
„The Original on Tour“, so lautete das Motto des fünften Jim Clark-Revivals. Eine freundliche Umschreibung für die Tatsache, dass die beliebte Rennveranstaltung aufgrund von „Terminschwierigkeiten“ vom Hockenheimring zum Eurospeedway in die Lausitz nahe Dresden verlegt wurde. Rund 9.400 Besucher folgten dennoch dem Ruf gen Osten. Und wer die weite Anreise antrat, wurde jedoch mit schönen Renneindrückenden belohnt.
Urs Müller ist guter Dinge. Der seltene Aston Martin DB 4 GT des Schweizers läuft an diesem Wochenende rund: „In den Kurven verliert er etwas an Speed, aber sonst geht er famos nach vorne.“ Die Sonne spiegelt sich im tief glänzenden Lack in Aston Martin Racing Green, der Sechszylinder faucht kernig. Die Startampel springt auf „Grün“ und mit glühenden Dunlop-Reifen startet der edle Brite, klemmt sich forsch ans Heck des voraus eilenden Ford GT 40. – Nicht nur für Aficionados klassischer Sport- und Tourenwagen einer der Höhepunkte des diesjährigen Jim Clark Revivals. Jener Erinnerungsveranstaltung an den großen schottischen Rennfahrer. Schade eigentlich nur, dass diese Eindrücke viel zu wenig Besucher mitbekommen. Am Samstag des Rennwochenendes sind nur wenige der insgesamt 120.000 Plätze am Eurospeedway in der Lausitz besetzt.

Das hat guten Grund, denn mitten in die Lausitz fährt man nur mit Vorsatz, hierher verirren tut sich kaum jemand. Mit dem Jaguar XF bin ich von Berlin Charlottenburg aus in Richtung Dresden gestartet. Nach einer Viertelstunde salutiert bei Tempo 100 die südliche Hauptstadtgrenze. Der Achtzylinder atmet tief durch. Auf der Autobahn 13 geht es rund 120 Kilometer zügig in Richtung Süden und plötzlich ragt mitten in der ehemaligen Tagebaulandschaft der Lausitz die Haupttribüne des Eurospeedways auf. „Herzlichen Willlkommen im Niemandsland!“ So jedenfalls kommt es mir vor, als ich die weiträumige Zuwegung zur Rennstrecke entlang schnurre und ein einheimischer Dekra-Mitarbeitet nur ratlos mit den Achseln zuckt, als ich ihn nach dem Weg zur Pressestelle frage. Mein erster Eindruck: Für Ornithologen und Offroad-Fahrer ist das hier zweifelsohne eine ausgezeichnetes Terrain – aber für Liebhaber klassischer Automobile?
Tatsächlich platzt das Fahrerlager nicht gerade aus allen Nähten. Es ist noch Luft, um es positiv auszudrücken. Schuld daran ist jedoch auch das Wetter, welches sich am Samstag von seiner grauen Seite präsentierte. Schade. Erst am Nachmittag reist der Himmel über Deutschland auf. Zu spät! Viele Interessierte treten die geplante Anreise jetzt nicht mehr an. Diejenigen, die teils weit über 500 Kilometer gefahren sind, erleben jedoch spannende Rennatmosphäre, gut aufgelegte Fahrer und Teams und können mit den Fahrzeugen auf Tuchfühlung gehen.
Insgesamt zehn Rennserien mit rund 350 Fahrzeugen bot das fünfte Jim Clark-Revival, welches demzufolge auch als „International Historic Grand Prix“ firmierte. Mit dabei der Formel V Cup & Haigo ADAC-Formel-Historic Cup, die FIA Lurani Trophy mit Fahrzeugen der Marke Brabham, Elva, Lola, Emeryson, Stranguelli und Lotus. Ferner am Start: der GTC-TC Tourenwagen Historic Cup mit besagtem Aston Martin, Ford GT 40, Dodge Charger, Ford Mustang, Escort RS, BMW 2002 Ti, angereichert mit zahlreichen Rennfahrzeugen aus dem ehemaligen Ostblock. Danach kreischten die Rennboliden der EuroBoss Serie über den Ring, gefolgt von der Interserie und dem Orwell Super Sports Cup 2009. Spannungsgeladen präsentierte sich auch die Spezial-Tourenwagen-Trophy mit Porsche GT3 Cup-Modellen, GT2 und Turbo-Fahrzeugen, aber auch einigen VW Golf I Modellen. Als Abräumer entpuppte sich einmal Daniel Schrey mit seiner gelben Dodge Viper. Ein Crash mit heftigem Bandeneinschlag sorgte zudem am Samstag für kurzzeitige Aufruhr.

Friedliche Höhepunkte waren außerdem die Jim Clark Memorial Parade, welche zu Ehren des zweifachen schottischen Formel 1-Weltmeisters samstags und sonntags stattfand. Hierzu waren alle Rennfahrzeuge eingeladen; ein Genuss für Augen und Ohren. Nicht fehlen durfte auch der Klassikercorso, der den Besuchern ermöglichte, die Rennstrecke aus einer anderen Perspektive zu erleben: nämlich als Fahrer. Mehrere hundert Automobilliebhaber, nahmen hieran teil. Der Guinness-Weltrekordversuch mit der längsten Mustang-Schlange auf der Rennstrecke konnte zwar nicht ganz geknackt werden, jedoch nahmen immerhin 42 Ford Mustang-Fahrzeuge (ohne Baujahresbegrenzung) an dem Weltrekordversuch teil und sorgten für einen tollen Einblick in die Historie dieser traditionellen Automobilmarke. Brian Chase von Millers Oil hatte den sechsfachen Deutschen Rallye-Meister Matthias Kahle mit seinem Porsche 911 GT3 zur Autogrammstunde geladen.
Die Veranstalter zogen ein durchaus positives Resümee: „Circa 9.400 Besucher am Wochenende bestätigten, dass auch ein neuer Standort kein Hindernis ist, beim Jim Clark-Revival tollen und fairen Motorsport auf höchstem Niveau, garniert mit einem umfangreichen Rahmenprogramm, zu erleben“, sagte Organisator Ronny G. Bredhauer. Bleibt zu hoffen, dass das Revival auch im nächsten Jahr auf Tour geht. Rennfahrzeuge wie der Aston DB 4 GT, Porsche 911 und Ford GT 40 lohnen die Anreise. Jim Clark übrigens, der große Namensgeber des Revivals, verunglückte am 7. April 1968 unter nie ganz geklärten Umständen während eines Formel-2-Rennens auf dem Hockenheimring tödlich. Sein fahrerisches Talent und seine Treue zu Colin Chapman und dem Lotus-Team und nicht etwa der „Glamour-Faktor“ machten ihn zur Legende. Der Rennfahrer Clark selbst weilte ansonsten viel lieber zu Hause in Schottland auf seiner entlegenen Farm als im Rampenlicht. Genau diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, als ich in der Abendsonne den Jaguar zur Rückfahrt starte. Ein Aspekt, den auch der entlegene Lausitzring sehr authentisch vermittelt.
Text und Fotos: Mathias Paulokat
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