Direkt zum Inhalt

Magazin

Diese Straßenversion des Porsche 911 RSR hatte nie Asphalt unter den Reifen

Obwohl er ein heiliger Gral für Porsche-Sammler ist, hat dieser 911 Carrera RSR 3.8 Strassenversion seit vielen Jahren keine Waschanlage mehr gesehen. Als eines von zwei hochgradig individualisierten und für einen VIP-Kunden gebauten Exemplaren hat er nach 30 Jahren nur 10 Kilometer auf dem Tacho.

 

Auf den ersten Blick sieht dieser polarsilberne Porsche 911 aus, als wäre er gerade erst in einer vergessenen Garage entdeckt worden, so dicht ist die Staubschicht auf dem Lack. Tatsächlich sorgte das Fahrzeug aber bereits vor rund zweieinhalb Jahren für großes Aufsehen, als es Ende 2023 in genau diesem Zustand versteigert wurde. Seit diesem Verkauf blieb der ultimative moderne Scheunenfund offenbar völlig unberührt in einer privaten Sammlung. Nun soll dieser unberührte Porsche 911 Carrera RSR 3.8 Strassenversion aus dem Modelljahr 1993 am 8. Juli bei der Woodcote Park Auktion von RM Sotheby's in derselben Staubhülle erneut unter den Hammer kommen. Das Estimate liegt bei 1,85 bis 2,2 Millionen Pfund, oder umgerechnet etwa 2,1 bis 2,5 Millionen Euro.

Um die Bedeutung dieses extrem seltenen Homologationsmodells zu verstehen, muss man die außergewöhnliche Karriere des 964 Carrera RSR betrachten. In den frühen neunziger Jahren war diese Bestie mit ihrem 380 PS starken Sechszylinder-Boxermotor im internationalen Motorsport-Zirkus praktisch unschlagbar. Der Rennwagen siegte beim 24-Stunden-Rennen von Spa-Francorchamps, den 1000 Kilometern von Suzuka sowie den 24 Stunden von Interlagos und heimste sogar im Kampf gegen waschechte Prototypen Gesamtsiege ein.

 

Neben einem dominanten Klassensieg bei den 24 Stunden von Le Mans belegte er in Daytona die ersten vier Plätze seiner Kategorie und untermauerte damit seinen Status als ultimativer von einem Serienmodell abgeleiteter Rennwagen aus Zuffenhausen. Selbst nach heutigen Maßstäben ist die Homologationsversion atemberaubend schnell. Die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 3,8 Sekunden war in den Neunzigern herausragend, und der Abstand zu einem modernen 911 GT3 beträgt nicht einmal eine halbe Sekunde.

Während die meisten der 51 gebauten RSR direkt an den Start gingen, hatte ein VIP-Kunde von Porsche eine andere Vision. Als die Sportwagenschmiede mit schweren finanziellen Problemen zu kämpfen hatte, gab dieser Sammler eine erstaunliche Großbestellung über sechs extrem seltene Fahrzeuge auf. Konkret umfasste der Kauf vier Turbo S Leichtbau und zwei straßentaugliche RSR-Strassenversionen. Damit seine individuelle Flotte aus der Masse herausstach und ihre Zusammengehörigkeit optisch direkt erkennbar war, gab er für alle sechs Fahrzeuge zwei besondere Detailänderungen in Auftrag: goldene Bremssättel und Speedline-Felgensterne in Amethyst-Metallic.

 

Die Erfüllung dieses Großauftrags forderte dem Kunden beispiellose Geduld ab. Während die reguläre RSR-Produktion im Sommer 1994 endete, wurde dieses spezifische Auto mit der Fahrgestellnummer 496107 erst im März 1996 ausgeliefert. Die Verzögerung von fast zwei Jahren war einzig und allein auf die Interieur-Wünsche des Besitzers, die extrem zeitintensiv waren, zurückzuführen. Er bestellte das komplette Cockpit in Sonderleder Indischrot. Die Handwerker von Porsche bezogen nicht nur Sitze und Armaturenbrett, sie ummantelten auch den gesamten Matter-Überrollkäfig, die Lenksäule und sogar die Leitungen der integrierten Lufthebeanlage in Handarbeit mit passendem rotem Leder. Auch das Zündschloss, die Schalter und die Wischerhebel wurden mit Leder verkleidet, um die perfekte Symbiose aus Luxusauto und Rennwagen zu erschaffen.

Obwohl das Fahrzeug mit einem Le-Mans-Motor mit Doppelzündung und einem 120-Liter-Kraftstofftank ausgestattet war, durfte er sein dynamisches Talent nie unter Beweis stellen und fristete jahrzehntelang in einer Garage ein eher trauriges Dasein. Im Jahr 2015 wurde der Wagen mit nur 10 Auslieferungskilometern auf dem Tacho wiederentdeckt. Bis heute trägt er seine werkseitig aufgetragene Cosmoline-Schutzschicht und steht noch auf seinem ersten Satz Reifen. Weil die nachfolgenden Besitzer sich entschieden, das Auto genau so zu erhalten, wie sie es gekauft hatten, kehrt es nun mit demselben Staub, der sich während seines Dornröschenschlafes über ihn gelegt hatte, auf den Markt zurück. Die abwaschbare Patina gehört mittlerweile zum Charakter dieses außergewöhnlichen RSR – eine Reinigung würde nur die Geschichte dieses Autos zum Teil wegwaschen.

Fotos: Neil Fraser für RM Sotheby's


 

AUTO ANSEHEN


 

Watch our latest YouTube videos