polohemden rauchen, mustern mich kritisch. Ich bin hier, um ein Duell auszutragen. Ein innerfamiliäres. Audi gegen Lamborghini. Technik gegen Temperament. Mehr als 700 Kilometer lang habe ich trainiert, den Audi S8 von Ingolstadt über die Alpen gehetzt, in den Halsbrecherkurven des Malojapasses die Grenzen von Fahrwerk und Bremsen gesucht. Jetzt habe ich mein Wallfahrtsziel erreicht.

Audi S8 (2)Audi S8 (2)

Der gelbe Lamborghini Gallardo kommt direkt vom Band. Entsprechend ungeduldig beginnt er zu heulen und zu fauchen, sobald ich den Startknopf drücke. Nach den Ledersesseln des Audis fühle ich mich auf den harten Sportsitzen wie auf die Streckbank gespannt. Das Steuer des Audi S8 hat mir Valentino Balboni, der legendäre Testfahrer von Lamborghini, freundlich lächelnd aber bestimmt aus der Hand genommen. Waffentausch - damit hatte ich nicht gerechnet. Stattdessen halte ich nun ein abgeflachtes Wildleder-Volant, das sich so griffig anfühlt, als hätte ich meine Hände zuvor in Magnesium gebadet. Mit zwei Fingern ziehe ich das rechte Schaltpaddel zu mir, lege den ersten Gang ein, trete mit Vorsicht auf's Gaspedal. Valentino scheint keine Eingewöhnungszeit zu brauchen, hat schon einige hundert Meter Vorsprung. Ich streiche also die Aufwärmphase und jage die Drehzahlnadel hoch, schieße vom Werksgelände und versuche mit kämpferisch brüllendem Motor, den Abstand zum Audi S8 zu verringern.

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Valentino hat einen klaren Heimvorteil – seit 1968 ist er als Testfahrer auf den Landstraßen um Sant’Agata unterwegs. Hier hat er den revolutionären Mittelmotor des Miura beschleunigt, die ersten futuristischen Prototypen des Countach geprüft und auch den neuen Gallardo zur Serienreife gebracht. Eine abgesperrte Teststrecke gibt es bei Lamborghini nicht. Valentino kennt jede Kurve, jede Bodenwelle – und geht mit dem Audi S8 entsprechend furchtlos zur Sache; beschleunigt, überholt, bremst in hartem Stakkato-Rhythmus. Der Fünf-Liter-V10 des Gallardo, auf dem das Triebwerk des Audi S8 basiert, leistet 520 PS, 510 Nm und katapultiert den geübten Fahrer in vier Sekunden auf Tempo 100. Der Audi S8 ist mit 450 PS und 1940 Kilogramm vergleichsweise träge, braucht bis 100 km/h eine gute Sekunde mehr als das gelbe Italo-Katapult. Trotzdem fordert die Treibjagd meine volle Konzentration, so agil wieselt die silberne Limousine vor mir durch den Verkehr.

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Natürlich stammt der Lamborghini aus einer anderen Welt, er ist härter, kompromissloser und feindseliger. Wie Peitschenschläge knallt die eGear-Automatik die Gänge durch, wie ein wütender Stier tobt im Heck der V10. Doch der Audi hält mit 540 Newtonmetern dagegen, lässt sich nicht auf einen Komfortsportler reduzieren. Valentino lächelt, er ist in seinem Element: „Drehmoment! Molto buono!“, drückt den Schalthebel nach vorn und lässt den Frontmotor aufheulen, um einen wankenden Fiat Panda zu überholen. „Ist schon etwas Besonderes!“ - aus dem Mund des Grand Seigneurs von Sant’Agata klingt das wie ein Ritterschlag. Der Motor dankt es mit einem heiseren Bellen. Im Slalom geht es weiter durch die norditalienische Industrielandschaft – Valentino voraus, ich mit dem Gallardo hart auf den Fersen. Eine Verfolgungsjagd wie in Hollywood erdacht. Die anderen Verkehrsteilnehmer nehmen das Spektakel überraschend gelassen. Im Bermudadreieck der Sportwagenfirmen – Ferrari, Maserati und Pagani sitzen nur wenige Kilometer entfernt - gehören brüllende Motoren wohl genauso zum Alltag wie die Daimler-Kolonnen in Stuttgart.

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Am Straßenrand kommt wieder das Ortsschild von Sant’Agata Bolognese in Sicht. Comune per la Pace steht darunter, Landkreis für den Frieden – das kann nur ironisch gemeint sein. Valentino scheint seinen persönlichen Rundkurs beendet zu haben, lenkt den Audi lässig auf eine staubige Tankstelle. Ich rolle hinterher, die Hände immer noch um's Lenkrad gekrampft. Als ich mich aus dem tiefen Cockpit ins freie schäle, wird der S8 schon freudig von den Jungs aus der Waschstraße empfangen. Gallardo und Murciélago werden hier jeden Tag aufpoliert, die silberne Hochdruck-Limousine aus Deutschland hingegen ist ein Exot und wird sofort identifiziert. Valentino kommt lächelnd zu mir herüber. Eigentlich lächelt Valentino immer – könnte es vielleicht am Beruf liegen? „Was als nächstes?“, fragt er mit dem Charme eines Gastgebers, der seinen Besuch gut unterhalten wissen möchte. „Etwas zur Entspannung," wünsche ich mir unvorsichtig, „vielleicht eine Runde mit einem Klassiker?“

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Zehn Minuten später liege ich in der Beifahrermulde eines Lamborghini Countach 25th Anniversary, wenige Zentimeter über dem Asphalt. Der Zwölfzylinder brüllt wie eine ganze Horde wild gewordener Höllenhunde. Valentino zeigt keine Gnade, tritt das Gas, schaltet, setzt seinen brutalen Überhol-Reigen fort – diesmal allerdings mit kaum vorhandener Sicht nach vorne. Im Rückspiegel glaube ich, in weiter Ferne die silberne Front des Audi S8 zu erkennen, mit dem unser Fotograf Miguel Martinez den Anschluss zu halten versucht. Anfang der 90er-Jahre war der Jubiläums-Countach mit 425 PS und einer Höchstgeschwindigkeit von 295 km/h das Symbol radikal-italienischer Sportwagenarchitekur – und bis heute hat es kein kantigeres, ungefälligeres, bösartigeres Automobil gegeben. Ich wage den Blick zum Tacho, die orangefarbene Nadel zuckt zwischen 240 km/h und 260 km/h, wir sind immer noch auf der Landstraße. Ein blauer Lamborghini Gallardo mit „Polizia“ Beschriftung kommt uns entgegen, die sonnenbebrillten Beamten winken freundlich herüber. Ich verstehe. „Auf dieser Straße wurde schon der Countach entwickelt“, erklärt Valentino. Da sind die Sympathien natürlich klar verteilt. Mit donnernden Maschinen gehen wir in die nächste Kurve. Was für ein Auto fährt eigentlich der legendäre Lamborghini-Testfahrer in seinem Privatleben? Valentino lächelt, antwortet dann in seinem einzigartigen Italodeutsch: „Eine wunderschöne Audi!“ Wir hätten es uns denken können.

Pilgerfahrt nach Sant’Agata – Teil 1
Im Audi S8 trifft das heiße italienische Blut eines Gallardo-V10 auf teutonische Technik. Doch wie viel Stier steckt wirklich in der neuen Sportlimousine? Wir haben das Flaggschiff auf Wallfahrt geschickt, von Ingolstadt über die Alpen nach Sant’Agata, der Heimat von Lamborghini mehr...


Text: Jan Baedeker
Foto: Jan Baedeker / Miguel Martinez
Video: Jan Baedeker / Miguel Martinez (Kamera) / Maike Möller (Schnitt)

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