Zeitenwende: Die Reverso von Jaeger-LeCoultre wird 80

Die legendäre Reverso von Jaeger-LeCoultre feiert in diesem Jahr ihr 80. Jubiläum. Grund genug für Uhrenliebhaber und Autor Gisbert L. Brunner auf die bewegte Geschichte der Armbanduhr mit dem Spinn zurückzublicken

Die lange Geschichte der Uhrmacherei ist gespickt mit unzähligen Mythen und Märchen. Manche dieser Geschichten ranken sich um Persönlichkeiten, andere um ikonenhafte Zeitmesser. Doch zu den Mythen gesellen sich immer wieder Begebenheiten, welche sich tatsächlich so abgespielt haben, wie immer wieder kolportiert. Eine dieser wahren Geschichten ist die Historie einer Armbanduhr, die 2011 ihren 80. Geburtstag feiert – die Reverso aus dem Hause Jaeger-LeCoultre.

Bereits 1931 wurde die Armbanduhr mit dem Dreh präsentiert und ist seitdem ohne Unterbrechung bis heute auf dem Markt. Zwar gab es auch schwere Zeiten für den exzentrischen Zeitmesser, dennoch war und ist die Reverso ein ausgesprochener Erfolg. Heute meist ein modisches Accessoire stilbewusster Damen und Herren, verdankt die Uhr ihre Entstehung einem ganz praktischen Umstand. Die Anfänge der Uhr sind im fernen Indien zu finden, als die britische Krone noch ihre koloniale Vorherrschaft innehatte. In ihrer Freizeit erfreuten sich die englischen Offiziere am Polospiel, jenem rasanten Ballsport zu Pferde, das reiterliches Können und Geschick voraussetzt. In den mehr als 150 Polo-Clubs auf dem indischen Subkontinent drehten sich die Diskussionen der Herren nicht nur um die besten Ponys, sondern auch um die passenden Accessoires.

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Zu dieser Zeit bewegte ein heftiger ideologischer Streit die Gemüter, wenn das Thema Uhren zur Sprache kam. Die neumodischen für das Handgelenk gefertigten Uhren liefen der Taschenuhr an der Kette mehr und mehr den Rang ab. Auch Polospieler schätzten den Vorteil, im Eifer des Gefechts nur den Unterarm leicht drehen zu müssen, um die Zeit abzulesen – und nicht den Zeitmesser umständlich aus einer Tasche ziehen und danach wieder dort verstauen zu müssen. Andererseits waren die Armbanduhren gleichfalls nicht ohne Fehl und Tadel. Speziell die mangels Alternative durchgängig verwendeten Kristallgläser gaben Anlass zur Kritik. Unsanfte Behandlung ließ sie in Windeseile zerbersten und gefährdete dadurch auch Zifferblatt und Zeiger.

Als der Uhrenimporteur César de Trey 1930 Indien besuchte, hielt ihm ein Offizier nach dem Polomatch erbost das Wrack seiner Armbanduhr unter die Nase. Der Schweizer möge sich doch um eine Lösung dieses keineswegs singulären Problems bemühen. Zurück in Europa berichtete er an seinen Geschäftspartner Jacques-David LeCoultre über die Sorgen der Commonwealth-Offiziere in Indien. Der wiederum brachte den aus Paris stammenden Ingenieur René-Alfred Chauvot ins Spiel. Der Franzose nahm sich der Sache mit der ihm eigenen Kreativität an. Das bis dato bekannte, aber wenig attraktive Schutzgitter über dem Kristallglas der Uhr stellte für ihn keine Alternative dar. Stattdessen entwickelte er eine umwälzende Idee, welche am 4. März 1931 in einen Patentantrag für „eine Uhr, die in der Lage ist, aus ihrem Gestell zu gleiten und sich ganz umzudrehen“, endete. Mit anderen Worten fertigte Chauvot ein Gehäuse aus Edelstahl an, das sich mit Hilfe von Führungsnuten, vier Führungszapfen und Rasten auf seiner Grundplatte verschieben und vollständig herum drehen lässt. Das empfindliche Glas wanderte kurzerhand nach unten. Sowohl Uhrmacher LeCoultre, als auch der Genfer Gehäusefabrikant Wenger waren begeistert.

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Die Entscheidung für die Serienproduktion der rechteckigen Version mit klassischen Art-Déco-Elementen ließ dann nicht lange auf sich warten. Diese passte besser zu den gestalterischen Trends der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Die ersten Armbanduhren trugen auf ihrem Zifferblatt übrigens nur den Namen Reverso. Weil Jaeger-LeCoultre noch kein passendes Kaliber besaß, durfte die schweizerische Tavannes Watch Company bis 1933 ihr Form-Handaufzugswerk liefern. Später dann standen die neuen Kaliber 404 (ohne Sekundenzeiger), 410 mit kleiner Sekunde und 411 mit Zentralsekunde zur Verfügung. Alle drei steigerten die Attraktivität der Reverso, welche sich kontinuierlich zu einem wahrhaftigen Welterfolg entwickelte.

Als die Industrie endlich bruchfeste Gläser ersonnen hatte und das Rechteck in den 40er Jahren aus der Mode kam, wurde es relativ still um die Reverso. Drei Jahrzehnte später kam Genosse Zufall der fast schon vergessenen Wendeuhr zu Hilfe: Beim Rundgang durch die Ateliers entdeckte ein gewisser Signore Corvo, ein neugieriger Jaeger-LeCoultre-Händler einige Reverso-Gehäuse. Er griff danach und begehrte Information. Als Antwort erhielt er, dass man solche Uhren früher einmal in größeren Stückzahlen gebaut habe und dies seien die Reste. Nach einigem Hin und Her konnte der Italiener sechs der Klassiker erwerben und in seinem Schaufenster präsentieren. Nach nur kurzer Zeit waren diese Sechs vergriffen und die Nachfrage für weitere Exemplare sorgte bei Jaeger-LeCoultre für Aufmerksamkeit. Kurzum erlebte die Reverso eine beispiellose Renaissance mit einer niemals da gewesenen Vielfalt an Kalibern, Komplikationen und gestalterischen Varianten, die jedoch ausnahmslos kantig blieben.

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Fast schon puristische Schlichtheit kennzeichnet die 2011er Grande Reverso Ultra Thin. Das nur 2,94 Millimeter hohe Manufaktur-Handaufzugswerk 822, zusammengefügt aus 134 Komponenten, macht die Wendeschale schlank wie nie. Nur 7,2 Millimeter dick, verkörpert der geschichtsträchtige Newcomer wie selten zuvor die Reduktion auf das Wesentliche. Und das ist ohne Zweifel die kostbare Zeit. Am Ende bleibt wie so oft im Leben die Qual der Wahl zwischen distinguiertem Rotgold und edlem Stahl. Die Entscheidung fällt ohne Zweifel alles andere als leicht.

Text: Gisbert L. Brunner
Fotos: Jaeger-LeCoultre



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